„Was wir machen, ist absolut kein Hexenwerk“

Eine familienfreundliche Gesprächsrunde (v.l.): Heike Hänsler, Günther Philipp, Delia Imhoff, Jessica Rösch und Betriebsratsvorsitzender Frank Vogt erklären, wie  bei Thiele mit dem Thema umgegangen wird.
Eine familienfreundliche Gesprächsrunde (v.l.): Heike Hänsler, Günther Philipp, Delia Imhoff, Jessica Rösch und Betriebsratsvorsitzender Frank Vogt erklären, wie bei Thiele mit dem Thema umgegangen wird.
Foto: IKZ
Das Iserlohner Unternehmen Thiele wurde jetzt für seine Familienfreundlichkeit zertifiziert. In der Heimatzeitung erklären Mitarbeiter, darunter die Mutter eines behinderten Jungen, warum.

Iserlohn..  Eine Liste mit gut zehn Punkten, hinter jedem ein Smiley, ein paar schauen miesepetrig drein, ein paar eher neutral. Das Papier zeigt Aspekte auf, die im weitesten Sinne mit Familienfreundlichkeit zu tun haben, flexible Arbeitszeiten, Mitarbeiterunterstützung, Mitarbeiterinformation, Altersvorsorge. Einen lächelnden Smiley sucht man hier vergebens.

Das Papier ist eine Selbsteinschätzung des Iserlohner Kettenherstellers Thiele in Sachen Familienfreundlichkeit. Die Smileys beschreiben den Sachstand im Prozess zum selbstgesteckten Ideal. Das Fehlen eines lächelnden Smileys in der Selbstbewertung erklärt Prokuristin Delia Imhoff so: „Wir betrachten diese Dinge nicht als erledigt. Sie sind weiter in Arbeit und im Werden.“

Davon, dass dieser Prozess des Werdens offenbar schon weit fortgeschritten ist, war vor gut zwei Wochen unter anderem auch das Kompetenzzentrum Frau & Beruf der „agentur mark GmbH“ überzeugt. Nach der Bewerbung im Februar erhielt Thiele als eines von elf Unternehmen im Märkischen Kreis, in Hagen und im Ennepe-Ruhr-Kreis das Prädikat „Familienfreundliches Unternehmen“.

Flexibilität ist Trumpf in allen beruflichen Lagen

Geschäftsführer Günther Philipp sagt: „Was wir machen, ist aber absolut kein Hexenwerk. Wir können anderen Unternehmen in dieser Hinsicht durchaus Mut machen.“ Viele Dinge seine leichter umzusetzen, als anfänglich vermutet.

Was für Dinge das sind, erklärt Heike Hänsler vom Bereich Personal und Soziales bei Thiele: „Im Wesentlichen geht es meist darum, bei den Arbeitszeiten flexibel zu sein.“ Gleitzeit, die Möglichkeit in familiären Notfällen den Arbeitsplatz umgehend verlassen zu können, kurzfristiger Schichttausch, aber auch die ständige Mitarbeiterinformation über interne Angelegenheiten per Mitarbeiterzeitschrift, transparente Altersvorsorgemodelle – all dieses seien Aspekte gewesen, mit der die Jury von der Familienfreundlichkeit Thieles überzeugt werden konnten. So werden bei Thiele auch Kinder und Lebenspartner der Mitarbeiter, wenn sie auf eine weiterführende Schule wechseln, zur Besichtigung an den Arbeitsplatz ihrer Eltern eingeladen.

Unter anderem wurden für die Bewerbung für das Zertifikat auch Mitarbeiter gebeten, Bilder und Texte zum Thema Familienfreundlichkeit bei Thiele einzureichen. Und: „Die Aussagen sind wirklich authentisch und nicht geschönt“, beharrt Heike Hänsler auf Nachfrage.

Ein Text etwa stammt von einem jungen Paar, das sich bei Thiele kennengelernt hat. Ein anderer, eher kurz gehalten, stammt von Jessica Rösch, Bauzeichnerin aus Sundern. Ihr 15 Jahre alter Sohn leidet an der sogenannten Elefantenkrankheit, hat Pflegestufe zwei, und wird 28 Stunden in der Woche betreut.

„Als ich nach seiner Geburt wieder arbeiten wollte, war es schwer etwas zu finden“, sagt die alleinerziehende Mutter zweier Kinder. „Die Arbeitgeber sind alle zurückgeschreckt angesichts der Umstände.“

Bei Thiele nun habe sie ihre Wochenarbeitsstunden nach und nach von elf auf 30 aufstocken können. Als ihr Sohn vor kurzem angefahren wurde, reichte eine E-Mail, und sie durfte der Arbeit fern bleiben. „Dafür nehme ich sogar die tägliche Anfahrt von Sundern in Kauf. Eine kürzere Anfahrtszeit kann mir die Flexibilität nicht ersetzen.“

Damit auch andere Mitarbeiter künftig von ihren Erfahrungen profitieren können, wird sich Jessica Rösch ab Juli bei Thiele ehrenamtlich als Pflegeberaterin engagieren, Infos weitergeben, Ansprechpartner vermitteln.

Ihr Engagement ist in gewisser Weise auch einer kontinuierlichen Entwicklung geschuldet. Delia Imhoff: „Bei Familienfreundlichkeit geht es immer mehr um das Thema Pflege, nicht mehr nur um Kinderbetreuung.“