Letzter Bombenangriff auf Letmathe forderte neun Tote

Bei Kriegsende war der Letmather Neumarkt voll mit Fahrzeugen, Geschützen und Panzern, die von der Wehrmacht dort zurückgelassen worden sind.
Bei Kriegsende war der Letmather Neumarkt voll mit Fahrzeugen, Geschützen und Panzern, die von der Wehrmacht dort zurückgelassen worden sind.
Foto: IKZ
Was wir bereits wissen
Der letzte und schwerste Bombenangriff auf Letmathe kostete vor 70 Jahren 9 Menschen das Leben.

Letmathe..  Es war heute vor genau 70 Jahren: um 15.30 Uhr fand der letzte und schlimmste Bombenangriff auf Letmathe statt, der neun Menschen das Leben kosten sollte. Der Hobbyhistoriker Alois Grusemann stellte kurz vor seinem Tod der Heimatzeitung den Bericht eines Augenzeugen zur Verfügung, den er auch in seinem Buch „Letmather Bürger erinnern sich an die Zeit von 1930 bis 1945“.

Seinen letzten Besuch in der Redaktion vor wenigen Wochen verband Grusemann mit einer Bitte: „Vielleicht weckt dieser Bericht das Verständnis für jene Menschen, die aus den heutigen Kriegsgebieten ihrer Heimat flüchten, um das Leben ihrer Familien und das Eigene zu retten“.

Bomben sprengten ein Drittel des Dreifamilienhauses weg

Der damalige Zeitzeuge: „Ein einzelner englischer oder amerikanischer Flieger flog seine Runden über Letmathe. Dabei erblickte der Pilot wohl eine Lokomotive, die zur Firma Marks einfuhr oder in der Halle versteckt werden sollte. Von den Behörden war trotz des kreisenden Flugzeugs nur Voralarm gegeben worden. Von meiner Mutter wurde ich sofort in den Luftschutzkeller geschickt. Das war ein Raum, die mit besonders dicken Wänden verstärkt worden war. Vor dem Keller hatte man noch eine winklige Schutzwand erbaut. Sie sollte bei einem Treffer noch das Entkommen aus dem Haus ermöglichen. Auch die Bewohner des Hauses Robert-Ley-Straße 24 benutzten diesen Schutzraum. der Pilot hatte bereits zum Sturzflug angesetzt und zwei Bomben abgeworfen. Ich erinnere mich an einen großen Knall. Dann wurde alles schwarz. Dreck flog durch die Luft. Als der sich gelegt hatte, wurde ich, da meine Eltern nicht im Keller waren, vom Luftschutzwart in den ,Marks-Bunker’ geschickt. Als ich den Keller verlassen wollte, fiel ich über einen 13-jährigen Jungen aus Haus Nr. 24. Er lag vor dem Ausgang des Heizungskellers, sein Kopf war zerschmettert. Als ich nach draußen trat, sah ich das von einem Volltreffer zerstörte Haus Nr. 24. Fast ein Drittes des Dreifamilienhauses, in dem nur Mitarbeiter der Firma Marks wohnten, war durch die Explosion fortgesprengt worden. Eine der abgeworfenen Bomben lag auf der Straße, eine andere hatte einen drei Meter tiefen Krater mit einem Durchmesser von sechs Metern verursacht.Von den Bewohnern des Hauses war nur eine Frau im Hause, die Mutter des getöteten Jungen. Auch sie wurde durch die Bombe in Stücke gerissen. Als ich am Haus Nr. 26 vorbei ging, sah ich den Vater mit seinem toten Sohn auf dem Arm. Er fragte sein Kind immer wieder „Wo ist Mutter?“ Dass sein Kind nicht mehr antworten konnte, hat er wegen eines Schocks wohl nicht gesehen.

Krankenschwestern aßen heimlich Wurst und Schinken

Mein Vater hatte eine blutende Kniewunde erlitten und kam damit ins Marienhospital. Der dortige Chefarzt hatte ihm gesagt: „Josef, in vier Wochen bist Du wieder zu Hause“. Es kam aber anders.

Mein Bruder war mit seinem 13-jährigen Spielgefährten in den Keller gelaufen. Glücklicherweise befand er sich noch im toten Winkel des Treppenhauses, so dass die Luftdruckwelle über ihn hinwegging. Er wurde zu Boden geschleudert und erlitt eine Platzwunde am Kopf, die von den französischen Kriegsgefangenen, die bei Marks arbeiteten, versorgt wurde. Meine Mutter und meine Schwester wurden bei dem Bombenangriff durch Splitter verletzt. Beide wurden im Marienhospital ambulant behandelt. Bei meiner Schwester dauerte es sehr lange, bis die Schienbeinwunde verheilt war. Einige Splitter, die nicht entfernt werden konnten, hat sie heute noch im Körper. In das Haus Nr. 24 waren auch Straßenpassanten geflohen. Es waren Soldaten, Eisenbahner und drei Frauen mit einem 2-jährigen Kind. Die Frauen wohnten alle im selben Haus an der Robert-Ley-Straße um kamen gerade vom Einkaufen. Zwei der Frauen waren Mütter dreier Kinder. Eine Frau und das Kind wurden auf der Stelle getötet, die beiden anderen Frauen schwer verletzt. Eine starb noch am gleichen Tag an ihren schweren Verletzungen.

Marienhospital wurde durch Amerikaner geräumt

Das Letmather Krankenhaus wurde nach Kriegsende Anfang Mai 1945 auf Veranlassung der Amerikaner geräumt und mit Russen belegt.

Als mein Vater erfuhr, dass er ins Krankenhaus Bethanien verlegt werden sollte, hat es gesagt: ,Dann komme ich nicht mehr wieder’. Meine Mutter versuchte noch, dem Marienhospital ein Bett zur Verfügung zur stellen, damit mein Vater wenigstens auf dem Krankenhausflur stehen konnte, doch das wurde von der Oberin abgelehnt. Um ihn zu besuchen, mussten wir zu Fuß nach Iserlohn gehen. Auf der Karl Arnold-Straße waren Bäume oder Betonsäulen als Panzersperren eingegraben. Ins Krankenhaus durfte ich nicht mit, denn laut Besuchervorschrift war ich noch zu jung. Um die Verpflegung meines Vaters zu verbessern, brachten wir ihm Wurst und Schinken mit. Hinterher erfuhren wir, dass einige Krankenschwestern heimlich davon aßen. Meinem Vater ging es immer schlechter. Er starb dann am 1. Juli 1945. Er war der neunte Tote des Bombenangriffs vom 9. April 1945 auf Letmathe.