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Nüdling-Ausstellung

„Der Herzschlag eines Lebens“

29.01.2012 | 19:03 Uhr
„Der Herzschlag eines Lebens“

Lünen.„Das war eine Ausstellungseröffnung der Superlative. Mehr als 300 Gäste hatten sich am Sonntagmorgen im Hansesaal versammelt - so viele wie nie zuvor - und längst nicht alle fanden einen Sitzplatz. Eröffnet wurde die Ausstellung des ehemaligen Lüner Stadtgrafikers Hermann Nüdling, der bis zum 26. Februar in der Stadtgalerie mit fast 120 Exponaten in seiner alten Heimat präsent sein wird. Die herzlichen Begrüßungen, die Umarmungen und das vielfache Händeschütteln für den ins Emsland ausgewanderten „verlorenen Sohn“ machte die Veranstaltung zu einem Wiedersehensfest unter Freunden. Zum anderen zeigte sich deren überregionale Bedeutung aber auch an dem Fachpublikum und an den vielen Gästen aus dem Umland.

„Als mich an meinem 80. Geburtstag vor vier Tagen mein ,irdischer Schutzengel‘ fragte, ob ich jetzt eine Lebensbilanz ziehen wolle, fragte ich, ob das nicht ein bisschen früh sei“, verriet der Künstler Hermann Nüdling bei der Vernissage. So sieht er die Exponate auch eher als Querschnitt aus dem „Herzschlag eines Lebens“, dem noch viele weitere folgen sollen. Deshalb hob der Beigeordnete Horst Müller-Baß auch die ungebrochene vitale Schaffenskraft des Künstlers hervor.

Ulrich Fischer als Vorsitzender der Stiftung für Kulturpflege der Sparkasse Lünen, die maßgeblich an der Realisation der Ausstellung beteiligt war, stellte das hohe Qualitätsniveau der gezeigten Exponate heraus. Er betonte, dass mit dieser Präsentation neue Dimensionen erreicht würden und dankte in diesem Zusammenhang den beiden „jungen Senioren“ Karl Marek und Hans- Jürgen Korn als Initiatoren für 1 700 ehrenamtlich geleistete Arbeitsstunden.

Professor Georg Meggle von der Universität Leipzig brachte als Freund des Künstlers dem Publikum den Menschen Nüdling näher. Er berichtete von dessen Befall mit der Knochentuberkulose, der Beinamputation und der jahrelangen Unbeweglichkeit. Dann kam der ärztliche Ratschlag zum Zeichnen als Therapie. So betrachte Nüdling nach eigenen Angaben die Krankheit als sein Glück, das Zeichen sei zum Synonym für lebenswichtiges Atmen geworden. „Inzwischen kann er die Feder tanzen lassen, sie führt seine Hand und ihn zum intuitiven Zeichnen.“ Abschließend würdigte Meggle den Künstler als Universalgenie, denn er sei nicht nur Zeichner, sondern auch Schriftsteller, Philosoph, Fotograf und „Sprechartist“.

Stadtfilmer Knut Thamm zeigte zu Ehren Nüdlings eine Filmkollage, unterlegt mit Jazz-Musik, die den Geehrten sitzend zu rhythmischen Bewegungen animierte. Der Film schloss mit dem von einem Seniorenchor vorgetragenen Lebensmotto: „Forever young.“

Beim Rundgang durch die Ausstellung bildeten sich bei manchen Exponaten Schlangen, die an den Zuspruch bei der Mona Lisa erinnerten. Nur dass Nüdlings Werke schwerer verdaulich sind. Sie müssen „gelesen“ werden. Nur so kann man versuchen, sie zu verstehen. Der Künstler selbst gibt keine Deutungen. Doch eins ist immer wieder in den Bildern erkennbar: Die Morbidität der heutigen Welt. In diesem Sinne sind sie zeitkritisch, aufrüttelnd und viel zu oft auch erschreckend. Da zeigt die Zeichnung „Folter“ einen menschliches Torso, geschunden und verstümmelt. Auch sein Bild „Auferstehung“ regt zum Nachdenken an. Denn Christus trägt auch nach dem Sieg über den Tod immer noch die Dornenkrone. Verständlich, dass bei Nüdlings Bildern von der Düsternis des Lebens das Schwarz dominiert. Sein ausgestelltes Buch aus dem Jahre 2007 trägt nicht umsonst den Titel: „Die Summe aller Farben ist schwarz.“ Deshalb sind in der Stadtgalerie auch nur wenige farbige Bilder zu sehen. Hierunter sind Mandala-Aquarelle als Sinnbilder für den Zusammenklang von Mensch und Kosmos und die Kollagen über die Lüner Industrie, die zum Beginn der Städtepartnerschaft mit Zwolle entstanden sind.

In einem anderen Bereich werden die Spuren sichtbar, die Nüdling als Stadtgrafiker hinterlassen hat: Logos auf Behördenpapier und das legendäre Jazz-Light-Plakat mit brennenden Kerzen auf den Ventilen. Bleibt zu hoffen, dass bis 26. Februar noch viele Interessierte diese sehenswerte Ausstellung besuchen werden.

Diethelm Textoris

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