Von Soldaten, Bomben und Freunden

Franjo Schlotmann (li.) moderierte die Gespräche mit Letmather Zeitzeugen des 2.Weltkrieg im Gewölbekeller
Franjo Schlotmann (li.) moderierte die Gespräche mit Letmather Zeitzeugen des 2.Weltkrieg im Gewölbekeller
Foto: IKZ
Was wir bereits wissen
Ein langer Abend voller Spannung in einem gedrängt vollen Gewölbekeller: Letmather Zeitzeugen erzählen, wie sie das Kriegsende erlebt haben, und die Besucher sind tief berührt und beeindruckt.

Letmathe..  Gleich zwei Veranstaltungen im Rahmen der Reihe „70 Jahre Frieden in Letmathe“ standen in dieser Woche im Gewölbekeller auf dem Programm. War der Abend mit Günter Gall unter dem Motto „Soldaten-Leben – Lieder von Krieg und Frieden“ am Dienstag eher spärlich besucht, so mussten am Mittwoch immer mehr Stühle herbeigeschafft werden, weil mehr als 70 Interessierte die Berichte von Zeitzeugen der Kriegs- und Nachkriegszeit aus Letmathe hören wollten.

Zeitzeugen-Berichte werden komplett veröffentlicht

Moderator Franz-Josef Schlotmann versprach bereits zu Beginn der ebenso amüsanten wie nachdenklichen Zeitzeugen-Runde, dass der fast dreistündige Befragungsabend zum einen als Tondokument veröffentlicht, zum anderen als Broschüre veröffentlicht werden soll. Und das ist auch gut so, denn die Beiträge von Marianne Schlotmann, Heide Klein, Martin Schlieper, Günther Opalka, Benno Ittermann, Günther Kurzhöfer, Hilde Krumme, Hans Niggemann und Karl-Heinz Jägersberg waren zu interessant, um nur stichpunktartig wiedergegeben zu werden.

Themenbereich eins waren die Kriegsjahre. Kurzhöfer, Jahrgang 1929, erinnert sich, dass sein erster Eindruck des Krieges die Panzereinheiten waren, deren Soldaten zum Teil in Letmather Familien, einer davon auch in seinem Elternhaus, untergebracht waren. „Er gehörte zu den Reitern, sein Gewehr stand im Kinderzimmer, das mein Bruder und ich für den Soldaten räumen mussten.“ Ittermann erlebte im Februar 1945 den großen Bombenangriff: „Es waren mehr als 30, die offensichtlich den Bahnhof treffen sollten, aber im Bereich Volksgarten runterkamen. Hätten sie ihr Ziel erreicht, wäre von Letmathe nicht mehr viel übrig geblieben.“ War das Treiben der Uniformierten anfangs noch spannend für die Kinder, wurde ihnen durch Reaktionen der Eltern zu diesem Zeitpunkt schnell klar, dass die Lage ernst ist. Niggemann weiß noch genau, wie er „ganz automatisch“ bei Bombardierungen in den Türrahmen sprang, weil er sich als kleiner Junge dort am sichersten fühlte – sofern er den Weg in den Keller nicht rechtzeitig antreten konnte.

Kirchen wie in Oestrich und Häuser am Bahnhof fielen Brandbomben zum Opfer, so die Männer und Frauen, deren Väter zum Teil beim Löschen oder Versorgen der Verletzten geholfen haben. Franz-Josef Schlotmann weiß noch, dass er den Bombenangriff auf Hagen im Dezember ‘44 im Bunker erlebte. „Wir sahen Leuchtraketen, ,Christbäume am Himmel’, später kamen sogar hier in Letmathe Papier- und Stofffetzen ‘runter.“

Ittermann, mit zehn Jahren beim Deutschen Jungvolk verpflichtet, wurde vom Fähnleinführer kommandiert, „ausgebrochene Russen – das waren für uns Tiere – einzufangen“, was im Dickicht des Burgbergs glücklicherweise nicht gelang. Kurzhöfer war bei der Marine-Abteilung der HJ, wurde vormilitärisch ausgebildet, am Karfreitag ‘45 im Alter von 15 Jahren eingezogen. „Es war vorgesehen, dass wir hinter amerikanischen Linien Attentate verüben – bevor der Kessel geschlossen war, hat der Kommandant seinen Befehl nicht ausgeführt und uns nach Hause geschickt.“

Verrückte Zeit mitEndzeitstimmung

Die letzten Kriegstage erlebte Martin Schlieper als „verrückt, es herrschte Endzeitstimmung“. Jägersberg hat das „Gejaule“ der Bomben und Sirenen im Ohr. Alle haben beobachtet, wie deutsche Soldaten sich aus dem Staub machen wollten, Amerikaner Häuser besetzt und Gewehre unbrauchbar gemacht haben. Tote Pferde auf den Straßen sind allen im Gedächtnis. Jägersberg bringt es auf den Punkt: „Für uns war das Kriegsende eine Wohltat.“

Ein gutes Verhältnis haben die meisten Letmather mit „ihren“ Fremdarbeitern, zumeist aus Polen, gepflegt. „Wir haben eine Verwarnung von der Polizei bekommen, weil er bei uns sonntags mit am Tisch saß“, weiß Hilde Krumme. Andere berichten von Freundschaften, die zwischen Einheimischen und Fremdarbeitern entstanden sind. Den Tränen nahe war Marianne Schlotmann, geboren in Königsberg, als sie von der Vertreibung und Flucht ihrer Familie berichtete. Anders, als beim Einmarsch der Amerikaner in Letmathe, herrschte in ihrer Heimat Panik, „als die Russen kamen“. „In dem Keller, in dem meine Mutter, mein zweieinhalbjähriger Bruder und ich uns befanden, haben alle Frauen schrecklich geschrien.“ Auf der Flucht starb die Großmutter an Typhus, die Odyssee führte über Hamburg, Arnsberg und Siegen schließlich nach Letmathe, wo Marianne Schlotmann und ihre Verwandten in der Mittelschul-Turnhalle unterkamen. „Trotz aller Schwierigkeiten war es dort schön, wir waren in Sicherheit.“ Bei „alten Leuten“ wurden sie aufgenommen, hatten für vier Personen ein Zimmer zur Verfügung.

Einig ist sie sich mit den „Ur-Letmathern“, dass alle gut miteinander ausgekommen sind. Zwischenzeitlich war jeder dritte Einwohner ein Vertriebener beziehungsweise Flüchtling. Gerade in der heutigen Zeit, mahnte Franjo Schlotmann, sollte man sich vor Augen halten, wie Integration funktionieren kann.