Letzten Tagen mehr Leben geben
03.02.2012 | 18:11 Uhr 2012-02-03T18:11:00+0100Lüdenscheid.An einem Tisch sitzen zwei Frauen. Sie zerschneiden Weintrauben und picken die Kerne heraus. Der Gast mag sie nicht. Zu viel Arbeit? Nicht im Hospiz. „Die Weintrauben könnten seine letzten sein.“
Jeder Wunsch wird den Menschen im Hospiz des Amalie-Sieveking-Hauses von den Lippen abgelesen: Eine Wurst vom Markt besorgen, vorlesen, zusammen fernsehen, oder auch einfach nur mal die Hand halten. Damit das überhaupt möglich ist, sorgen sich 22 Ehrenamtliche um die Sterbenden. „Unsere Schwestern sorgen sich um die Pflege, ihr seid gut für die Seele“, sagt Leiterin Marion Kleiner und lächelt. Denn gelacht werden darf hier, auch bei solch todernsten Angelegenheiten.
Die meisten Ehrenamtlichen kommen das erste Mal mit dem Hospiz in Berührung, wenn sie selbst einen Angehörigen hier haben. So auch Erich Lange. „Vier Monate lang lag meine Frau hier“, erzählt er. „Als sie erfuhr, wo sie war, sagte sie, sie wolle nicht sterben. Da haben wir gekämpft. Danach lebte meine Maus noch vier Jahre bei mir.“
Der Tod ist immer da – Die Angst auch
Dass jemand nach einem Hospizaufenthalt wieder nach Hause kann, ist selten. Das wissen alle. „Ein Wunder.“ Für all die Menschen, die diese Wunder nicht erleben können, schenkt das Team seine Zeit. Meistens kommen sie über Hobbys ins Gespräch: „Ich habe mich mit einem Herren über Fahrräder unterhalten. Da blühte er auf. Bei meinem nächsten Besuch war er auf seiner ganz großen Fahrradtour.“
Der Tod ist da. Und mit ihm die Angst. Auch bei den Angehörigen. „Manchmal muss man sie einfach in den Arm nehmen“, sagt Stefanie Reck. „Bei uns darf man auch weinen, sich alles von der Seele reden.“ Das geht am besten auf der Dachterrasse. In einen der Strandkörbe. Mit Milchkaffee und Schokoladenkeksen.
Besonders schlimm wird es für die Ehrenamtlichen, wenn Gäste, die lange Zeit im Haus waren, sterben. Jeder geht auf seine Weise damit um. Elisabeth Ruff: „Ich gehe schon mal auf eine Beerdigung, um abschließen zu können.“ Ingrid Schröder: „Ich versuche immer einen Schnitt zu machen. Aber natürlich gelingt das nicht immer.“ Stefanie Reck: „Manchmal ist auch die Gewissheit da, dass der Tote nun erlöst ist.“
Doch bis es soweit ist, geben die Ehrenamtlichen, was sie können. Einem Gast haben sie es sogar möglich gemacht, auf der Bigge noch einmal Schiff zu fahren, ein anderer bekam Besuch von seinen Hunden, sogar der Wunsch von eigenen Vögeln ging in Erfüllung.
All diese guten Taten stehen sowohl für die Ehrenamtlichen als auch für die Angestellten unter dem Leitmotiv der Hospizerfinderin Cicely Saunders: „Es geht nicht darum, dem Leben mehr Tage zu geben, sondern den Tagen mehr Leben.“
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