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Halver: Süße Mitbringsel weisen Weg zur Kultur

16.08.2010 | 20:40 Uhr
Halver: Süße Mitbringsel weisen Weg zur Kultur
Kulturbahnhof .Foto: Jörg Jung

Halver.Ich hatte mir fest vorgenommen, mich auf meinen ersten Eindruck von Halver zu konzentrieren – und dann das: ein paar Häuser mit schnell wechselnden Ortsbezeichnungen am Straßenrand, eine große Kreuzung.– und schon bin ich mitten in einem Wohngebiet, passiere kurz darauf mehrere Schulen und lande schließlich „Im Sumpf“. Wiesen, Wälder – Ende der Stadt. Erster Eindruck? Klein, überschaubar – viel mehr Eindrücke habe ich bis hierhin nicht sammeln können. Also zurück zum Start. Folgen wir doch dem Wegweiser zum Rathaus.

Auf der Grünfläche gegenüber steht eine Gruppe der unvermeidlichen Park-Bewohner. Bierflaschen kreisen – ich bin froh, auf der anderen Straßenseite zu sein. Das Rathaus, ein Gründerzeitbau, kann nicht verbergen, dass er in früheren Zeiten als Gefängnis genutzt wurde – aber das werde ich erst später erfahren.

Auch im Inneren kündet der Behördenbau davon, dass das Verhältnis zwischen Bürger und Staatsmacht vor 100 Jahren ein gänzlich anderes war. Will man an die schweren Eichentüren wirklich forsch anklopfen? Man will – dafür sorgt ein kleines aber wichtiges Detail: Neben den Türen finden sich nicht nur Namen und Sachgebiete der Mitarbeiter, sondern auch deren Porträts – die Beamten lächeln erfolgreich gegen die preußische Strenge des Gebäudes an.

Ich studiere die diversen Broschüren. „In Halver bewegt sich was“, verkündet eine, meint damit den Stadtsportverband. Hinweise auf Veranstaltungen, Feste oder Ausflugsziele suche ich vergeblich. Immerhin: Ein Veranstaltungskalender aus dem ersten Halbjahr lässt vermuten, dass es auch derzeit Angebote gibt. Ich beschließe, sie zu suchen.

Ein paar Schritte weiter beginnt die Innenstadt – mit einer positiven Überraschung: Am Ende einer Nebenstraße steht ein „Kulturbahnhof“ – und das dazugehörige Restaurant ist geöffnet. Da es anfängt zu regnen, überlege ich nicht lang. Der Küchenchef legt sofort los, obwohl es eigentlich schon zu spät für den Mittagstisch ist. Kurz darauf serviert mir eine freundliche junge Dame das Angebot des Tages: Bauernschmaus. Erstaunlich, dass ich in dem ansprechend eingerichteten Gasthaus der einzige Gast bin. Draußen wird der Regen stärker. Egal, ich danke fürs leckere Essen, bezahle und setzte meinen Weg durch die Stadt fort.

Anders als in der Bahnhofstraße herrscht auf der kurzen Hauptstraße (Frankfurter Str.) überraschend viel Betrieb. Die Außenbereiche der Cafés sind zwar wegen des Regens verwaist, doch die kleinen Läden machen einen sympathischen Eindruck. Ich betrete einen und frage, wo Touristen ein schönes Mitbringsel aus Halver kaufen können. Die junge Frau schickt mich spontan zum Café Weyland.

Walter Weyland lächelt selbstbewusst. Seit 1883 kreiert seine Familie Pralinen, die Süßwarenfans dahinschmelzen lassen. Halveraner Nüsse und Aussichtstürmchen – Trüffelpralinen mit Honig-Rum-Füllung und einem Schoko-Plättchen obendrauf – sind das ultimative Präsent. Die Verpackung der gefragten Pralinenmischung beantwortet auch gleich die Frage nach den wichtigsten Sehenswürdigkeiten der Stadt: Nicolai-Kirche, Rathaus, Aussichtsturm.

Eine Übersichtskarte am Straßenrand weist mir den Weg zum Heimatmuseum. Das Quietschen der Tür ruft Rudi Olson auf den Plan. Der gebürtige Bochumer erweist sich als wandelndes Stadtarchiv und führt den diesjährigen Gast Nummer 1331 höchstpersönlich durch die aktuellen Ausstellungen. Auch darüber hinaus weiß Olson einiges zu erzählen: Wir schweifen durch die Stadtgeschichte und landen beim Neubau der Sparkasse, den wir beide als Fremdkörper im Stadtbild empfinden.

Ich fahre zur letzten Station. Olson hat mir erzählt, dass der denkmalgeschützte Aussichtsturm baufällig und geschlossen ist. Schade. Im Fremdenführer „Historischer Rundgang“ ist zu lesen, dass man von hier bei guter Sicht sogar den Kölner Dom sehen könne.

Der Anblick des 117 Jahre alten Denkmals ist erschütternd. Vor dem Gebäude, das einst „zum Zwecke, die Naturschönheiten des Sauerlandes zu erschließen“ errichtet wurde, steht heute eine Firmenruine. Deren Wirkung wird nur noch durch die Mobilfunk-Masten übertroffen, die an das baufällige Wahrzeichen der Stadt geschraubt wurden.

Zum Glück kann der letzte Eindruck von Halver die bisherigen nicht mehr trüben. Bis zur Renovierung des Turms werden sich Besucher wohl mit der Abbildung des Denkmals auf den Pralinen trösten müssen – aber das funktioniert eigentlich ganz gut. Zumindest, bis die Packung leer ist.

Zur Fotogalerie Halver aus der Luft

 

Jörg Jung

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