Im Altenheim fliegen die Stühle
18.02.2011 | 12:00 Uhr 2011-02-18T12:00:00+0100
Lüdenscheid.„Spielen Sie Karten?“ Ein Kartenspiel, „Gin Rommé“, führt Fonsia Dorsey und Weller Martin, Bewohner eines Altenheims, im gleichnamigen Schauspiel von Donald L. Coburn zusammen. Sie ist Anfängerin, muss sich die Regeln erklären lassen. Er hält sich für einen Experten und den besten Gin Rommé-Spieler weit und breit. Dennoch sticht sie ihn aus.
Je mehr er verliert, desto heftiger fliegen die Fetzen. Worte, die besser ungesagt blieben, verletzen. Lebenslügen, sorgsam konstruiert, werden aufgedeckt. So zwingend die Karten die beiden einsamen Seelen zusammenführen, so sehr entzweien sie die Streithähne mit schöner Regelmäßigkeit…
Auf die Probleme der immer älter werdenden Gesellschaft warf Coburns Schauspiel, 1978 mit dem Pulitzer Preis für Theater ausgezeichnet, am Mittwochabend im Kulturhaus ein bezeichnendes Licht. Regie beim tragikomischen Bühnenstück, das ein trauriges Ende fand, führten Jan Aust und Katerina Jacob.
Isoliert und bindungslos
Vor gut besuchtem Haus warf „Das Ensemble Jacob-Schwiers“, zuletzt mit Hugo von Hofmannsthals „Jedermann“ auf der Kulturhausbühne zu erleben, Fragen an den Umgang mit alten Menschen und Fragen nach der eigenen Lebensführung auf. Mit der Flucht auf die Terrasse des Altenheims entzogen sich Fonsia und Weller – beide isoliert und bindungslos – dem tristen Leben im Heim, das sich hörbar, fürs Auge jedoch unsichtbar hinter der Terrassentür abspielte. Liselotte Schöttler und Marcus Halbig mimten Pflegerin und Pfleger, die hin und wieder nach dem Rechten sahen. In vier Bildern mischten Fonsia und Weller die Karten zum erbitterten Spiel.
1978 mit Pulitzer Preis ausgezeichnet
Wie sie ihr Leben gelebt hatten – er aufbrausend und bestimmend, sie von ihrer eigenen Rechtschaffenheit überzeugt –, gingen beide auch im Spiel miteinander um. Aus harmlosen, höchst amüsanten Anfängen schaukelte sich das Katz-und-Maus-Spiel der beiden Außenseiter zu bösartigen Auseinandersetzungen, bei denen Tische und Stühle flogen, hoch. Je weiter das Stück voranschritt, desto mehr zeigte Fonsia alias Ellen Schwiers ihre Krallen. Weller (Holger Schwiers), dessen Selbstwertgefühl mit jedem verlorenen Spiel mehr schwand, verlor gänzlich die Kontrolle. Beide waren am Ende völlig niedergeschmettert. Er wankte ohnmächtig, sich schmerzhaft die Hand an die Brust haltend, ins Haus hinein. Sie blieb weinend und verzweifelt zurück – im Recht und noch einsamer als zuvor. Die feinen Nuancen der Wortgefechte, die amüsant, bitter, heftig und zutiefst verletzend daherkamen, spielten die beiden Protagonisten meisterhaft heraus. Was sie ihr Leben lang nicht geschafft hatten, schafften Fonsia und Weller auch im Alter nicht: soziale Kontakte zu knüpfen, sich Lebenslügen zu stellen und etwas zu verändern.
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