An jeder Haltestelle wartet eine Geschichte
31.07.2009 | 18:22 Uhr 2009-07-31T18:22:00+0200
Märkischer Kreis. Heute erhöht die Märkische Verkehrsgesellschaft die Fahrpreise. Ein Grund mehr herauszufinden, ob sich Busfahren überhaupt noch lohnt.
WR-Mitarbeiterin Stefanie Sachse (Text) ist mit Alexander Cremer (Fotos) mit Bus und Bahn quer durch den Kreis gedüst und entdeckte unterwegs spannende Geschichten: Vergessene Hunde, eine Familie mit Platzproblemen, pensionierte und aktive Busfahrer und ein ehrgeiziger Praktikant.
Meinerzhagen, 9.05 Uhr, Stadthalle ZOB: Busfahrer Sinan Günes sitzt am Steuer der Linie 82 Kierspe-Luiseneiche. Wagennummer 1080. Schon seit sechs Uhr ist er im Einsatz. „Ausgerechnet heute, wo ich nicht rasiert bin, kommt die Presse”, sagt er lachend und verkauft uns Tickets. Wir zahlen pro Person 7,60 Euro und können damit den ganzen Tag fahren. „Am liebsten fahre ich durch Meinerzhagen”, sagt er. „Der Kontakt zu den Fahrgästen ist hier enger.”
Während weitere Fahrgäste einsteigen, zeigen sie dem Busfahrer und auch uns ihre Fahrkarten. Was eine Kamera und ein Schreibblock doch ausmachen. Nur fünf Gäste fahren mit. „Sonntags fahre ich manchmal komplett leere Busse”, sagt Sinan Günes.
Umstieg Kierspe Tannenbaum: Arthur Berger flucht. Der Anschlussbus ist weg. „Das kann ich mir nicht leisten.” Der junge Mann schmeißt seinen Cityroller auf den Boden. Zusammen mit einem weiteren Leidensgenossen setzen wir uns an die Haltestelle und warten. Warten auf den nächsten Bus. Doch der kommt erst in einer halben Stunde, Arthur wird zu spät zur Arbeit kommen. Der 19-Jährige macht zurzeit ein Praktikum als Fahrradmechaniker: „Ich häng mich da richtig rein. Ich will eine gute Bewertung haben.”
Auch Heinrich Höfel ärgert sich über den verpassten Anschluss. Er kommt aus Rönsahl und hat um 10 Uhr einen Termin bei der Sparkasse. Er wird zu spät kommen.
Umstieg Lüdenscheid Sauerfeld: Eine halbe Stunde später sind wir in Lüdenscheid. Der verpasste Bus hat Zeit gekostet. Fast eine Stunde warten wir auf einen Anschluss nach Werdohl.
Die 78-jährige Hilde Scheer und die 66-jährige Helga Niesler stehen mit uns am Sauerfeld. Sie haben auf einen Bus gewartet. Vergeblich. Später stellt sich heraus: Hilde Scheer hat die Linien verwechselt: „Ich kann manchmal nicht erkennen, ob das die 52 oder die S2 ist”, sagt sie. Sie will nach Werdohl, ihre 98 Jahre alte Schwester besuchen.
Helga Niesler bekommt das Gespräch mit. „Ich will mir heute einen schönen Tag machen.” Die Halveranerin fährt gerne mal nach Lüdenscheid in den Baumarkt. Seit zwei Jahren ist sie Witwe. Da kommt endlich die S2. Für uns geht es weiter nach Werdohl.
Umstieg Werdohl Bahnhof: Statt vier Minuten, wie in unserem Plan vorgesehen, müssen wir wieder eine halbe Stunde auf den nächsten Bus warten. Zeit, um mit Busfahrer Martin Hellmann ein Schwätzchen zu halten. Er macht gerade Pause, hat das Radio an und raucht eine Zigarette. Unser Bus nach Neunrade kommt. „Gute Fahrt”, ruft uns Martin Hellmann hinterher.
Neuenrade – Menden: Mit der Hönnetal-Bahn geht es bis Menden. Der Kontrolleur kommt. Seine Uniform wirkt, als sei sie viel zu groß für ihn. Mit uns sind zwei Mütter und drei Kinder eingestiegen. Weiter hinten gibt es Reihensitze – für alle fünf am Fenster. Der Zug fährt an Balve-Sanssouci vorbei. „Schau mal, da war früher unsere Diskothek,” sagt Sandra Bolinius zu ihrer Schwester, die mittlerweile in Kassel wohnt und noch nie mit diesem Zug gefahren ist. Shoppen und Eisessen wollen sie in Menden. „Ich wusste gar nicht, wie schön es hier ist”, gerät Anke Bonk ins Schwärmen.
Der Zug fährt an Maisfeldern vorbei, die mit Tupfern von Wiesenschaumkraut gerändert sind. Ährenfelder wechseln sich mit Äckern und Wiesen ab. Krähen fliegen über die Stoppelfelder und ihr Gefieder glänzt in der Sonne zwischen den goldenen Halmen.
Dann wird das Gelände bergiger und steiniger. „Da unten stand früher die Pfeffermühle”, fängt ein Mann neben uns auf einmal an zu erzählen und deutet auf ein steil abfallendes Waldgelände. „Das gemahlene Getreide und die Gewürze mussten damals noch mit einem Esel den Berg herauf geschafft werden.” Er erklärt uns die Orte, an denen wir vorbei fahren: Ein Kalksteinwerk, eine Asphaltbrennerei, das Denkmal „Der unbekannte Soldat” und „Schmarotzerhäuser”.
Ziel Menden, 13.10 Uhr: Mehr als vier Stunden haben wir von Meinerzhagen bis hierhin gebraucht. Laut Routenplaner der MVG wären wir bereits nach zweieinhalb Stunden am Ziel gewesen.
Während wir noch darüber diskutieren, wie wir wieder zurückkommen, bietet sich erneut unser Fremdenführer aus dem Zug an. Wie ein wandeln-der Routenplaner hat er alle Anschlüsse und Linien im Kopf. Kein Wunder: Er ist pensionierter Busfahrer!
Menden – Iserlohn: Wir fahren zurück. Der Busfahrer fährt rabiat und bremst oft so scharf, dass Fahrgäste beinahe mit dem Kopf gegen die Vordersitze stoßen. An einer Haltestelle ist Fahrerwechsel – es geht ruhiger weiter.
Im Bus sitzt Daniela Langner. Die 27-Jährige fällt mit ihrem lila Haar sofort auf. Sie fährt täglich Bus und ist gerade auf dem Weg zum Arbeitsamt. Ihr Arbeitsvertrag wird wahrscheinlich nicht verlängert und sie muss sich einen neuen Arbeitsplatz suchen.
Mit dem Schnellbus 1 nach Lüdenscheid: Nach einer Stunde sind wir in Lüdenscheid. Hier endet unsere Fahrt. Ein anstrengender und sehr interessanter Tag! Denn wir haben Reisegepäck voller Geschichten mitgebracht .
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Interessante Geschichte, vorallem weil mirs auch schon so oft passiert ist das ich den Anschlussbus in Kierspe Tannenbaum verpasst habe.
Weiteres interessantes zum ÖPNV im Märkischen Kreis gibt es übrigens auf www.bergstadtbus.de
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