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Zeitarbeit

Zwei-Klassen-Gesellschaft ist Geschichte

18.08.2014 | 17:35 Uhr
Zwei-Klassen-Gesellschaft ist Geschichte
„Wenn wir plötzlich lange Schlangen von Arbeitsuchenden vor der Tür hätten, wäre das zunächst einmal ein untrügliches Signal dafür, dass sich gerade in der Wirtschaft massive Probleme entwickeln.“ Marcus Schäfer, (VPL-Geschäftsführer) und die Disponentinnen Monika von Reppert und Gabi Lange (r.).Foto: Michael May

Iserlohn/Letmathe.   Glaubt man dem VPL-Team, können Wirtschaft und Zeitarbeiter heute gar nicht ohne einander.

Die einen sehen bei allem Optimismus in diesen Tagen dunkle Wolken am Wirtschaftshimmel aufziehen, andere prognostizieren auch weiterhin einen sich erholenden Arbeitsmarkt. Das System „Zeitarbeit“ bildet dabei inzwischen auch für den lokalen Raum einen nicht mehr wegzudiskutierenden Teil der betrieblichen Realität in Produktion und Handwerk. Grund für ein Grundsatzgespräch mit den VPL-Insidern Marcus Schäfer, Gabi Lange und Monika von Reppert über Trends und Tücken der Branche.

Ihre Branche gilt als Indikator für den Zustand der Wirtschaft. Was signalisieren Ihnen im Moment Ihre Zahlen? Ist die Lage so stabil wie behauptet? In welche Richtung zeigt der Pfeil?

Marcus Schäfer: Auf jeden Fall stagniert sie nicht. Sie geht in Teilbereichen sogar weiter aufwärts. Zum Beispiel in der Automobilindustrie. Das ist gut für uns, weil auch die Zulieferer-Betriebe große Mengen nachliefern müssen. Auch im kaufmännischen Bereich ist der Markt im Moment gegeben. Die Nachfrage ist da, und viele Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter werden auch übernommen. Und Übernahmen zeigen immer, dass die deutsche Wirtschaft stark ist.

Vor diesem Hintergrund ist eine stabile, starke Wirtschaft ja vielleicht gar nicht Ihre ganz große Freude. Das kostet Sie doch Leute, und die Zahl der temporär benötigten Arbeitskräfte geht zurück.

Marcus Schäfer: Das könnte man so sehen. Aber wir sehen auch, dass eine gesunde Wirtschaft bereits zu weiteren Innovationen und Investitionen in den Unternehmen führt. Und dafür braucht es dann auch wieder Arbeitskräfte.

Ihre Einschätzung bezieht sich jetzt auf Ihre bundesweiten Erkenntnisse. Kann man das auf unsere Region herunterbrechen?

Gabi Lange: Da müssen wir die Region mal definieren. Wir sind ja hier von Letmathe aus unter anderem in den Räumen Neuenrade, Werdohl, Menden, Lüdenscheid bis nach Arnsberg tätig.

Monika von Reppert: Eigentlich also im ganzen Märkischen Kreis. Und grundsätzlich stimmen unsere Beobachtungen – insbesondere bei unseren langjährigen Stammkunden – auch mit dem Bundestrend überein.

Steigt parallel zur guten Wirtschaftslage die Anforderung des Kunden an die Qualität des Arbeitnehmers?

Marcus Schäfer: Teils, teils. Im Bereich der innovativen Wirtschaft geht es wirklich auch um die Qualifikation der Mitarbeiter. Und dann ist eben auch Weiterbildung ein großes Thema. In den anderen Bereichen sind es dann eher wirklich die Masse und die Arbeitskraft, die angefragt wird.

Gabi Lange: Bei den reinen Zuarbeiten stehen eher Kriterien wie Zuverlässigkeit oder Pünktlichkeit im Vordergrund. Im Facharbeitsbereich geht es doch inzwischen immer mehr auch um die Qualifikation. Und da wird die Luft am Markt wirklich dünn.

