Sachliche Wirklichkeit
27.03.2009 | 14:47 Uhr 2009-03-27T14:47:00+0100Lüdenscheid. Rotweinflecken auf einem weißen Tuch, Brotkrumen, ein vergessenes Messer und ein leeres Glas konfrontieren in Wolfgang Uhligs Arbeiten zum Thema „Bon appétit" mit Vergangenem, Spuren und Hinterlassenschaften festlicher Geselligkeit.
Unwillkürlich bleibt das Auge in der Ausstellung „geschossen + gedruckt" zum Druckerei Seltmann Werbefotopreis in den Museen an den Fotografien des Preisträgers in der Kategorie „Still life" hängen und beginnt sich eine Geschichte zu dem (fast) abgeräumten Tisch, dem beschmutzten Tischtuch und der Leere ringsumher auszumalen.
Geschichten hinter dem Rotweinfleck
Ein festlicher Anlass, von dem die Momentaufnahme erzählt? Mit Sicherheit. Dafür spricht das feine, weiße Tischtuch. Ein ausgelassenes Fest? Wahrscheinlich. Zumindest die Rotweinflecken assoziieren weinseliges Beisammensein.
Je mehr die Geschichte „davor" im Kopf des Betrachters Gestalt annimmt, desto trister wirkt der verwaiste Tisch, den das Werbefoto zeigt. In vielen Arbeiten, die derzeit in den Museen innovative Werbefotografie zeigen, hat die narrative Komponente starkes Gewicht.
Statt schönem Schein und idealisierter Traumwelten zeigen viele Bilder den Alltag, entzauberte Wirklichkeit statt Illusion. Anderes kommt witzig und originell daher, wie die „Niemalswelken" - Blumen aus Besteck - von Anneke Dunkhase oder die Beine, die sich beim „Walking in my shoes" (Andrea Borowski) keck in die Höhe recken. Schräge „Future Cars" gibt's statt nobler Edelkarossen - und wenn sie auftauchen, dann mit Hund in Pose.
Zwischen Kunst und Werbung
Charakterköpfe stehlen aus dem Ei gepellten Schönheitsidealen die Schau. Kunstfoto oder Werbefoto? Die Übergänge sind fließend. Geschichten erzählen auch die Arbeiten von Peter Franck, Preisträger in der Kategorie „People/Emotion", der anhand banaler Ausstattungsgegenstände und Interieurs der Tristesse in schäbigen Etablissements nachspürt. „Hotel" heißt seine denkwürdige Serie aus dem Rotlichtmilieu. Mit der multiperspektivischen Konstruktion „Der Stand der Dinge" ist Marco Röpke und Manja Schiefer ein preiswürdiger, frappierender Beitrag zum Thema „Product in use" gelungen. „In use" sind Bildschirme und Computer, die in einer wahren Flut von Tischen, Stühlen, Papieren und Schnipseln untergehen. Lohnenswert ist überdies ein Blick auf die „tagnacht"-Arbeiten von Förderpreisträger Matthias Steffen, die poetisch mit Vorgefundenen spielen.
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