"Bitte gebt diese Botschaft weiter!"
10.11.2009 | 18:34 Uhr 2009-11-10T18:34:00+0100
Lünen. Manche Menschen wachsen in Liebe auf – andere in einer Welt, die von Gewalt, Unterdrückung und Grausamkeit geprägt ist. Die deutsch-türkisch Autorin Fatma Bläser zählt zweifellos zu den Letzteren.
Die Leverkusenerin mit kurdischen Wurzeln brauchte lange, um den nie endend wollenden Züchtigungen, den Erniedrigungen mit Peitsche und Gürtel, endgültig zu entkommen – jahrelang wurde sie von Familienangehörigen geschlagen, erlebte eine Gewaltorgie im Namen der „Ehre”. Auf Einladung des Netzwerkes „Wegen der Ehre” und des Multikulturellen Forums las die 45-Jähige am Dienstag in der Kollwitz-Gesamtschule aus ihrem Buch „Hennamond”.
Dies vorweg: Gewissermaßen hat Bläsers erschreckende Geschichte ein gutes Ende – und wenn schon kein gutes, dann doch zumindest ein versöhnliches: Mit ihrem Vater – jenem Mann, der seine Tochter in der türkischen Heimat einem prügelnden Onkel überließ, nur um später in Deutschland höchstselbst zuzuschlagen – mit diesem Mann konnte sich die Autorin am Ende doch noch versöhnen: „Mach diese Arbeit weiter”, habe ihr Vater kurz vor seinem Tod zu ihr gesagt, sogar von Reue habe er gesprochen – als Bläser von diesem Gespräch berichtet, ist ihre Ergriffenheit kaum zu übersehen.
Die Freiheit der Schwester
Jene Arbeit, zu der Bläsers Vater am Ende doch noch ermutigte – am Dienstag führte sie die Leverkusenerin zuerst an die Dammwiese, später dann in die Räume der Scholl-Schule: Seit einiger Zeit liest die Autorin regelmäßig vor Schülern, spricht über Ehrenmord und Zwangsheirat, zieht gegen einen falsch verstandenen Begriff der „Ehre” ins Feld. „Ehre ist, für die Freiheit der Schwester zu kämpfen”, lautet ihr Slogan – und Bläser weiß genau, wofür sie da einsteht: Vor einiger Zeit konnte sie nicht verhindern, dass eine junge Frau, für die sie sich stark gemacht hatte, im Namen der Familienehre brutal ermordet wurde – Fatma Bläsers eigener Bruder zielte aus ähnlichen Gründen mit einer Pistole auf seine Schwester.
"Gebt diese Botschaft weiter"
„Bitte gebt diese Botschaft weiter”, fordert die Autorin ihre Zuhörer am Ende auf, das Publikum zeigt sich beeindruckt. Schweigend hören die Schüler zu, als die Autorin teils aus ihrem Buch liest, teils fürchterliche Erinnerungen heraufbeschwört. Spürbares Erstaunen über eine Frau, die trotz traumatischer Vergangenheit derart kämpferisch durchs Leben geht. Doch Bläsers Stimme spricht Bände: Berichtet sie von Schlägen, Fluchtversuchen oder Zwangsheirat, dann scheint sie all dies noch einmal zu durchleben – die Stimme fast flehend, die weit aufgerissenen Augen eher auf einen Punkt in der Vergangenheit gerichtet, als auf die Schüler vor dem Podium. „Weil ich all das erlebt habe, habe ich geschworen, zu kämpfen”, sagt sie und lässt ihr Buch auf den Tisch fallen. Applaus von den Schülern. Die ersten lauten Geräusche seit mehr als einer Stunde.
Bevor der Kabarettist Ilhan Atasoy für einen humoristisch-musikalischen Ausklang sorgt, stellt Bläser noch klar: Zwangsheirat und Ehrenmord sind „ein Phänomen, das nicht auf den islamischen Kulturkreis beschränkt ist. Dies ist keine Frage der Religion.”
0mitdiskutieren