Gemeinsam gegen den Schmerz
12.05.2009 | 14:23 Uhr 2009-05-12T14:23:00+0200
„Auf geht's, jetzt zieht mal richtig durch”, fordert Anne Diedrich vom Beckenrand aus. Die zehnköpfige Truppe im Wasser wird munter. Mit Elan werfen die Frauen und Männer ihre Hanteln im Wechsel hinter ihren Kopf, so weit es eben geht. Denn die Menschen im Schwimmbad leiden an Rheuma.
Doch die Übungen machen ihnen sichtlich Freude. Es wird viel gelacht. Immer montags treffen sich die Patienten unter fachlicher Anleitung im Bewegungsbad, einem Angebot der Deutschen Rheumaliga Lüdenscheid. Rita Klein ist eine von ihnen. Ihr ganzes Leben schon wird sie von Schmerzen begleitet.
»Ich konnte nur
an Krücken gehen«
Und doch ist die 74-Jährige mit ihrem heutigen Zustand mehr als zufrieden. 1986, erzählt sie, „da konnte ich eine Zeit lang nur an Krücken gehen.” Dass es ihr heute so viel besser geht, das spricht sie auch dem Angebot des Selbsthilfevereins zu. „Die Rheumaliga hat mir sehr geholfen”, sagt sie.
Rheuma, das ist längst eine Volkskrankheit. Etwa ein Viertel der Bevölkerung leide an dauerhaften Erkrankungen des Bewegungssystems, schätzt der Bundesverband der Selbsthilfeeinrichtung. An der Spitze stehen dabei Rückenleiden mit rund acht Millionen Betroffenen. Doch Rheuma hat viele Gesichter. Bis zu 400 verschiedene Krankheitsbilder werden unterschieden.
Viele glaubten ja, Rheuma sei eine Alterserkrankung, meint Edeltraud Schröder. Wenngleich in der Tat meist über 60-Jährige etwa von Arthrose betroffen seien, „es gibt auch bereits Kinder, die an Rheuma leiden”. Schröder ist selbst Patientin und kümmert sich mit vier Kolleginnen und einem Kollegen im Leitungsteam der Arbeitsgemeinschaft Lüdenscheid um über 1100 Mitlieder. Sie ist allerdings froh, dass darunter bislang keine Kinder sind. „Ein Kind kann ja noch schlechter mit einer solchen Krankheit umgehen”, sagt sie.
Ihre Kolleginnen Irene Iwanowski und Elke Steinkühler haben dagegen längst gelernt, mit der Erkrankung zu leben. Auch deshalb engagieren sie sich ehrenamtlich in der Leitung, die alle drei Jahre neu gewählt wird. Von der Geschäftsstelle aus kümmern sie sich um die Abrechnungen mit den Krankenkassen oder erledigen den Schriftverkehr.
„Anfang Januar geben wir auch immer einen Jahresbrief heraus”, berichtet Irene Iwanowski. Darin werde aufgeführt, was alles so geplant sei in den kommenden Monaten. So genannte „Klön-Nachmittage” stehen dabei ebenso auf dem Programm wie Fachvorträge. „Wir lieben die Gemeinschaft”, erklärt Iwanowski ihr Engagement für die Gruppe. „Und wir sind einfach ein tolles Team”, ergänzt Edeltraud Schröder.
Doch die Rheumaliga ist auch wichtiges Bindeglied zwischen Arzt und Therapeut. In der langfristigen Behandlung sei Bewegung nämlich enorm wichtig, betont Elke Steinkühler. „Man darf sich trotz der Schmerzen nämlich auf keinen Fall schonen.” Verordne der Arzt etwa Funktionstraining, ob im Trockenen oder im Wasser, vermittle die Liga einen Platz in einer geeigneten Einrichtung. Die Therapie selbst erfolge dann „unter der Anleitung eines von der Rheumaliga geschulten Therapeuten”.
