„Ich habe gebetet, dass unsere Kinder überleben“

Dieser Unfall auf der „Ellebrecht-Kreuzung“ am 27. Januar 2014 hatte sein Nachspiel vor dem Schöffengericht. Der Amokfahrer aus Nachrodt, der aus dem geliehenen BMW flüchtete, wurde zu einer Haftstrafe verurteilt.
Dieser Unfall auf der „Ellebrecht-Kreuzung“ am 27. Januar 2014 hatte sein Nachspiel vor dem Schöffengericht. Der Amokfahrer aus Nachrodt, der aus dem geliehenen BMW flüchtete, wurde zu einer Haftstrafe verurteilt.
Foto: IKZ
Was wir bereits wissen
Ein Amokfahrer aus Nachrodt muss für zweieinhalb Jahre in Haft. Sein Unfall auf der „Ellebrecht-Kreuzung“ brachte einer Hemeraner Familie erhebliches Leid.

Letmathe/Iserlohn..  „Heute war ein wichtiger Tag, um das zu verarbeiten“, erklärte am Mittwoch ein Familienvater aus Hemer nach dem Prozess gegen einen Amokfahrer aus Nachrodt, der auf der Flucht vor der Polizei zwei Unfälle verursachte und den Unfallopfern erhebliches Leid gebracht hat: Eine vierköpfige Familie aus Hemer war am 27. Januar 2014 auf der „Ellebrecht-Kreuzung“ schwer verletzt worden. „Das hat uns in unserem Alltag sehr beschäftigt. Der Prozess und das Urteil waren ein Befreiungsschlag.“

Das Iserlohner Schöffengericht verurteilte einen 37-jährigen Nachrodter, der auf der Flucht vor der Polizei im BMW X 6 eines Bekannten auf der „Ellebrecht-Kreuzung“ mit ihrem Wagen kollidiert war, zu einer zweieinhalbjährigen Freiheitsstrafe.

Unfall auf der Heimfahrt vom gemeinsamen Fußballtraining

Mit leiser Stimme hatte der mehrfach vorbestrafte Maschinenbediener gestanden, dass er bei einer Polizeikontrolle in Richtung Letmathe geflüchtet war, weil er keinen Führerschein hatte. Unterwegs prallte sein BMW mit einem Ford Mondeo zusammen. Der 37-Jährige raste weiter, bis es zu dem zweiten Unfall an der „Ellebrecht-Kreuzung“ kam, in die er trotz Rotlichts hineingefahren war und mit dem Dacia der Hemeraner Familie zusammenstieß. Die Hemeraner befanden sich auf dem Heimweg vom Fußball-Training in Hohenlimburg. Ihr Dacia wurde bei der Kollision auf die Gegenfahrbahn geschleudert und blieb auf der Seite liegen. „Da hat’s gerummst, und wir waren alle eingeklemmt“, erinnerte sich der 53-jährige Familienvater. In Richtung des Angeklagten, der geflüchtet war, ohne sich um die Verletzten zu kümmern, sagte er: „Ich hege keinen Groll gegen Sie. Sie haben selber Kinder. Ich wünsche Ihnen nie, dass Sie so eingeklemmt sind, wie wir es waren, und Sie können ihnen nicht helfen.“ Bewegt schilderte auch seine 52-jährige Frau, wie es gekracht und der Wagen dann auf der Seite gelegen hatte: „Da tropfte von hinten Blut, und wir konnten den Kindern nicht helfen. Ich habe gebetet, dass unsere Kinder überleben.“

Ein Großaufgebot von Polizei und Rettungskräften habe sie dann befreit und in Krankenhäuser gebracht, berichtete die Frau weiter. Nachts um vier habe ein Polizist sie dann am Krankenhausbett informiert, dass eine Tochter, die mit einem Hubschrauber in eine Dortmunder Klinik geflogen worden war, außer Lebensgefahr sei, sich aber noch im Koma befinde. Die Folgen bei den massivst verletzten Unfallbeteiligten: lange Krankenhausaufenthalte, viele Operationen. Ihr Mann könne den Job als Fußballtrainer nicht mehr ausüben. Eine Tochter sei durch sichtbare Narben an Beinen und im Gesicht entstellt, wolle nicht mehr Fußball spielen und werde in der Schule gemobbt, berichtete der Vater.

Staatsanwältin Julia Frehse plädierte für eine Freiheitsstrafe von zwei Jahren und neun Monaten für den Angeklagten, der ein langes Strafregister mit einschlägigen Vorbelastungen wegen Fahrens ohne Fahrerlaubnis hat und damals unter laufender Bewährung stand. „Sie zerstörten das weitere Leben einer gesamten Familie. Da ist jetzt der Trainer, der nicht mehr trainiert, und ein junges Mädchen, das durch die Verletzungen gezeichnet ist“, kritisierte Dr. Frank Nobis, der Anwalt der Unfallopfer, das fahrlässige Verhalten des Fahrers.

„Davon kriegt man die Gesundheit nicht wieder“

Verteidiger Ralph Giebeler bat um eine Bewährungsstrafe für den Angeklagten, der sich am Tag nach dem Unfall bei der Polizei gestellt hatte. Erstmals entschuldigte er sich bei den Opfern: „Es tut mir leid. Wenn ich könnte, ich würde es gerne ungeschehen machen.“

„Er hat seine gerechte Strafe bekommen“, kommentierte indes der Hemeraner Vater das Urteil und ergänzte mit Blick auf seine Frau und seine beiden Töchter: „Das Urteil ist relativ. Davon kriegt man die Gesundheit nicht wieder.“