Mutterglück per Videoschaltung
31.03.2010 | 19:00 Uhr 2010-03-31T19:00:00+0200
Kamen. Stephanie Köhler ist aufgeregt. Die 22-Jährige wird gleich zum dritten Mal ihre Tochter Jennifer sehen. Auf einem Computerbildschirm soll die Kleine erscheinen.
Seit acht Jahren lebt Jennifer rund 7 500 Kilometer entfernt von der Mutter, in Haiti. Als Stephanie Köhlers Familie im Jahr 2002 nach Deutschland ausreiste – der Vater ist Kamener und hatte von hier aus die Ausreise seiner haitianischen Frau und der drei gemeinsamen Kinder organisiert –, hat die damals 14-Jährige aus „Furcht vor dem Vater”, wie sie sagt, die Geburt des Babys verschwiegen und es bei der Tante zurückgelassen. Nun kämpft die junge Frau seit Monaten verzweifelt darum, das Kind nach Hause zu holen, nach Kamen. Die gestrige Videokonferenz zwischen Deutschland und Haiti war ein wichtiger Schritt in diese Richtung: Während Mutter Stephanie in einem Dortmunder Institut für DNA-Analysen am PC saß, wurde ihrer Tochter Jennifer in der Deutschen Botschaft in Port-au-Prince eine Speichelprobe entnommen.
Warum dieser Aufwand? Stephanie fürchtete, dass die haitianische Tante, zu der sie das Kind vor acht Jahren gebrachte hatte, einfach die eigene Tochter zum Speicheltest antreten lässt. Um zu verhindern, dass sie, die Tante, Jennifer verliert – und damit eine wichtige Geldeinnahmequelle. „Seit Jennifer bei der Tante lebt, bekommt sie hin und wieder Geld aus Deutschland”, erklärt Olaf Hoppe, Methleraner Gastronom und Arbeitgeber von Stephanie, der die Rückholaktion der kleinen Jennifer leidenschaftlich unterstützt. Geld, das die Tante dringend benötige, um die eigene Familie durchzubringen. Vor allem nach dem verheerenden Beben im Januar, das auch die Geburtsurkunde von Stephanie Köhlers Tochter vernichtete. Und ohne Geburtsurkunde gibt es kein Ausreisevisum fürs Kind. Überdies muss die Sorgerechtsfrage noch geklärt werden.
Zwar ist Stephanie bereits im September vergangenen Jahres mit einer Freundin nach Haiti gereist, um die Tochter abzuholen. Doch damals war ihr nicht bewusst, dass sie für das Visum einen Umweg über die Dominikanische Republik hätte machen müssen. Dort ist Jennifer nämlich vor acht Jahren zur Welt gekommen. Wegen des hohen Aufwandes sind die beiden jungen Frauen ohne das Kind nach Deutschland zurückgeflogen. „Wir hatten nicht genug Geld für die Flüge”, sagt Stephanie, „wir waren völlig überfordert.”
Nach dem Beben aber war es für Stephanie umso wichtiger, ihr Kind nach Deutschland zu holen. Seither erfährt sie bei ihren Bemühungen jede Menge Unterstützung; sowohl von Menschen in Kamen wie von der Deutschen Botschaft in Haiti.
Die Speichelprobe von Stephanies Tochter wird jetzt von Haiti nach Deutschland geschickt, was gut drei Wochen dauert. Der DNA-Test liege dann innerhalb von 48 Stunden vor, verspricht das Dortmunder Institut. Ist der Mutterschaftstest positiv, kann sich die junge Kamenerin auf den Weg machen. Zunächst in die Dominikanische Republik, wo sie eine neue Geburtsurkunde für das Kind beantragen muss, und dann weiter nach Haiti, wo sie Jennifer endlich in die Arme schließen kann.
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