Wo die Inklusion wirklich gelebt wird

Das Team der „caput“-Redaktion und der Iserlohner Werkstätten zogen eine positive Bilanz. Obwohl sie sich schon über viele Besucher freuen durften, wird es noch eine Weile dauern, bis man „in den Köpfen der Letmather angekommen ist“.
Das Team der „caput“-Redaktion und der Iserlohner Werkstätten zogen eine positive Bilanz. Obwohl sie sich schon über viele Besucher freuen durften, wird es noch eine Weile dauern, bis man „in den Köpfen der Letmather angekommen ist“.
Foto: IKZ
Was wir bereits wissen
Vertreter der Iserlohner Werkstätten und der „caput“-Redaktion haben eine positive Bilanz nach einem Monat „Bahnsteig 42“ gezogen.

Letmathe..  Ein Bauzaun um eine Freifläche vor dem Bahnhof ist momentan letztes Indiz dafür, dass hier zwei Jahre lang umgebaut wurde und eigentlich auch noch nicht alles fertig ist: 30 bis 40 Außensitzplätze sollen hier noch entstehen, dazu eine Boule-Bahn, sagt Christophe Hessling. „Bis Juli“, so der Mann von den Iserlohner Werkstätten, solle hier alles fertig sein.

Vor gut einem Monat wurde dort, im Letmather Bahnhof, das „Bahngleis 42“ eröffnet. Mitarbeiter der Werkstätten, Menschen mit Beeinträchtigungen, bieten dort ein Café an, zudem gibt es einen Kiosk, Kulturveranstaltungen und auch das Reportage- und Lifestylemagazin „caput“ ist in die Räume des historischen Gebäudes eingezogen.

Christophe Hessling ist der Projektkoordinator, gemeinsam mit weiteren Beteiligten zieht er jetzt eine erste Bilanz.

„Das Thema Inklusion wird immer auf den Bereich Schule reduziert, dabei umfasst es das ganze Leben, von der Geburt bis zum Altenheim“, sagt etwa Pascal Wink, Leiter der caput-Redaktion. Der „Bahnsteig“ sei ein Beispiel für gelebte Inklusion, sagen sie hier.

Eines allerdings, dass sich zumindest mittelfristig auch finanziell tragen muss. Zufrieden ist Hessling mit dem Frühstücks- und Café-Betrieb, die Auslastung schätzt er bis 13 Uhr auf 70 Prozent und nachmittags auf rund 50 Prozent. „Ausbaufähig“ sei hingegen das Mitnahme-Geschäft. 2000 Pendler sollen laut Angaben der Stadt täglich den Bahnhof frequentieren, „wir schätzen eher 1000 bis 1500“, sagt Hessling.

„Viele Busse der MVG halten in der Stadt, dann wird da eingekauft. Und es dauert, bis man endlich in den Köpfen ist und Menschen ihre Gewohnheiten ändern“, will Hessling dem Projekt noch Zeit geben. „Wir haben aber auch schon viele Stammgäste.“

Von großem Interesse der Letmather an dem, was da jetzt in ihrem Bahnhof vor sich geht, berichten auch die caput-Mitarbeiter. „Es kommen fast täglich Leute rein die fragen, was wir hier überhaupt machen“, erzählt Redakteurin Caroline Horstmann.

Zusammenarbeit mit Rock- und Popfabrik angestrebt

Positiv verlaufen ist am 7. Mai die erste Kulturveranstaltung, ein Konzert der Gruppe „blind & lame“. „Wir hätten den Saal mit 70 Plätzen zwei Mal ausverkaufen können“, freut sich Wink. Auch die Karten für die nächste Veranstaltung am 19. Juni, ein Vortrag des Autors Felix Bernhard über dessen Reise über Jakobsweg, sind bereits vergriffen.

Eine engere Taktung bei den Kulturveranstaltungen ist trotz der großen Nachfrage vorerst allerdings nicht geplant. „Das ist wegen des großen Aufwands schwierig umzusetzen“, sagt Hessling, der aber auch offen für neue Projekte ist. „Eine Zusammenarbeit mit der Rock- und Popfabrik wäre toll. Gespräche gab es aber noch keine.“

Allgemein wähnen sich die Macher des „Bahnsteigs“ auf einem guten Weg, machen beim Thema Inklusion ganz allgemein und im Umgang mit Menschen mit Beeinträchtigungen aber noch Defizite aus. „Viele schauen immer nur vor die Fassade nach dem Motto: Behindert? Die können doch nichts“, beklagt etwa caput-Redakteurin Cathrin Illner, die selbst auf einen Rollstuhl angewiesen ist.

„Defizitorientierte Gesellschaft“

Auch Christophe Hessling beklagt eine Gesellschaft, bei der immer das Negative, das, was jemand nicht leisten kann, im Fokus stehe. „Defizitorientiert“, sei diese Gesellschaft, sagt er.

Ein Umstand, dem die Iserlohner Werkstätten mit dem „Bahnsteig“, aber auch mit insgesamt 145 Arbeitsplätzen für Menschen, zumeist mit körperlichen Beeinträchtigungen, außerhalb der Einrichtung begegnen wollen: „Natürlich ersetzen die keinen Facharbeiter, aber sie können einzelne Bereiche eigenverantwortlich übernehmen. Es gibt in diesem Bereich noch viele Potenziale.“