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Geschichte

Ein Beobachter seiner Zeit

18.03.2011 | 18:36 Uhr
Ein Beobachter seiner Zeit
Referent Dr. Günter Riederer.

Lüdenscheid.„Man sitzt wie im Kino.“ Einen aufmerksamen, „kinematographischen“ Beobachter seiner Zeit lernten Geschichtsinteressierte am Mittwochnachmittag im Institut für Geschichte und Biographie im Tagebuchschreiber Harry Graf Kessler (1868-1937), dessen Tagebücher alle Themen des Ersten Weltkriegs tangieren, kennen.

Als Referent machte Dr. Günter Riederer, der sich im Rahmen seiner Forschungsarbeiten am Deutschen Literaturarchiv Marbach mit dem „Dandy an der Front“ beschäftigte, mit Kessler bekannt. Mit Porträtaufnahmen, die einen hageren Mann mit markanten Gesichtszügen und unverwechselbarem Profil zeigten, und Auszügen aus seinen Tagebüchern gab er dem Porträtierten im Rahmen der „Lüdenscheider Gespräche“ ein Gesicht.

Auf die Propaganda, die im Ersten Weltkrieg einen ungeheuren Innovationsschub erlebte, und den filmischen Blick Kesslers auf das Kriegsgeschehen wies er seine Zuhörer hin. „Kessler hat den Zusammenhang zwischen Krieg und Kino früh erkannt.“ Über sechs Jahrzehnte habe der in Paris geborene Kessler, der in Ascot zur Schule ging und in Bonn/Leipzig Jura studierte, nahezu lückenlos sein Tagebuch geführt.

Sein Tagebuch besitze insofern ein Alleinstellungsmerkmal, da Kessler darin weder Auskunft über seine Gefühlslage oder seine körperlichen Gebrechen gibt, sondern sich gleichsam unsichtbar zum Beobachter seiner Zeit mache. Im Detail habe er alle wichtigen politischen Ereignisse beschrieben. Gefechtsaufstellungen finden sich in seinen Aufzeichnungen ebenso wie idyllische Landschaftsimpressionen. Auf die Augusterlebnisse 1914 und den Belgienfeldzug, die von der Forschung vernachlässigte Ostfront des Ersten Weltkriegs und die Propaganda richtete Riederer den Fokus seines Vortrags. Kessler sei in London gewesen, als ihn die Nachricht vom Tod des österreichischen Thronfolgers erreichte. Skepsis gegenüber dem Krieg und den Kriegsgräueln, die er schon früh beim Belgienfeldzug erlebte, hegte der Graf, der sich an der Front als Dandy inszenierte und vielen Prominenten seiner Zeit begegnete, nicht. Selbst Erschießungen, für ihn notwendige Bestrafungen, beschrieb er im Detail. Sehr befremdlich erschienen beim Kosmopoliten und Mäzen Kessler die Äußerungen, die er im Tagebuch über die Juden machte. „Das Tagebuch enthält viele antisemitische Äußerungen“, dazu der Referent. In der Schweiz leitete der Graf seit 1916 ein eigens für ihn eingerichtetes Kulturpropagandaamt. „Er war bis kurz vor Kriegsende mit seinen Plänen beschäftigt. Die Waffenruhe versetzte ihn in einen Schockzustand.“

Erst die Kriegsniederlage habe zu einer Änderung seiner politischen Einstellung geführt, führte Riederer aus. „Kessler (der rote Graf) wurde überzeugter Pazifist und Präsident der Deutschen Friedensgesellschaft.“

Monika Salzmann

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