Melancholisch und voll unbändiger Lebensfreude

Julia Vikmann am Mittwochabend im Gewölbekeller.
Julia Vikmann am Mittwochabend im Gewölbekeller.
Foto: IKZ
Was wir bereits wissen
Einen wunderbaren Konzertabend mit der Künstlerin Julia Vikmann erlebte das Publikum im Gewölbekeller von Haus Letmathe.

Letmathe..  Man weiß gar nicht, wie man all das beschreiben soll, das diese Musik in einem zum Schwingen bringt. Russische Balladen und Romanzen hatten Julia Vikman und ihre beiden Musiker am Mittwoch mit in den Gewölbekeller gebracht. Und es ist wohl die ganz eigene Widersprüchlichkeit dieser Lieder, die ihren besonderen Reiz ausmacht. Sie sind so melancholisch, sehnsuchtsvoll und traurig, gleichzeitig aber voller Kraft und unbändiger Lebensfreude. Sie wirken so zart und zerbrechlich und strotzen zur selben Zeit vor Kraft, sie sind irgendwie weich und hart auf einmal. Und so ziehen sie auch jeden Zuhörer sofort in ihren Bann und wirken in ihrer Widersprüchlichkeit im wahrsten Sinne herzzerreißend.

Vor allem wenn man sie live und von einer so ausdrucksstarken Sängerin wie Julia Vikman zu hören bekommt. Eine Sängerin, die eine bemerkenswerte Laufbahn und ebenso bemerkenswerte Fähigkeiten aufweisen kann. In Russland geboren und aufgewachsen, hat sie eine klassische Klavierausbildung genossen und ist als klassische Konzertpianistin auch noch heute noch aktiv. Mit und ohne Orchester spielt sie Chopin und Rachmaninow. Doch nicht nur das: Bevor sie erst nach Polen und später nach Deutschland gekommen ist, hatte sie mit ihrer Progressive-Rock-Band „Decadance“ unter anderem in Frankreich großen Erfolg. Inzwischen hat sie sich im populären Bereich aber eher auf den Jazz verlegt und tritt mit einer eigenen Band als Jazz-Pianistin auf.

Wie man das denn alles unter einen Hut kriege, lautete die Frage im Pausengespräch mit unserer Zeitung. Und ob man für die Western-Gitarre mit Stahlsaiten, mit der sie sich höchst kunstvoll begleitet, nicht Schwielen und harte, lange Fingernägel brauche, die einem als Konzertpianist eher behindern? „Um beides zu tun, braucht man ein großes Herz. Die Finger sind egal“, war ihre treffende Antwort.

Dass ihr Herz bei aller musikalischen Vielseitigkeit vor allem für ihre Wurzeln, für die Volkslieder aus ihrer russischen Heimat schlägt, bewies sie auf der Bühne. Äußerst dezent und doch mitreißend und vor allem vollkommen unverfälscht tauchte sie in diese Balladen ein, nur spärlich aber wirkungsvoll unterstützt von ihren beiden Begleitern, die mal mit dem Schellenkranz, mit einer zweiten Gesangsstimme oder einem Solo auf einer zweiten Gitarre einfielen. Das hatte nichts Einstudiertes oder Künstliches, sondern war einfach nur echt und authentisch. Und kam vor allem beim Publikum im einmal mehr voll besetzten Gewölbekeller sehr gut an.