So wachsen die Chancen auf eine Lehrstelle

Geschäftsführer Dirk Kaiser zeigt dem 16-jährigen Schüler Sven Bauer von der Brabeckschule, wie er die Weihnachtsbaumketten am besten entwirrt.
Geschäftsführer Dirk Kaiser zeigt dem 16-jährigen Schüler Sven Bauer von der Brabeckschule, wie er die Weihnachtsbaumketten am besten entwirrt.
Foto: IKZ
Was wir bereits wissen
Förderschüler ohne Zukunft? Das war vielleicht einmal. Dank eines Jahrespraktikums stehen ihnen die Türen zum ersten Arbeitsmarkt offen. Davon profitiert auch der 16-jährige Sven Bauer von der Letmather Brabeckschule.

Letmathe..  Ein 16-jähriger Schüler sortiert Pflastersteine. Auftragsarbeit eines Gartenbaubetriebs vor einem Wohnhaus in Iserlohn. Kopfsteinpflaster zu legen ist nicht einfach. Sven Bauer aber lässt sich von den Facharbeitern begeistert zeigen, wie’s geht. Zweimal in der Woche ist Praktikumstag – viel schöner als Schule. „Das macht mir Spaß“. Bei der praktischen Arbeit blüht der 16-Jährige richtig auf.

Wenn er Rasen mähen, Büsche pflanzen oder eine Hecke schneiden kann, ist Sven glücklich. „Ich möchte Gärtner werden“, sagt der 16-Jährige. Aber er besucht weder eine Realschule noch eine Hauptschule, sondern „nur“ eine Förderschule. Hat es da überhaupt Zweck, sich zu bewerben? Sollte er aufhören zu träumen?

Keineswegs! Seine Chancen stehen gar nicht mal schlecht. Nicht obwohl, sondern gerade weil er Förderschüler ist. Die Brabeckschule in Letmathe, die er als Jugendlicher mit Lernbehinderung besucht, gibt ihm eine Form der Unterstützung, die andere Schulen nicht leisten können. Das Zauberwort heißt „Langzeitpraktikum“.

So kann man die Stärken und Schwächen besser beurteilen

Ein zwei- oder dreiwöchiges Betriebspraktikum ist mittlerweile für Jungen und Mädchen aller Schulformen die Regel. Aber was sind schon 14 Tage?! Der Schüler gewinnt einen ersten, noch recht oberflächlichen Eindruck vom Berufsleben, die Verantwortlichen im Betrieb ihrerseits nur einen oberflächlichen Eindruck von den Qualitäten des Schülers.

Da ist ein zusätzliches Langzeitpraktikum schon etwas ganz anderes. Jede Woche drei Tage Schule und zwei Tage in ein und derselben Firma – und das ein ganzes Jahr lang! Da kann man eben viel besser beurteilen, ob der Schüler motiviert ist und Verantwortungsgefühl hat, ob er pünktlich und zuverlässig ist, ob er Geschick, Fleiß und Ausdauer mitbringt. „Man bekommt ein viel besseres Bild, ob sich ein Schüler für den Beruf eignet oder nicht“, sagt Dirk Kaiser, einer der Geschäftsführer des Garten- und Landschaftsbau-Unternehmens Kaiser & Koch. Mit seinem Praktikanten Sven Bauer ist er sehr zufrieden. Er kennt ihn nun schon mehrere Monate : „Der Junge ist zuverlässig und die Arbeit macht ihm Freude.“

Praktikum über ein Jahr sagt mehr als jedes Zeugnis

Damit hat Dirk Kaiser eine gute Grundlage, um zu entscheiden, ob er dem Schüler einen Ausbildungsplatz anbieten kann. „Wenn ich aus eigenem Erleben den Charakter eines jungen Menschen kenne, seine Stärken und Schwächen,“ sagt der Unternehmenschef, „dann fällt mir die Wahl doch wesentlich leichter, als wenn ich nur eine Bewerbungsmappe mit Passbild und Zeugnissen vor mir habe.“ Anders herum formuliert: Wenn ein Bewerber ein prima Zeugnis vorlegt und beim Vorstellungsgespräch einen guten Eindruck macht, heißt das noch lange nicht, dass er für den Beruf und die Firma der Richtige ist. Auf die Praxis kommt es an.

Förderschulen sind in besonderer Weise darauf bedacht, ihre Schüler in die Ausbildungs- und Berufswelt zu vermitteln. Sie sind vom Land mit einem speziellen pädagogischen Instrumentarium ausgerüstet, haben eine Unterrichtsstruktur und eine Lehrerversorgung, die dies möglich machen. Davon können Regelschulen bei allem Bemühen um Inklusion nur träumen.

Dazu kommt eine langjährige Erfahrung. An der Brabeckschule gibt es Lanzeitpraktika seit über zehn Jahren! „Dabei hat sich eine gute Zusammenarbeit mit vielen heimischen Firmen eingespielt – vom Einzelhandel bis zur Metallbranche“, sagt Thilo Pelzing, der als Lehrer die Schüler während der Praktika intensiv betreut. An der Pestalozzischule Iserlohn , der neuen Dependance der Brabeckschule, wird das System neu eingeführt.

Türen geöffnet für einen Einstieg ins Berufsleben

Längst nicht immer gelingt es, eine Lehrstelle zu finden. Aber die Brabeckschule ist stolz auf ihre Erfolge. Konrektor Rudi Müllenbach berichtet von dem Beispiel eines Schülers, der beim Langzeitpraktikum in einem renommierten Iserlohner Hotel einen guten Eindruck hinterlassen hat. Für ihn haben sich dadurch die Türen für den Berufseinstieg als Restauranthelfer geöffnet.

Dabei erweist es sich als großer zusätzlicher Vorteil für Förderschul-Abgänger, dass berufsvorbereitende Maßnahmen und die Berufsausbildung pädagogisch begleitet und besonders gefördert werden, auch von der Agentur für Arbeit.

„Von 15 Schülern können wir jedes Jahr im Schnitt zwei direkt in die Berufsausbildung führen“, freut sich Thilo Pelzing. Das sind 20 Schüler in den letzten zehn Jahren. „Das Langzeitpraktikum ist eine ganz wesentliche Maßnahme“, ergänzt Konrektor Müllenbach. Und das auf einem umkämpften Lehrstellenmarkt, in der zahlreiche Arbeitgeber und Personalchefs vielleicht ein wenig zu einseitig auf die Noten der Zeugnisse schauen.