Heimat
Ein Gefühl, kein Ort
03.09.2010 | 18:27 Uhr 2010-09-03T18:27:00+0200
Märkischer Kreis.„Heimat ist dort, wo das Herz wohnt“, heißt es in einem Sprichwort. Doch manchmal hängt das Herz an Kindheitserinnerungen, während der Kopf längst eine neue Heimat gefunden hat. Menschen mit ausländischen Wurzeln müssen ihre Heimat oft neu definieren. So zum Beispiel auch Russlanddeutsche.
Soweit die Übersetzung des obigen Textes in kyrillisch. Bei manchen Menschen schlägt auch das Herz in zwei Sprachen. So auch bei Olga Naumow: Bis sie 25 war, lebte sie in Kasachstan, früher unter sowjetischer Führung. Auf der Straße sprach sie russisch, zu Hause deutsch. „Meine Mutter und meine Oma waren beide schon in Kasachstan geboren, aber unsere Vorfahren kommen aus Deutschland“, erzählt die heute 42-Jährige. Als vertriebene Deutsche lebte nicht nur diese Familie in Kasachstan. „90 Prozent unseres Dorfes waren Russlanddeutsche.“ Die deutsche Sprache wurde über Generationen weitergereicht – und konserviert, wie Olga Naumow später feststellen musste. „Als wir später nach Deutschland kamen, dachte ich, ich könne die Sprache gut. Doch plötzlich stand ich in einer anderen Welt.“ Dialekte, die in Deutschland gar nicht mehr gesprochen wurden, waren Olga Naumows Realität gewesen. „Ich habe mit meiner Oma immer Plattdeutsch gesprochen“, weiß sie heute.
Olga Naumow lebt in Neuenrade und arbeitet als Küsterin in der Gemeinde. Sie hat sich immer als Deutsche gefühlt, auch als sie dieses Land noch nicht kannte. Dennoch bleibt die Heimat für sie Kasachstan. Zurück möchte sie nicht, aber das Land, in dem sie aufgewachsen ist, bleibt ihre Heimat im Herzen.
Ihre Erfahrungen als Russlanddeutsche gab Olga Naumow auch an das Café International weiter. Elisabeth Kynast engagiert sich dort für das Miteinander der Kulturen. Sie weiß, dass nicht alle Russlanddeutschen eine Heimat gefunden haben. Sie weiß um den Ärger gerade mit den Jugendlichen. „Die Eltern versprachen ihren Kindern in Deutschland eine Ausbildung, Geld und eine bessere Zukunft. Aber nicht jeder fand sein Glück.“ Sie fühlen sich nicht angenommen und gerade Spannungen zwischen Russen und Türken seien groß. „Da gibt es viel Klopperei. Die Kulturen bleiben unter sich und der Kontakt zu Deutschen fehlt.“
Elisabeth Kynast weiß selbst um die Probleme der Heimatlosen: Als Schlesierin gab es auch für sie nach der Vertreibung lange kein Zuhause. Gerade deswegen versucht sie mit dem Café International die verschiedenen Kulturen in den Dialog zu führen. „Wir wissen so wenig voneinander.“ Heimat soll hier durch Wissen und Verstehenwerden aufgebaut werden.
Was Verstehen und Voneinander lernen bedeutet, erfahren Kinder und Jugendliche zurzeit in Werdohl. Ein internationales Schwimmfest des SV 08 Werdohl führt deutsche und oberschlesische Jugend zusammen: 39 Schwimmer kamen aus dem Partnerkreis Ratibor in Oberschlesien. Abseits sportlicher Höchstleistungen, steht hier das Miteinander im Mittelpunkt. Kreisdirektorin Dienstel-Kümper: „Man kann lernen, wie die Menschen aus dem Partnerkreis leben, was sie gerne essen und trinken, was sie für Musik hören und, natürlich, wie sie schwimmen und trainieren“, sagte die Kreisdirektorin.
Verstehenwerden ist auch für Thomas Di Pumpo (27) aus Halver wichtig. Er selbst ist zwar in Deutschland geboren, aber sein Herz schlägt italienisch. Der 26-Jährige fühlt sich mit beiden Ländern verbunden. „In Deutschland habe ich meine Freunde, meine Arbeit, hier lebe ich. Aber in Italien ist noch ein Großteil meiner Familie.“ Heimat ist kein Ort, sondern ein Gefühl.
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