Gibt der Arbeitsmarkt grundsätzlich nichts her oder hat das was mit Ihren Bedingungen zu tun?

Marcus Schäfer: Mit den Bedingungen hat das gar nichts zu tun. Wir haben den Mindestlohn, und wir haben die tariflichen Eingruppierungen. Damit bieten wir sogar oft bessere Perspektiven als in anderen Festanstellungen. Nehmen wir aber mal das Beispiel der Arbeitskräfte im Fachbereich für Krankenpflege. Da ist der deutsche Markt komplett am Boden. Wir haben unlängst eine gewaltige Werbekampagne gefahren, u.a. bei Facebook, hatten am Ende auch unzählige Klicks -- und wir hatten nicht eine Bewerbung.

Kann und wird das am Ende dazu führen, dass Sie selbst Ihren eigenen Nachwuchs ausbilden bzw. selbst auch weiterbilden müssen?

Marcus Schäfer: Ja! Im gewerblichen Bereich machen wir das bereits in Teilen. Wir sind zum Beispiel im Moment dabei zu überlegen, wie wir eine eigene qualifizierte Schweißergruppe aufstellen können.

Drängen derzeit mehr deutsche oder mehr ausländische Arbeitnehmer in ein Zeit-Arbeitsverhältnis?

Gabi Lange: Das hält sich die Waage. Wir hatten gedacht, dass mit der EU-Erweiterung was passieren würde, aber das ist eben nicht passiert. Einige sind gekommen, doch eben nicht die Mengen, die wir angenommen haben. Aber bei vielen scheiterte es am Ende auch immer wieder an der Sprachbarriere. Sie waren gut und motiviert, konnten sich aber nicht verständigen. Dann sind erst einmal Sprach-Crashkurse angesagt.

Monika von Reppert: Wir stehen in Kontakt mit Bildungsträgern, die uns dann wiederum informieren, wenn ihrer Meinung nach Arbeitnehmer für eine Vermittlung bereit sind. Aber wir haben daneben auch mit Menschen zu tun, die über ihre bereits in Deutschland lebende Verwandtschaft auf privatem Weg ins Land kommen. Derzeit zum Beispiel viele Spanier. Die sind natürlich auch erst einmal nicht in irgendwelchen Maßnahmen.

Gabi Lange: Wir sehen aber in der Kundschaft auch eine gewisse Kompromissbereitschaft, weil man in den Betrieben auch weiß, dass die vermittelte Arbeitsleistung stimmt. Dann versuchen auch die Unternehmen mit eigenen organisatorischen Überlegungen, Sprachprobleme zu lösen.

Stehen Ihre Kunden-Betriebe eigentlich dazu, dass sie sich Ihrer Hilfe bedienen oder ist das eher ein Markt, über den man nicht wirklich gern spricht?

Marcus Schäfer: Ganz offensiv. Es ist vielleicht sechs Jahre her, da gab es diese Zwei-Klassen-Gesellschaft. Da durften unsere Mitarbeiter noch nicht einmal unsere T-Shirts tragen. Aber das ist viel besser geworden. Heute identifizieren sich die Unternehmen damit, sehen uns nicht nur als Personallieferanten, sondern eben auch als Dienstleister, der qualifiziertes Personal zur Verfügung stellt, das man später auch übernehmen kann. Außerdem sieht man in uns ja auch den Arbeitsvermittler, den man gezielt mit der Suche nach einer benötigten Kraft beauftragt.

Haben in der Branche inzwischen auch die Selbstreinigunskräfte gegriffen? Zeitarbeit ist ja von der Grundidee erst einmal nichts Schlechtes oder Schlimmes. Die schwarzen Schafe und Ausbeuter haben jedoch für Ärger gesorgt. Ist das vorbei?

Marcus Schäfer: Schwarze Schafe hat es gegeben, und wird es auch weiter geben. Aber Tarife und Branchenzuschläge haben die Probleme deutlich verkleinert und zum Beispiel Anbieter von höchst umstrittenen Werksverträgen weitgehend aus dem Markt genommen.

