Kinder, die zu Gotteskriegern werden
10.11.2011 | 12:20 Uhr 2011-11-10T12:20:00+0100
Lüdenscheid.„Ich bin wirklich nur Spezialist für diese zwei Biographien, nicht für den Dschihad!“ Anhand zweier Lebensläufe, wie sie sich unterschiedlicher kaum darstellen können, suchte Dr. Martin Schäuble (Berlin) am Mittwoch bei den „Lüdenscheider Gesprächen“ im Institut für Geschichte und Biographie, Ursachen für die Hinwendung Jugendlicher zum Dschihad zu beleuchten.
Aufmerksam geworden war das Institut auf den Sozialforscher und Journalisten durch sein Buch „Black Box Dschihad“, das sich explizit an Jugendliche richtet und durchweg sehr gute Kritiken erhielt. Dem Buch ging die Doktorarbeit des Berliners über Dschihadisten voraus.
Für sein Buch habe Schäuble nicht nur Interviews geführt, sondern auch Feldforschung betrieben, erklärte Dr. Almut Leh vom Institut.
Feldforschung
Am Beispiel des „Sauerlandbombers“ Daniel, der vor Ausführung eines Terrorakts verhaftet werden konnte, und des Palästinensers Sa’ed, der sich in Jerusalem in die Luft sprengte und mehrere Menschen mit in den Tod riss, zeichnete Schäuble den Weg zweier Gotteskrieger in die Radikalisierung nach.
Fotos zeigten Daniel, der sich als Einziger aus seiner Gruppe bei der Verhaftung nicht verhüllte, und Sa’ed als Kinder und Jugendliche. Aus Gesprächen mit ihrem Umfeld rekonstruierte Schäuble zwei völlig unterschiedliche Lebensläufe, die in den Terror mündeten.
Gespräche zu führen, lehnte der einsitzende Daniel ab. „Die Recherche war eine Herausforderung, weil keiner im Saarland über ihn sprechen wollte“, bekannte der Referent. Während Daniel als Schwerverbrecher gelte, werde Sa’ed in Nablus, seiner Geburtsstadt, noch heute als Märtyrer gefeiert. Schon im Kindergarten habe der aus ärmsten Verhältnissen stammende Sa’ed, der die erste Intifada mit Steine werfenden Jugendlichen und die zweite, deutlich brutalere Intifada miterlebte, das von den Kindern erfundene Spiel „Der Märtyrer ist der Liebling Gottes“ mitgespielt.
Steine und Bomben
Als Muttersöhnchen mit weiblichen Zügen, der es mit seinen Brüdern schwer hatte und in der Schule nicht zurechtkam, zeichnete er den späteren Gotteskrieger. Als die Gewalt der Intifada in seiner eigenen Familie ankam und in der Moschee, seinem bisherigen Rückzugsort, Hasspredigten gegen Israel aufflammten, ließ er sich von den Al-Aksa-Brigaden rekrutieren. Nach anfänglicher Euphorie über den Heldentod ihres Sohnes weine die Mutter heute, wenn sie an Sa’ed denke, so der Referent.
Als verschlossenes Kind und kritischen Schüler lernten die Zuhörer Daniel, der einen schlimmen Scheidungskrieg der Eltern miterlebte, kennen. Mit einem Iraker befreundet, sei für ihn der Einmarsch der amerikanischen Truppen in den Irak ein einschneidendes Erlebnis gewesen. Der Versuch, auszusteigen und am Amazonas zu leben, scheiterte kläglich. Zurück in Deutschland, fand er Halt in seiner früheren Basketball-Mannschaft und besonders in Hussein, einem radikalen Islamisten. Vor seiner Entscheidung, für Hussein zu kämpfen, ging er zur Bundeswehr.
0mitdiskutieren