Weg vom Alkohol mit der...
Einen Liter Cognac – täglich
02.06.2009 | 15:18 Uhr 2009-06-02T15:18:00+0200
Die Sehnsucht nach einem leichten, perfekten Leben ohne Missstimmung, Anforderungen und Traurigkeit wird bei manchen Menschen zur Sucht nach Alkohol, der die ersehnten Ziele möglich zu machen scheint.
Aber auch ganz reale Probleme, wie der Tod eines lieben Menschen oder der Verlust der Arbeit, enden im Alkohol als Lösung. Oft aber gehört Alkohol auch einfach im Alltag dazu. Die gesellschaftlich am weitesten akzeptierteste Droge, die bei allen möglichen Anlässen unvermeidbar scheint, quer durch alle Altersgruppen und Schichten. Denn zunächst, oft lange Zeit, macht Alkohol nur Freude.
»Im Verein,mit Freunden,beim Schützenfest war Alkohol normal«
Dieses Stadium der Leichtigkeit und Freude ist bei den Menschen, die die verschiedenen Selbsthilfegruppen in Lüdenscheid besuchen, längst vorbei. Die Diagnose „Alkoholiker” erfolgt meistens nach einem langen Leidensweg; oft ist der Suchtkranke so richtig am Ende, isoliert und seelisch wie körperlich krank, bevor er Hilfe annehmen kann.
Ganz unterschiedliche Sucht-Menschen, die dann doch einen ähnlichen Weg gegangen sind, finden sich jeden Montag, 19.30 Uhr, oben im „Haus Immanuel” an der Werdohler Straße 58, um sich gegenseitig zu stützen und aufzufangen. Die Gemeinsamkeit und Geborgenheit, auch die bei Gott, macht stark genug, die immer wieder schwierige Zeit ganz ohne Alkohol durchzustehen.
„Zum Glauben gekommen und von Gott getragen” , nicht mehr so unglücklich und freier fühlt sich Andrea Roßbach, „im achten Jahr trocken”. Die attraktive 42-jährige kam „ganz natürlich” zum Alkohol, war immer von der Droge umgeben, wie selbstverständlich: „Früh schon, im Verein, mit Freunden, bei jedem Schützenfest, jeder Kirmes war Alkohol ganz normal.” Ganz schleichend kam die Abhängigkeit, doch bis 26 ging's gut. Dann merkte Andrea, wie gut ihr Alkohol tat und wie sie damit in gute Stimmung kam: „Ich war lockerer, witzig, leistungsfähiger, weniger Stress, weniger Traurigkeit. Alkohol war gut zu mir.”
Weitere acht Jahre mit täglichem Alkoholkonsum vergingen. Eine Flasche Sekt pro Tag reichte längst nicht mehr. Die Büroangestellte hielt gerade noch die Arbeit durch, dann wurde getrunken. Im achten Jahr trank sie schon morgens vor der Arbeit. Als Sekt und Wein zu viel Flüssigkeit und zu viel Magensäure bedeuteten, entdeckte Andrea, wie gut ihr Cognac tat, ein guter Liter pro Tag.
Auch heute noch ist der verheirateten Mutter eines Kindes unverständlich, dass all die Jahre niemand etwas gemerkt hat: Ihre enorme Disziplin – immer geschminkt, gut frisiert, perfekt gekleidet, fleißig gearbeitet, Superhausfrau – wirkten als Tarnmanöver: „Auch mein Mann merkte nichts, ich musste ihm die vielen Verstecke überall im Haus zeigen, dass er es glaubte!” Nicht nur er, alle, die die elegante Frau kannten, waren geschockt.
Andrea Roßbach machte schlapp, sie aß nicht mehr, zitterte mit kaltem Schweiß, brach zusammen. Die disziplinierte Lebenshaltung ging weiter: „Ich fuhr von Hundert auf Null, machte selbst einen kalten Entzug, ohne Medikamente, ohne Arzt, vier Wochen betreuten mich mein Mann und meine Freundin.” Lebensgefährlich, trügerisch. Schon am vierten Tag konnte Andrea wieder essen. „Ich war aber immer noch totunglücklich, meine Depressionen waren immer noch da.” Bald ein Ausrutscher an einer Bar: „Ich wollte vernünftig trinken nur einen.” Dann konnte sie die Flasche Calvados nicht mehr loslassen, völliger Kontrollverlust: „Jetzt von Null auf Hundert!” Danach ging sie noch mit ihrer Freundin spazieren, wieder merkte es keiner. Sie brach in Tränen aus, setzte sich auf den Bürgersteig: „Ich kann nicht mehr!” Sie konnte mit 3,2 Promille noch denken und handeln. Tage in der Psychiatrie, dann Therapie in Altenkirchen: Seit acht Jahren ist Andrea trocken. „Passt auf!” rät sie allen, die mit Alkohol umgehen und sich sicher scheinen. Der Gruppe ist sie unendlich dankbar.
Frisch aus der jüngsten Therapie entlassen treffen wir Volker. Der 68-Jährige hatte 35 Jahre keinen Tropfen mehr getrunken, kommt aus einer „vorbelasteten” Familie: Ein Bruder kam durch Alkohol zu Tode, ein weiterer Bruder ist auch trocken, der Vater war starker Trinker, schaffte aber den Absprung. Volker, Lager- und Versandleiter, ging 65-jährig in den Ruhestand, kaufte sich Anfang 2007 mal wieder eine Flasche Whisky: Nach gut einer Woche war die leer: „Ich trank nur heimlich!” Der Selbstbetrug: „Volker, du hast 35 Jahre nicht getrunken, du bist kein Alkoholiker!” Kein Tropfen im dreiwöchigen Urlaub.
Zu Hause erhöhten sich die Alkoholmengen, mal eine halbe, mal eine ganze Flasche täglich. Am Tag vor der Hochzeit des Sohnes im Mai 2008 entdeckte die Familie, dass er trank. Volker trank weiter, brach alle Vierteljahre zusammen. Stieß zur Selbsthilfegruppe, ging zum Arzt und zum Psychologen. Kam zum Entzug. Wieder trocken.
»Ich war eine ganze Zeit einfach weg, das hat mich erschüttert«
Am 6. Januar dieses Jahres landeten im Supermarkt zwei Flaschen Whisky in seinem Einkaufskorb, wie von selbst. Volker trank Montag nur wenig, ging abends zur Gruppe, seine Frau holte ihn ab. Freitag morgen brach er zusammen: „Ich war eine ganze Zeit einfach weg, das hat mich erschüttert!” Langzeit-Therapie in der Blaukreuz-Fachklinik Rhadevormwald. Die Ankündigung seiner Frau, die einen „trockenen Alkoholiker” geheiratet hatte: „Noch einen Tropfen, und ich bin weg!” Die Gründe fürs Trinken? „Vielleicht noch einiges von früher, dann die Leere, der Machtverlust nach dem Ruhestand...?” Volker will trocken und Mensch bleiben: Die Gefahr bleibt. „Die Gruppe ist unabdingbar, allein schafft man's nicht.”
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