Wie ist heute Ihr Verhältnis zur Bundesagentur für Arbeit?

Gabi Lange: Wir haben kurze Wege, sind gut vernetzt.

Sie sprechen von einem weitgehend abgegrasten Arbeitsmarkt. Kommen heute noch Arbeitnehmer von sich aus auf Sie zu?

Monika von Reppert: Das passiert. Und zwar meist auf Empfehlung. Da zahlt sich natürlich aus, dass wir schon zwölf Jahre am Standort sind. Aber Schlangen vor der Bürotür gehören der Vergangenheit an. Andererseits würden uns eben solch plötzliche Schlangen auch ein Straucheln der Wirtschaft signalisieren.

Nur noch mal zum Verständnis: Wenn Sie einem Mitarbeiter einen Arbeitsvertrag geben, dann bekommt er seinen vertraglich zugesicherten Lohn auch, wenn Sie ihn gerade nicht vermitteln können?

Marcus Schäfer: Genau, im Rahmen der tariflichen Vereinbarung wird er in den seriösen Unternehmen der Branche auch entlohnt, einschließlich der begleitenden Sozialabgaben.

Wächst Ihre Branche eigentlich noch, oder konsolidiert sie sich eher nach unten?

Marcus Schäfer: Ich denke, zukünftig werde sich noch mehr Betriebe damit befassen. In der eigenen Branche beobachten wir immer wieder Newcomer, die auf den Markt drängen, schnelles Geld machen wollen, am Ende aber an den fehlenden Kundenkontakten scheitern. Bei den Kunden-Unternehmen beobachten wir eine immer stärkere Hinwendung zur Zeitarbeit und zu unseren Angeboten der Personalvermittlung, weil ihre eigenen Personalabteilungen am Markt nichts mehr finden.

Lösen denn Übernahmen von guten Mitarbeitern bei Ihnen nicht doch auch Frust aus?

Gabi Lange: Das kann man so und so sehen. Im Grunde ist ja die Qualität der Mitarbeiter auch die beste Werbung für einen selbst.

Wird Zeitarbeit heute auch von kleinen, mittelständischen Betrieben bzw. vom Handwerk nachgefragt?

Monika von Reppert: Durch die allgemein verbesserte Akzeptanz wird es auch in diesem Bereich besser.

Was war eigentlich vor 12 Jahren der Grund, dass Sie sich in Letmathe angesiedelt haben?

Monika von Reppert: Wir wollten einfach noch näher an die zu betreuenden Betriebe. Und wir hatten und haben dabei auch den Nahverkehr im Auge, da wir ja einen eigenen Fahrdienst für unsere Mitarbeiter anbieten. Ohne eigenes Auto oder oft eben auch durch fehlende Nahverkehrsmöglichkeiten kämen die ja nie zu unseren Kunden.

Lassen Sie uns zum Schluss noch einmal auf den bereits angesprochenen Bereich der Alten- und Krankenpflege zurückkommen. Mit welchen Inhalten werden Sie diesen neuen Schwerpunkt befüllen?

Marcus Schäfer: Wir denken nicht da nicht nur an den Bereich der mobilen Kranken- und Altenpflege, sondern auch an den Bereich der Krankenhäuser, also an Schwestern, Pfleger und vielleicht später auch an Ärzte. Das wäre früher ja undenkbar gewesen, kommt heute aber langsam aber sicher ins Laufen. Im Ausland wird dies bereits praktiziert.

Thomas Reunert

Kommentare
20.08.2014
23:14
Zwei-Klassen-Gesellschaft ist Geschichte
von rabarberkuchen | #1

Was soll man zu diesem Interview sagen? Geschickt plazierte Meinungsmache, im Auftrag der INSM? Wenn die Leiharbeit so schön ist, warum versucht...
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2014-08-18 17:35
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