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Ballonfahrt

Blick von oben auf Welt wie aus Legosteinen

19.11.2009 | 18:04 Uhr
Blick von oben auf Welt wie aus Legosteinen

Märkischer Kreis. Kurfürst Christian, frühnachmittaglicher Grashalmknicker von der Woeste und Erbprinz vom Anschlag. Den Namen verdiente sich Christian Schröder nach seiner ersten Ballonfahrt. Der Blick von oben wirkte wie auf eine Welt wie aus Legosteinen.

Pilot Hans schaut auf die Uhr. „Noch zu früh”, sagt er und wirft dabei Blätter in die Luft. Trotzdem beginnen das Ballonteam und die Fahrgäste schon mit dem Aufbau. Alle müssen mit anpacken. Sogar Alexander Schlössers kleiner Sohn hilft mit. Später wird er Oma und Papa nicht mehr loslassen wollen, wenn sie in den Korb steigen.

Der Korb ist nicht groß, Leitungen, Gasflaschen und Anzeigen befinden sich an Bord. Kaum vorzustellen, das dort später sechs Personen Platz finden sollen. Und dann ist es windstill. „Circa zwei Stunden vor Sonnenuntergang hört die Thermik auf”, erklärt Pilot Hans Uhrmann. „Ballone können nur fahren, wenn die Wärmestrahlung der Sonne nachlässt, sonst ist es zu gefährlich.”

Heiße Luft steigt in den Ballon. Foto: Stefanie Sachse

Dann befestigt er den Ballon am Korb. Nur eine Schlafe um ein Stück Holz verbindet beides. Das soll halten? „Im Holz sind Titanstücke eingelassen”, beruhigt Hans und deutet zum Beweis auf die dunkle Stelle im Holz. Aber ein mulmige Gefühl bleibt.

Halver sieht aus wie eine Spielzeugstadt

Kalte Luft wird durch einen Ventilator in den Ballon geblasen. Wie ein rotglühender Mond steigt der Ballon auf. Alle steigen ein. Wenige Feuerschübe aus dem Brenner genügen, damit der Ballon abhebt. Die Familie am Boden winkt, macht schnell ein paar Fotos. Sie werden mit dem Auto hinterherfahren.

Der Boden entfernt sich immer weiter und schon bald kommen die ersten Häuser in Sicht. Halver sieht von oben wie eine Spielzeugstadt aus. Geplant, aus Legosteinen gebaut. Fußgänger bleiben stehen, schauen nach oben. Kinder winken und rufen.

Straßenlärm, Hundegebell, Kinderlachen. Die Welt am Boden wirkt unecht, unwichtig. Die einzigen wahren Menschen scheinen sich im Korb zu befinden.

An den Brennern bilden sich Tropfen, fallen auf die Rückseiten der Jacken und auf den Boden. Aber es ist nur Kondenswasser, kein Gas.

Dann gleitet der Ballon über Wälder und Wiesen. Die Welt wird tannengrün, Laubbäume schimmern braun und gelb. Wege zerfurchen den Wald, Flüße spalten die Wiesen, als wolle die Erde aufreißen. Ohne Menschen, ohne Vergleichsmaßstäbe, wirken die Tannen wie Romanesco-Sträußchen. Klein und unscheinbar, als könne man sie pflücken, wie Möhren aus der Erde rupfen. Trampelpfade von Kühen werden auf den Weiden sichtbar. Auf den Feldern sieht man die Reifenspuren der Traktoren.

Hans hat ein Funkgerät umhängen, aus dem Funksprüche anderer Piloten kommen. Aber niemand ist in Sicht. Der Ballon thront über dem Korb. Die Luft im Inneren, die immer wieder mit Feuerstößen beheizt wird, flimmert.

Dann taucht Schalksmühle Heedfeld auf. In den Teichen, Pfützen und Pools spiegelt sich der Ballon. Die Welt von oben ist kantig, eckig: Autos, Häuser, Busse, Züge, Gartenanlagen, gestapelte Kisten, Wege, Wäschespinnen, Wintergärten, Garagen, Haltestellenhäuschen. Alles wirkt wie Spielzeug.

Es ist weder kalt noch windig im Korb. Denn der Ballon steht im Wind, bewegt sich genauso schnell wie die Luft.

Hans klärt die Frage, die sich aufdrängt: Wieso heißt es Ballon fahren und nicht fliegen? „Ein Ballon, ein Luft-schiff, braucht keinen eigenen Antrieb. Der Ballon läßt sich vom Wind tragen, wie das Schiff vom Wasser. Und Schiffe fahren auch.” Schließlich geht der Ballon tiefer, der Korb streift Tannen, die Zapfen sind zum Greifen nahe. Auf einer gegüllten Wiese landet das Gefährt. Helfer und Familienmitglieder warten schon. Kinder und Erwachsene kommen aus der Umgebung. Alle wollen den Ballon aus der Nähe betrachten, alle wollen mithelfen, einzuladen.

Getauft und in den Adelsstand erhoben

Jede Fahrt mit Pilot Christian Schröder ist ein Abenteuer. Foto: Stefanie Sachse

Brigitte Schlösser ist begeistert. Den Gutschein zum Ballonfahren hatte sie schon acht Jahre lang. Jetzt ist sie froh, ihn endlich eingelöst zu haben. „Das war ja gar nicht so schlimm, wie befürchtet”, sagt sie und umarmt ihren Sohn.

Und dann werden alle Fahrer nach Ballonfahrer-Tradition in den Adelsstand erhoben und mit Feuer und Wasser getauft. Haarspitzen werden mit dem Feuerzeug angeflämmt und der Nacken mit Sekt übergossen – dann werden feierlich die Ballonfahrer-Namen vorgelesen und die Tauf-Urkunden verteilt.

Als die Fahrgäste mit dem Team anstoßen, geht am Horizont die Sonne bereits unter und zieht wie zum Abschied an einen unvergesslichen Tag, rotglühende Schlieren durch die Wolken.

Stefanie Sachse

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