„Wir brauchen nicht nur Ameisen, wir brauchen auch Schmetterlinge“

Dr. Anne-Babett Woelke-Westhoff und Gregor Schmitz
Dr. Anne-Babett Woelke-Westhoff und Gregor Schmitz
Foto: IKZ
Dr. Anne-Babett Woelke-Westhoff und Gregor Schmitz sind aktiv bei „G9 jetzt in NRW“ – ein Gespräch über fehlende Entwicklungsmöglichkeiten und Niveauverlust.

Iserlohn..  „G8 wurde 2004 von der rot-grünen Landesregierung in NRW eingeführt“, antwortet die CDU. „Wie Sie wissen, wurde G8 in NRW im Jahr 2006 durch die damalige CDU/FDP-Landesregierung beschlossen und im Eiltempo durchgesetzt“, reklamiert die SPD. Mit dem „Turbo-Abi“ will ganz offensichtlich niemand etwas zu tun haben. Um so unverständlicher ist es für Dr. Anne-Babett Woelke-Westhoff, dass keiner der politischen Entscheidungsträger in Düsseldorf G8 noch einmal grundsätzlich auf den Prüfstand stellt.

Die Mutter von vier Kindern aus Hemer hat mit ihrem ältesten Sohn noch das alte G9-Abitur kennen gelernt. Ihre jüngeren Kinder stecken nun mitten im G8, und die erhöhten Belastungen, die diese Umstellung mit sich gebracht haben, veranlassten sie, aktiv für die Rückkehr zum G9-Abitur zu kämpfen. In ihren Briefen an die heimischen Landtagsabgeordneten Torsten Schick (CDU) und Inge Blask (SPD) hält sie den Politikern vor, dass den Kindern ein Stück ihrer Kindheit und Jugend geraubt werde, dass Hobbys und Mitgliedschaften im Verein kaum noch möglich seien und Treffen mit Freunden in der Freizeit praktisch nicht mehr stattfinden. Gleichzeitig stellten in der Schule die Umstellung auf den Ganztag sowie die Einführung der zweiten Fremdsprache schon in Klasse 6 extreme Hürden dar, unter denen vieles andere leide. Durch den gestrafften Lehrplan entfalle im Grunde alles, was Schüler früher positiv motiviert habe.

Die Antworten aus den Landtagsbüros vertrösten. Sie schieben den schwarzen Peter hin und her und verweisen auf das Zehn-Punkte-Papier zur Entlastung der G8-Schüler, das vom „Runden Tisch“ entwickelt worden war und im Dezember vom Landtag verabschiedet worden ist. Das geht der Hemeranerin aber nicht weit genug. Sie hat sich der Volksinitiative „G9 jetzt“ angeschlossen und sammelt Unterschriften für die Wiedereinführung des alten Abiturs – auch aus dem Bewusstsein heraus, dass so wie sie die überwiegende Mehrheit der Eltern und Schüler denkt. Ihre persönlichen Erfahrungen, Gespräche und die breite Unterstützung bei der Unterschriftensammlung sind dafür ebenso ein Beleg wie eine WDR-Umfrage, die besagt, dass etwa zwei Drittel der Bevölkerung G8 ablehnt. In anderen Bundesländern – etwa im benachbarten Niedersachsen – hat es bereits die Kehrtwende gegeben. Anstatt das „Turbo-Abi“ aber auch in Nordrhein-Westfalen grundsätzlich noch einmal zu hinterfragen und damit dem Elternwillen zu entsprechen, so Anne-Babett Woelke-Westhoff, werde mit einem Zehn-Punkte-Papier nachgebessert, in dem viele Forderungen – etwa das Hausaufgabenverbot an langen Tagen – schon jetzt gelten, in der Praxis aber nicht umgesetzt werden.

Das Zehn-Punkte-Papier treibt auch Gregor Schmitz die Zornesröte ins Gesicht. Der sonst so ruhige und besonnene Pädagoge, der sich zuvor nie schulpolitisch engagiert hat, wird beim Thema G8 nun doch zum Aktivisten. Er ist offizieller Sammler für die Volksinitiative „G9 jetzt“ im Iserlohner Raum, hat bereits mehr als 1000 Unterschriften vorzugsweise in Hemer, wo er unterrichtet hat und wo auch die Kinder von Anne-Babett Woelke-Westhoff das Gymnasium besuchen, gesammelt, und wirbt auch im Gespräch im Wichelhovenhaus vehement für die Rückkehr zu G9.

