Jeder Tag eine Überraschung
13.02.2012 | 17:36 Uhr 2012-02-13T17:36:00+0100
Kamen. Ende Oktober haben sich die beiden Physiotherapeutinnen Mieke Schmidt und Leonie Nolte auf den Weg nach Tamaram im Distrikt Andhra Pradesh gemacht - um zu arbeiten, wohlgemerkt, nicht, um in der Sonne zu brutzeln. Nun sind sie wieder da.
Doch, ja: Es ist recht kalt bei uns. Vor allem für Leute, die das letzte Vierteljahr bei Tageswerten um 35 Grad in Indien verbracht haben. Mieke Schmidt und Leonie Nolte fühlten sich denn auch bei ihrer Rückkehr nach Kamen mehr oder weniger schockgefrostet. Ende Oktober hatten sich die Physiotherapeutinnen auf den Weg nach Tamaram im Distrikt Andhra Pradesh gemacht - um zu arbeiten, wohlgemerkt, nicht, um in der Sonne zu brutzeln. Nun sind sie wieder da: Mit Tausenden Erinnerungsfotos und Erfahrungen fürs Leben.
„Jeder Tag war eine Überraschung“, sagt Leonie Nolte. Nach ihrer Ausbildung hatten sie und ihre Mitstreiterin entschieden, Deutschland für drei Monate zu verlassen und in Tamaram mit anzupacken, genauer: in einer christlichen Ausbildungs- und Betreuungsstätte, die sich um rund 150 Jungen und Mädchen kümmert. Das war nun also die neue Kundschaft der jungen Frauen. Die sahen erst den einheimischen Kollegen zu - und legten dann selbst los. Sie habe in Indien gelernt, „mit wenigen Dingen gut auszukommen“, erzählt Mieke Schmidt. Und wenn da Kinder auf einem Hometrainer saßen, an dessen Pedale ihre Füße nicht heran reichten, wurde halt improvisiert.
In einem Hostel inmitten eines kleinen Dorfes waren Schmidt und Nolte untergebracht, als einzige Weiße weit und breit bestaunt - „und betüddelt“, lachen die beiden. Standen sie irgendwo, um „ihren“ Kindern beim Spielen zuzugucken, brachte prompt irgendwer zwei Stühle. Es wurde von ihnen erwartet, sich überall vorzustellen; dafür erfuhren sie ungeteilte Aufmerksamkeit ihrer Gastgeber: „Wir wurden mit Blumen beschenkt.“ Etwas gewöhnungsbedürftig war das Nachtleben - oder eben gerade nicht: Es gab keins. Es wurde aber auch von den deutschen Physiotherapeutinnen nicht unbedingt vermisst: „Wir waren platt“, erinnert sich Mieke Schmidt an die Befindlichkeit nach einem Tag voll Arbeit, Pendelei per Fahrrad, Wäschewaschen per Hand und - nicht zu vergessen - Tagebuchschreiben. Selbst an Heiligabend und Silvester blieb kaum Zeit für wehmutsvolle Gedanken an die ferne Heimat. Stattdessen: Kirchenbesuche. Viel fröhlicher sei es da zugegangen als bei Gottesdiensten in Deutschland, beinahe Partystimmung, ein stundenlanges Gewusel, ein Kommen und Gehen.
Der Abschied im Januar fiel denkbar schwer. „Erst ein bisschen geheult, und dann ganz schnell ins Auto und zum Flughafen“, erinnern sich Nolte und Schmidt an den Tag der Abreise. Sie blickten in traurige Kinderaugen - und hoffen heute, „dass etwas angekommen ist von dem, was wir vermitteln wollten“, sagt Leonie Nolte: Die Arbeit mit einzelnen Jungen und Mädchen zum Beispiel - die habe viel gebracht. Statt herumstreunender Kühe treffen die Kamenerinnen wieder auf Tauben; Messer und Gabel gehören wieder zum Alltag, statt das Essen mit den Fingern von Bananenblättern zu klauben. In ein, zwei Jahren möchten sie gern nochmal nach Tamaram - dann aber, um nachzuschauen, nicht, um zu arbeiten.
0mitdiskutieren