In der "Krankmachmaschine" DDR
08.11.2009 | 19:19 Uhr 2009-11-08T19:19:00+0100Märkischer Kreis. 1968. Eine Lücke in der Mauer, eine Lücke im System? Herbert Bodes Neugier, die Lücke zu finden, wurde mit eineinhalb Jahren Gefängnis bestraft. Kurze Zeit später gebar seine Frau einen Jungen.
Martin Bode gibt einen Einblick in sein Leben in der DDR. Drama statt Komödie.
„Als mein Vater ins Gefängnis kam, wurde meiner Mutter die Scheidung nahegelegt”, erzählt Martin Bode. Aber Elisabeth Bode stand zu ihrem Mann. „Als mein Vater aber aus dem Gefängnis kam, war er nicht mehr der Selbe.” Er durfte sich der Familie bis auf 100 Metern nicht nähern, Bier und Schnaps ebneten schließlich doch den Weg zur Scheidung.
Heute weiß Martin Bode, dass er sein ganzes Leben lang schon unter Beobachtung stand: Tante und Onkel waren für die Stasi aktiv. Der Onkel fragte, was der damals Fünfjährige werden wolle. Bergsteiger. Warum? „Wenn die mich zur Armee holen, klettere ich auf einen Berg und keiner kommt an mich heran”, war die Antwort.
Zugfahrten zu den Großeltern waren ein Quiz, ohne korrekte Antworten. „Die Bahnpolizei fragte, wo ich hin wolle, warum ich Fahrradteile im Gepäck hätte, warum ich mir ein Fahrrad bauen und wohin ich damit fahren wolle. Die wollten sogar meine dreckige Unterwäsche sehen.”
Mit Freunden schnitt Martin Bode das DDR Emblem von der Fahne und sie schwenkten Deutschlandfahnen zum 1. Mai. Im Geheimen, in aller Dunkelheit.
„Lehrer durften mir keine besseren Noten als drei geben, gestand mir später eine Lehrerin. Ich sollte nie studieren dürfen.” Der bereits beschlossene Vertrag zum Tischler wurde drei Tage vor Lehrbeginn gekündigt.
Ein Stasi-Offizier, in Elisabeth Bode verliebt, gestand der Frau, dass die Wohnung verwanzt sei. Die Familie wurde abgehört, beobachtet, fremde Leute hatten Zugang zur Wohnung und laßen die Post. Die Familie sah den Offizier zum letzten Mal. Genau wie einen Arbeitskollegen, der zur sozialistischen Umerziehungsmaßnahme in eine Psychatrie eingeliefert wurde. „Der Mann starb in der Krankmachmaschine”, sagt Martin Bode.
Wehrdienstunterricht in der Schule. Soldaten besuchten die Klassen: „Was würdet ihr tun, wenn ihr eure Eltern erwischt, wie sie fliehen?” „Ich würde sie erschießen”, antwortete ein Schüler. Der Soldat, sichtlich zufrieden mit der Antwort: „Und warum?” „Weil sie mich nicht mitgenommen haben!”
Dann warben Soldaten für den Armeedienst. „Man sollte sich für 25 Jahre verpflichten, sein Vaterland vor dem kapitalistischen Feind schützen.” Gruppenansprachen, Einzelgespräche. „Alle brachen unter dem Druck zusammen. Die ganze Klasse verpflichtete sich.” – Bis auf zwei Jungs. Martin Bode war einer davon. „Man drohte mir, legte mir meinen ganzen Lebensweg vor: Einzug zum Grundwehrdienst mit 26 Jahren. Einzug zur Reserve, drei mal für je ein halbes Jahr. Kein Urlaub, junge, mir vorgesetzte Soldaten, die mir und meiner Familie das Leben schwer machen würden. Mit 48 Jahren wäre ich dann endlich aus jeder Pflicht entlassen.” Bode widerstand den Drohungen. „Der Mauerfall hat mir schließlich das Leben gerettet. Ich wäre in der DDR nicht alt geworden”, sagt Bode.
Nach der Wende ging es in den Westen. Ein schwerer Autounfall sollte das Leben des jungen Mannes abermals verändern. „Nach dem Unfall bin ich zum Glauben gekommen und ich hatte plötzlich die Kraft meinen Vater zu suchen”, erinnert Bode sich. Bei den ersten Telefonaten trank sich Herbert Bode noch Mut an. „Ich habe für meinen Vater gefastet, nie Alkohol getrunken”, sagt Martin Bode. Und das zeigte Wirkung. Sein Vater hörte auf zu trinken. Vergebung – Veränderung.
Heute lebt Martin Bode im Märkischen Kreis. Er trauert der DDR nicht nach. „Nichts war dort gut.” Dennoch will er Jahre später seine Stasi-Akte einsehen. Aber sie ist verschwunden. Einige Wahrheiten bleiben im Dunkeln.
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