Vor 75 Jahren das Abitur „gebaut“

Von den einst 20 Mitschülerinnen des Abiturjahrgangs 1940 leben heute noch sieben. Fünf davon konnten der Einladung zum Klassentreffen folgen, das wieder von Dr. Gundula Berkenhoff (r.) organisiert worden war.
Von den einst 20 Mitschülerinnen des Abiturjahrgangs 1940 leben heute noch sieben. Fünf davon konnten der Einladung zum Klassentreffen folgen, das wieder von Dr. Gundula Berkenhoff (r.) organisiert worden war.
Foto: IKZ
Was wir bereits wissen
Fünf Damen kamen am Wochenende zu einem rekordverdächtigen Treffen zu sammen: Sie alle haben vor 75 Jahren an der damaligen Oberschule für Mädchen an der Stennerstraße ihr Abitur bestanden.

Iserlohn..  Ein solches Klassentreffen dürfte es in Iserlohn, ja in der Region noch nicht gegeben haben: Fünf der 20 Schülerinnen, die vor 75 (!) Jahren ihr Abitur an der damaligen Oberschule für Mädchen an der Stennerstraße gemacht haben, trafen sich am Samstag bei Spetsmann am Poth.

Abschlussfahrt führte nach Bad Ems statt nach London

Diese ganz besondere Gemeinschaft, die von den 93- bzw. 94-jährigen Damen immer noch zwei Mal im Jahr in Iserlohn und Mühlheim an der Ruhr gepflegt wird, ist um so erstaunlicher, als dass es sich damals um eine zusammengewürfelte Klasse gehandelt habe, die nur die letzten drei Jahre der Schulzeit gemeinsam verbrachte, berichtete Dr. Gundula Berkenhoff, geb. Knigge, die das Treffen wieder organisiert hatte. Denn in den Osterferien 1937 erfuhren die Mädchen, dass die Schulzeit von neun auf acht Jahre verkürzt wird. Ein Vorzeichen des Krieges, mit dem die Zahl der Soldaten erhöht werden sollte, von dem dann aber auch die Mädchen betroffen waren.

Zu den neun Schülerinnen aus der Untersekunda, die von Beginn der Schulzeit an in einer Klasse gewesen waren, kamen fünf aus der Obertertia, die somit direkt in die Obersekunda wechselte, sowie sechs neue Mädchen aus Hemer, Menden, Hohenlimburg und Plettenberg. Denn erstmals wurde seinerzeit neben dem hauswirtschaftlichen Zweig auch die Möglichkeit des Vollabiturs angeboten, und zwar mit einem sprachlichen Zweig mitsamt Latinum. Das habe es damals ansonsten in der Region nur in Hagen und Dortmund gegeben. Die schwierige Aufgabe, die Schülerinnen mit ihren unterschiedlichen Vorkenntnissen in Englisch und Französisch auf die Reifeprüfung vorzubereiten, habe mit dem „Fräulein Grüter“ eine ganz junge Lehrerin übernommen. „Wir waren die erste Klasse, die sie zur Reifeprüfung führte, und sie hat uns später mal gesagt: ,Ich glaube, ich war aufgeregter im Abitur als ihr es wart.’“

Ihren Job hat sie aber wohl gut gemacht, denn alle 20 bestanden die Abiturprüfungen am 1. und 2. März 1940, vier sogar mit Auszeichnung, was heute einem Notenschnitt von 1,0 entsprechen würde. Insgesamt sei man damals die Schule mit dem besten Schnitt im Bereich der damaligen Schulaufsicht Münster, also in ganz Westfalen, gewesen.

Auf den Unterricht in der letzten Phase ihrer Schulzeit habe der damals noch nicht lange währende Krieg übrigens keine Auswirkungen gehabt – außer auf die Abschlussfahrt: Statt nach London ging es nach Bad Ems. Und ihren Wunsch, die erlangte Hochschulreife auch zu nutzen, mussten sie natürlich auch erst einmal hintenan stellen, da die jungen Frauen zunächst Arbeits- und Kriegshilfsdienst, unter anderem in Lazaretten, leisten mussten.

Vereinbarkeit von Beruf und Familie unter Beweis gestellt

Vier von ihnen wurden später auch Ärztinnen, neun ergriffen den Lehrerinnen-Beruf. Außerdem wurden zwei Apothekerinnen und je eine Chemikerin, Volkswirtin, Restauratorin, Bibliothekarin und Verlegerin. Dabei erbrachten 15 von ihnen schon damals den Beweis, dass sich Beruf und Familie durchaus vereinbaren lassen: Sie heirateten und bekamen insgesamt 31 Kinder.

Die Idee zum ersten Treffen hatte Mitte der 70er Jahre die frühere Klassenlehrerin Frau Grüter, die auch in erster Linie dazu beigetragen habe, dass sich eine solche Klassengemeinschaft bilden konnte. Von den einst 20 Mitschülerinnen leben heute noch sieben. Zwei aus Heidelberg und Paderborn konnten am Samstag nicht dabei sein. Neben zwei Iserlohnerinnen reisten die anderen aus Mühlheim, Warendorf und Ratingen an. Nachdem sie bei ihrem Klassentreffen vor 25 Jahren sogar im Rathaus empfangen worden waren und vor zehn Jahren ihre Abitur-Arbeiten einsehen konnten, hätten sie auch diesmal gern wieder ihr altes Schulgebäude an der Stennerstraße besucht. Eine Anfrage per Email sei aber leider unbeantwortet geblieben. Deswegen wollen es die Damen 2016 noch mal versuchen.