Allein wirtschaftliche Interessen ausschlaggebend

Als Lehrer sieht er durch G8 das Gymnasium als Schulform in Gefahr. Schon 1993 hätten die Finanzminister der Länder das um ein Jahr verkürzte Abitur als Beitrag des Schulwesens zum Konsolidierungsprogramm zur Finanzierung der Wiedervereinigung beschlossen – G8 als Sparprogramm. Später hätte die Wirtschaft die Idee aufgegriffen, um Schule und Ausbildung zu beschleunigen, um schneller an Fachkräfte zu kommen und um im internationalen Vergleich konkurrenzfähig zu bleiben. G8 sei nie ein von Pädagogen entwickeltes Konzept gewesen, das zum Wohle der Schüler und der Schulen eingeführt wurde. Es hätten von Beginn an allein wirtschaftliche Interessen dahintergestanden.

„Ein Grashalm wächst aber nicht schneller, wenn man dran zieht“, sagt der Pädagoge. Sprich: Man kann die kognitive Entwicklung der Kinder und Jugendlichen nicht beschleunigen. Die Schüler seien heute nach der verkürzten Mittelstufe mit dem Stoff der Zehn schlicht überfordert, und das setze sich weiter fort. Am Ende ihrer Schullaufbahn seien sie nicht reif für das Studium.

Das Gymnasium komme seiner eigentlichen Aufgabe, nämlich starke Schüler zu fördern und auf das Studium vorzubereiten, nicht mehr nach. Und das werde durch die jetzt angedachte Ausdünnung des Schulstoffs zur Entlastung der Schüler noch beschleunigt. „Wir haben schon jetzt immer mehr Abitur-Abschlüsse mit immer mehr Einser-Abis. Auf der anderen Seite gibt es immer mehr Studien-Abbrecher, und die Hochschulen müssen Vorkurse einrichten, um den Abiturienten das beizubringen, was sie früher auf dem Gymnasium gelernt haben“, beschreibt Gregor Schmitz eine offenkundige Schieflage.

Definitiv keine Leistungssteigerung

„Wer glaubt, dass die Mehrbelastungen von G8 das Profil der Gymnasien stärken und somit zum Erhalt dieser Schulform beitragen, irrt gewaltig“, greift er die Argumentation des Philologenverbandes auf, der am „Runden Tisch“ für den Erhalt von G8 gestimmt hat. Das Turbo-Abi habe einen spürbaren Niveau-Verlust zur Folge: „Wo Gymnasium draufsteht, ist immer weniger Gymnasium drin.“ Eine Leistungssteigerung, die man hinter G8 vermuten könne, gebe es definitiv nicht.

Eingebettet sei diese Abwärtsentwicklung in eine Gemengelage, in der vielerorts ein genereller Niedergang in Erziehung und Bildung ebenso wie ein grundlegend gymnasium-feindliches Klima beklagt wird. Die Befürwortung des längeren gemeinsamen Lernens, die Forderung, dass auch ein Gymnasium jedes einmal aufgenommene Kind auch zu einem Abschluss führen muss, die Tendenz zu einer „Gleichmacherei“, die der Förderung der starken Schüler im Wege steht, sowie eine fortschreitende Überforderung der Gymnasien durch Inklusion oder Integration von Flüchtlingen – all das sei letztlich mit dem eigentlichen Charakter eines Gymnasiums als Ort der Bildungsspitze nicht mehr zu vereinbaren.

Die gesellschaftlichen Auswirkungen könne man nun schon an neuesten Studien aus Skandinavien sehen, wo bei allen Erfolgen des Schulsystems aktuell die Spitzen wegbrechen. Eine Gesellschaft brauche aber auch Spitzen. Natürlich sei es wichtig, alle – auch die schwächeren Schüler – zu fördern und zu guten Abschlüssen zu bringen. Ebenso wichtig sei es aber auch, die Starken zu fördern. Und das sei letztlich auch und vor allem durch G8 immer weniger möglich.

Dass nicht nur das Gymnasium als Schulform leide, sondern auch den Schülern etwas verloren geht, dass sie sich durch den gymnasialen Ganztag und die Bewältigung von immer mehr Stoff in immer kürzerer Zeit außerschulisch kaum mehr engagieren können und die Persönlichkeitsentwicklung als Schlüsselkompetenz für den späteren Weg zu kurz kommt, liege ohnehin auf der Hand. Jugendliche – auch schwierige Jugendliche – brauchen Zeit, um sich zu entwickeln und um einen eigenen Weg zu finden. „Wir brauchen nicht nur Ameisen, wir brauchen auch Grillen und Schmetterlinge.“

Info:

Rund 66 322 Unterschriften benötigt die Volksinitiative. Dann wird das Thema G8 erneut vom Landtag behandelt. Stand gestern Abend: 62 417 Unterschriften. Bis Ende Februar besteht die Möglichkeit, sich an der Unterschriftenaktion zu beteiligen. Alle Infos zur korrekten Teilnahme gibt es unter www.g9-jetzt-nrw.de. Gregor Schmitz bietet unter g9jetzt@gorni.de ebenfalls Hilfe und Betreuung beim Erstellen neuer Unterschriftenlisten an.