Einblick in eine zerrissene Seele
14.02.2012 | 17:00 Uhr 2012-02-14T17:00:00+0100
Lüdenscheid. Nikolai Rimsky-Korsakow, Dmitri Schostakowitsch und Peter I. Tschaikowsky zählen zu den Großen der russischen Musik. Rimsky-Korsakow war Mitglied des „Mächtigen Häuflein“, einer Gruppe von Komponisten, die sich der Förderung des nationalrussischen Stils verpflichtet fühlen. Tschaikowsky gehörte der Gegenbewegung, die sich für europäische Vorbilder öffnete, an. In Schostakowitschs Werk spiegelt sich russische Geschichte. Den russischen Meistern gab die Thüringen Philharmonie Gotha am Sonntagabend beim Sinfoniekonzert im Kulturhaus eine Stimme.
Härte, Schärfe und Verwundbarkeit
Unter Leitung von Stefanos Tsialis, seit August 2009 Chefdirigent und künstlerischer Leiter des im In- und Ausland hoch angesehenen Klangkörpers, widmete sich das Orchester märchenhaften, düsteren und folkloristisch inspirierten Werken. Kongenialer Interpret des sperrigen, schwer zugänglichen Violoncellokonzerts Nr. 2 G-Dur op. 126 von Schostakowitsch war der junge Cellist Gabriel Adriano Schwabe (Jahrgang 1988), der tiefe Einblicke in eine aufgewühlte, zerrissene Seele gewährte.
Alle Register seines virtuosen Könnens zog der vielfach ausgezeichnete Berliner, um seinen Zuhörern das spröde, desillusionierende Werk - ungemein schwierig zu spielen - zu erschließen. Den späten Schostakowitsch, bereits von Krankheit gezeichnet und um größtmöglichen Ausdruck bei gleichzeitiger Reduzierung der Mittel bemüht, lernte das Publikum in dem dreisätzigen Werk – dem weltberühmten Cellisten Mstislaw Rostropowitsch gewidmet – kennen. Ein düsteres Seelenbild, inneren Aufruhr und Widerspruch malten Cello und Orchester im wuchtigen, zentralen Werk des Abends aus. Härte, Schärfe und Verwundbarkeit lagen in diesem Konzert, das gänzlich auf klangschöne Passagen verzichtete, überwältigte und ergriff, nichtsdestotrotz fürs Ohr doch recht gewöhnungsbedürftig war.
Einfacher hatten es die Zuhörer mit den Eckwerken des Konzerts, Rimsky-Korsakows Ouvertüre zur Oper „Die Mainacht“ und Tschaikowskys Sinfonie Nr. 2 g-Moll op. 17 („Kleinrussische“), die nach der Pause erklang. In beiden Werken spielte die ukrainische Folklore – original zitiert oder künstlich nachempfunden – eine wichtige Rolle. Von einer märchenhaft-fantastischen Mainacht kündete die Ouvertüre der selten aufgeführten Rimsky-Korsakow-Oper, mit der das Orchester lyrisch, sinnlich und geheimnisvoll den Boden russischer Musik betrat. Sehr musikalisch und nuancenreich machten die Musiker unter Leitung von Stefanos Tsialis mit der Geschichte des verliebten Sängers Lewko, der Schützenhilfe von einer Nymphenkönigin erhält, bekannt. Volkstümlichkeit bei gleichzeitigem strengem sinfonischem Aufbau verlieh auch der Tschaikowsky-Sinfonie mit elegischem, melancholischem Horn-Solo ihren besonderen Reiz. In leidenschaftlich erregten, vorwärts drängenden Sätzen unterstrichen die Musikerinnen und Musiker Tschaikowskys glänzende Instrumentierungskunst.
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