Unfreies System keine Entschuldigung
29.06.2010 | 16:22 Uhr 2010-06-29T16:22:00+0200
Lüdenscheid. „Die Revolution des Jahres 1989 hat mir, der ich unerträglich geworden war, wahrscheinlich Frau und Kinder gerettet, also Weltrettung.“
Mit sich selbst und seinem früheren Leben ging der Feuilletonredakteur Hans-Dieter Schütt, bis zum Herbst 1989 Chefredakteur der FDJ-Tageszeitung „Junge Welt“, beim „Lüdenscheider Gespräch“ im Rahmen der Tagung „Autobiographie und Zeitgeschichte“ des Instituts für Geschichte und Biographie der FernUni Hagen (WR berichtete) schonungslos ins Gericht.
Vor voll besetzten Rängen schilderte der gebürtige Thüringer in Auszügen aus seinem autobiographischen Essay „Glücklich beschädigt. Republikflucht nach dem Ende der DDR“, was es heißt, auf die falsche Karte gesetzt zu haben. „Journalismus, betrieben für ein unfreies System, darf nicht auf Entschuldigung hoffen“, räumte er ein. Zur Aufarbeitung dessen, was war, sei sein Buch in erster Linie für ihn selbst wichtig gewesen. Die Radikalität, mit der er sich selbst als Ja-Sager und von der Macht Verführter bezichtigte, war bemerkenswert.
Ende der DDR wie das Ende einer Geiselnahme
„Chefredakteur einer Zeitung zu sein, die täglich eine Auflage von 1,6 Millionen hat: Das ist schon ‘was“, gab Schütt zu. Er habe die Jahre, wo er Fragen hätte stellen müssen, nicht erlebt.
Nach dem Ende der DDR - entlassen und als „Stalinist, von dem man sich trennen müsse“ gebrandmarkt - habe er lange überlegt, ob er im Beruf des Journalisten bleiben solle. Heute - immer noch Journalist - habe der Westen in ihm überhand genommen. „Der Westen breitet sich in mir aus.“ Als Ende einer Selbstgeiselnahme bezeichnete er das Ende des DDR-Systems, dessen Sprachrohr er viele Jahre war.
Unbeantwortet stand die Frage, ob es Alternativen für ihn gegeben und welche Konsequenzen diese nach sich gezogen hätten, im Raum. „Es gab viele Möglichkeiten, Laufbahnen zu stoppen, wenn sie nicht konform gingen.“ Er habe für seine Arbeit gebrannt. Am System Verzweifelnde hätten ihn nicht berührt. Flucht habe er für Feigheit gehalten.
Einflussnahme der Partei
Heute wünsche er sich, eine andere Vergangenheit zu haben. „Wir mussten, aber ich hab’ das zu meinem persönlichen Auftrag gemacht“, umriss er seine Rolle bei der Einflussnahme der Partei auf das, was die „Junge Welt“ - zentral von oben gesteuert - veröffentlichte.
Auseinandersetzungen mit Friedrich Schorlemmer, der zu DDR-Zeiten sehr diffamiert wurde, Reaktionen auf sein Buch und seinen „Rückzug“ ins Feuilleton-Ressort griff er als Diskussionsthemen auf. Politisch wolle er sich nicht mehr äußern.
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