Gutes Essen und Zorn in der Kirche

Rund 130 Frauen haben sich zum Essen, Vorträgen und Gesprächen in der Friedenskirche versammelt.
Rund 130 Frauen haben sich zum Essen, Vorträgen und Gesprächen in der Friedenskirche versammelt.
Foto: IKZ
Was wir bereits wissen
Gutes Essen genießen und sich über das Elend dieser Welt empören - das scheint nicht zusammenzupassen. Beim Frauenmahl mit 130 Teilnehmerinnen in der Friedenskirche aber hatte beides Platz.

Letmathe..  „Mein Haus soll ein Bethaus heißen“, spricht Jesus in der Bibel. Ein solches war die Friedenskirche am Freitagabend augenscheinlich nicht. Sie glich eher einem Restaurant. Wo sonst Gottesdienstbesucher ihre Gesangbücher in Händen halten, schenkten Kellner an weiß gedeckten Tischen Rot- oder Weißwein ein, und am warmen Büffet wurden Nudeln in Parmesan frisch flambiert. Das Trio „Schöne Töne“ aus Witten musizierte zwischendurch.

Rund 130 Frauen hatten sich zum „2. Frauenmahl“ im Kirchenkreis Iserlohn versammelt. Es gab „Gemüsestrudel auf Hibiscussauce“, „Piccata von der Zucchini“ und Passionsfruchtmousse. Ein offizielles Tischgebet wurde nicht gesprochen. Und doch: War nicht die ganze Veranstaltung so etwas wie ein Gebet?

Nicht genug Geld für die Krankenversicherung

Es ging keineswegs nur um himmlische Gaumenfreuden. Vier kurze Tischreden, verteilt über den Abend, gaben Anlass zum Nachdenken über Jesus Christus und die Welt von heute. Die Bundestagsabgeordnete Dagmar Freitag berichtete von Armut in unserer Überflussgesellschaft. Ihr seien persönlich Menschen bekannt, die sich keine Krankenversicherung mehr leisten können oder ihre Rente durch Flaschensammeln aufbessern. Und sie sprach voller Sorge von Brandanschlägen auf Flüchtlingsheime. „Ich verspüre Scham, Zorn und Ohnmacht angesichts solch menschenverachtender Ignoranz gegenüber Menschen, die alles verloren und Unvorstellbares erlebt haben.“

Marianna Metta (25), Mitglied einer neuerdings im Letmather Bahnhof ansässigen Zeitschriften-Redaktion, berichtete über Probleme der Inklusion. Sie selbst sitzt wegen „Glasknochen“ im Rollstuhl und konnte an diesem Abend nicht kommen. Was sie zu sagen hatte, wurde in einer Aufzeichnung vorgelesen. Am Beispiel eines spastisch behinderten jungen Mannes beklagt sie, dass Menschen, die körperlich beeinträchtigt, aber ansonsten sehr begabt und leistungsfähig sind, oft keine angemessene Ausbildung erhalten.

Das sind nur ein paar Gedanken aus zwei der vier Tischreden. Sie zeigen: Es gibt große Not und reichlich Anlass, Jesu Botschaft der Gottes- und Nächstenliebe in die Praxis umzusetzen. Ordensschwester Lea Ackermann untermauerte dies als weitere Tischrednerin. Sie hat in Afrika Opfer von Sextourismus betreut.

Musste den Frauen da nicht der Appetit vergehen?

Konnte man bei so viel Not und Elend überhaupt noch Spaß am Essen haben? „Ich habe genug...“ lautete das Motto des Abends, das genau diesen Zwiespalt aufzeigt. Auf der einen Seite steht die Verheißung Jesu, das alle Menschen genug zum Leben und vollen Anteil haben sollen. Andererseits möchte man vor lauter Katastrophen verzweifeln und braucht immer wieder neue Anstöße, um gegen Ungerechtigkeiten zu kämpfen.

Das Frauenmahl sollte einen solchen Anstoß geben. „Gemeinsames Essen verbindet, man kommt ins Gespräch“, hatte Superintendentin Martina Espelöer schon in ihrer Begrüßung betont. Und in Gesprächen entstehen Ideen, wie man anderen helfen kann. Eine Idee wurde bereits während des Frauenmahls umgesetzt: Jede Tischrede wurde in „leichter Sprache“ zum Mitlesen auf eine Leinwand projiziert. Das war hilfreich für Menschen, denen es schwerfällt, komplizierte Sätze zu verstehen. In der „leichten Sprache“ werden u. a. Schachtelsätze und schwierige Wörter vermieden oder umschrieben. Unter den Teilnehmern waren etliche Frauen im Rollstuhl. Sie lobten die Barrierefreiheit der Friedenskirche. Seit dem Umbau ist sie stufenlos erreichbar und kann je nach Anlass mit Tischen und Stühlen oder auch nur mit Stuhlreihen möbliert werden.