»Es hieß, das habe mit
Wachstum zu tun«
Für Rita Klein sind diese Anwendungen ein Segen. Neben den Übungen genieße sie dabei auch den Austausch mit anderen Betroffenen, sagt sie. „Wenn man die Krankheit mit anderen teilt, ist es nicht mehr so schlimm.” Auch die Erfahrung, dass es anderen zum Teil noch schlechter geht als ihr, rückt für die 74-Jährige immer wieder die Maßstäbe zurecht.
Allerdings hat Rita Klein eine lange Leidensgeschichte hinter sich. Bereits als Kind klagte sie über Schmerzen in der Hüfte. „Aber damals hieß es nur, das habe mit dem Wachstum zu tun”, erinnert sie sich. Tatsächlich kam Klein jedoch bereits mit einer Dysplasie, also einer Fehlbildung der Hüfte zur Welt. Außer einem zeitweiligen Streckverband erfuhr sie jahrzehntelang keinerlei Therapie. Schlimm für das sportliche Mädchen: „Ich wollte immer so sein wie die anderen, aber das klappte nicht immer.” Im 100-Meter-Lauf war sie beispielsweise auf den ersten 50 Metern immer vorne dabei, danach machte dann die Hüfte nicht mehr mit.
Außer während ihrer Schwangerschaften („Da ging es mir erstaunlich gut.”) litt Rita Klein deshalb ihr Leben lang unter Schmerzen. Eine Verformung ihrer Wirbelsäule verstärkt die Beschwerden zusätzlich. Nun lebt sie seit 20 Jahren mit einer künstlichen Hüfte, eine weitere Operation wird demnächst zudem fällig. Dinge, die sie in der Selbsthilfegruppe gerne bespricht. „Ich mag das Interesse der anderen”, sagt sie tapfer, „aber nicht ihr Mitleid.”
»Rechtes Bein, linker
Arm und andersrum”
Von Mitleid ist an diesem Montagabend auch nichts zu spüren. Kein Wunder, verbindet die Krankheit doch alle im Bewegungsbad. Für Wolfgang Wesche ist dabei vor allem der fixe Termin wichtig. „Alleine macht man das nämlich nicht, da findet man immer eine Ausrede”, bekennt der 69-Jährige.
Funktionstraining und Beratung
- Die Arbeitsgemeinschaft Lüdenscheid der Deutschen Rheumaliga bietet neben Funktionstraining auch Beratung für Betroffene, dazu Fachvorträge und gesellige Aktivitäten.
- So findet jeden zweiten Dienstag im Monat ein Klön- und Infonachmittag statt. Informationen gibt es immer dienstags von 9.30 - 12.30 Uhr unter Telefon 02351 / 9452351.
Ausreden lässt Anne Diedrich ohnehin nicht gelten. Muss sie auch nicht, die meisten kämen nach den von der Kasse bezahlten Einheiten nämlich freiwillig wieder, oft jahrelang, sagt sie. Die hauptberufliche Masseurin und medizinische Bademeisterin an der Sportklinik achtet dann darauf, dass innerhalb von 30 Minuten alle Gelenke einmal bewegt werden, auch Gleichgewicht und Koordination sind bei älteren Patienten stets ein Thema.
Dies soll nun bei einer Schrittübung auf der so genannten Pool-Nudel geübt werden. „Rechtes Bein, linker Arm und andersrum”, ruft die Therapeutin. Doch was im Alltag gut funktioniert, erweist sich im Wasser als schwieriges Unterfangen. Rita Klein rutscht plötzlich von ihrem Sportgerät, ruft mit gespielter Ernsthaftigkeit um Hilfe – und sorgt so für Heiterkeit in der Runde. Doch allem Spaß zum Trotz: Die halbe Stunde sei wirklich anstrengend, meint Rita Klein hinterher. Jetzt aber ich fühle sie sich richtig gut.
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