Vom Schreiben allein kann sie nicht leben

MKK-Stipendiatin Franziska Wilhelm
MKK-Stipendiatin Franziska Wilhelm
Foto: IKZ
Was wir bereits wissen
MKK-Literatur-Stipendiatin Franziska Wilhelm besuchte Iserlohner Schulen und unserer Redaktion.

Iserlohn..  Zwei Lesungen und einen Poetry-Slam-Workshop absolvierte die Literatur-Stipendiatin 2015 der Märkischen Kulturkonferenz (MKK) jetzt in zwei Iserlohner Gymnasien. Wie berichtet, erhielt Franziska Wilhelm das mit 12 000 Euro dotierte Stipendium der MKK.

Jury-Mitglied Thomas Brenck organisierte jetzt die Lesungen im Märkischen Gymnasium und im Gymnasium an der Stenner kurz vor Beginn der Osterferien: „Wir wollen Gegenwartsliteratur in Schulen bringen, um den jungen Leuten zu zeigen, dass sie etwas mit ihnen zu tun hat. Literatur ist keineswegs nur Vergangenes aus dem Museum.“ Damit solle der eingeengte Lehrplan erweitert werden. Der Deutschlehrer im Ruhestand weiß aus eigener Erfahrung: „Moderne Literatur fehlt in der Schule.“ Da MGI-Schüler im Juni einen Poetry-Slam planen, stand Franziska Wilhelm ihnen mit Rat und Tat zur Seite, gab Tipps, wie sie ihre Texte wirkungsvoller formulieren und in der Performance rüberbringen können. „Da waren viele unterschiedliche Talente da“, lautet ihr Fazit.

Bei ihrem Besuch in den Iserlohner Schulen und in unserer Redaktion erzählte die in Erfurt geborene Autorin von ihrem Werdegang: 1981 in Erfurt geboren, lebt und arbeitet sie heute in Leipzig, wo sie auch Kommunikationswissenschaft und Betriebswirtschaftslehre studierte. Da sie vom Schreiben alleine nicht leben könne, hat sie eine halbe Stelle in der Presse- und Öffentlichkeitsarbeit eines Car-Sharing-Unternehmens in Thüringen und Sachsen-Anhalt. Lächelnd gesteht sie: „Man hat ja nicht das Glück, jedes Jahr einen Preis zu bekommen.“

Zum Schreiben geht sie mit ihrem Laptop immer in die Bibliothek. Dafür habe sie sich bestimmte Schreibtage eingerichtet: Donnerstag und Freitag. Die Routine sei ganz wichtig. Der Elfenbeinturm ist nichts für die junge Schriftstellerin, die in der Szene gut vernetzt ist: „Ich genieße es, Kollegen zu haben, ich bin ein geselliger Typ“, verrät sie mit breitem Grinsen.

33-jährige Autorin erfuhrviel Anerkennung

Die 33-jährige Autorin gehört der Lesebühne „Schkeuditzer Kreuz“ in der Leipziger Innenstadt an und erfuhr in den vergangenen Jahren Anerkennung für ihre kurzen Erzählungen. Die Mitglieder des kleinen Autorenkreises schreiben jeden Monat zwei Geschichten und ein Lied, die sie dann vor Publikum vortragen, sie haben ein Stammpublikum von etwa 150 Literaturfreunden. Das kulturelle Flair sei inspirierend, wohl auch wegen der großen Autorendichte, dem dort beheimateten Literaturinstitut und der Buchmesse, erzählt die sympathische Schriftstellerin, die sich auch in der Poetry-Slam-Szene einen Namen gemacht hat.

Franziska Wilhelm war Preisträgerin beim Jungen Literaturforum Hessen-Thüringen, dem sächsischen „poet bewegt“, und beim Eobanus Hessus der Stadt Erfurt. Zudem engagierte sie sich bei Nachwuchswettbewerben. Nicht von ungefähr. Über Freunde, die sie zum Schreiben animierten, fand sie selbst den Weg in den Literaturbetrieb, wo sie zunächst Kurzgeschichten verfasste, bis sie ihren ersten Roman herausbrachte, der jetzt über ihre Heimat hinaus für Furore gesorgt hat. Diese Begeisterung will sie weitergeben und andere Literaturfreunde anstecken.

Das MKK-Stipendium erhielt sie für ihren ersten Roman „Meine Mutter schwebt im Weltall und Großmutter zieht Furchen“, der im vergangenen Jahr im Verlag Klett-Cotta erschien. Vier Jahre habe sie daran geschrieben und zwischendurch voll gearbeitet. Worum geht es in dem Buch: „Der Schauplatz ist ein Dorf in der ostdeutschen Provinz ohne Perspektive. Ich porträtiere Leute, die nicht auf der Sonnenseite leben, das in einem positiven Grundton mit traurigen Teilen.“ Alle Figuren in dem Buch mit dem skurrilen Titel seien frei erfunden. Die Handlung spielt zehn Jahre nach der Wende. „Sie könnte aber auch in einer anderen Region spielen, wo Betriebe zugemacht haben.“ Wie die Autorin erzählt, sei ihr Buch gut aufgenommen worden in Bochum, wo Zechen stillgelegt wurden, oder in der Oberpfalz, wo große Stahlwerke zugemacht wurden, weil sie sich Leute mit den Akteuren identifizieren konnten.

Echt krass führt bereits der erste Satz des ersten Kapitels „Willkommen in Café Enders“ in die morbide Szenerie ein: „Bei Leuten, die sich vor den Zug schmeißen wollten, war Strottenheim eine große Nummer.“ Im Mittelpunkt der ungewöhnlichen Geschichte steht die Sportplatzkneipe der Familie Enders, die vor allem dafür bekannt ist, dass sich Lebensmüde dort ihr letztes Bier zapfen lassen. Franziska Wilhelm schreibt aus der Perspektive der Wirtstochter, deren Leben eine Wende erfährt, als sie sich mit einem depressiven Paketfahrer auf eine Reise ins Ungewisse begibt. „Der Roman ist keineswegs gesellschaftskritisch zu sehen“, sagt die Autorin. „Er weitet den Blick für das Menschliche bei einigen Gestalten.“ Und das mit den Mitteln des Humors und der Überspitzung.

Roman ist auch ein Bild unserer Gegenwart

Was die MKK-Jury überzeugte, schildert das Iserlohner Jury-Mitglied Thomas Brenck so: „Der Roman führt uns zu Menschen in einer trostlosen Welt der Verzweifelten und Abseits Lebenden. Durch ihr Erzählen gelingen ihr trotzdem Momente und Situationen der Leichtigkeit und der kleinen Hoffnungen.“ Ihre Personen zeichnet Franziska Wilhelm humorvoll bis skurril. Thomas Brenck betont weiter: „Ihr Roman ist auch ein Bild unserer Gegenwart außerhalb der Zentren und fern vom Leben der Erfolgreichen.“ Er lobt die lebendige Fantasie der Autorin Franziska Wilhelm und wünscht ihr eine fruchtbare Lebens- und Arbeitszeit und dem Literaturpublikum im Märkischen Kreis viel Anregung in Schulen, Volkshochschulen und in Lesestunden.

Am 8. Mai liest sie um 19 Uhr in der Christuskirche in Plettenberg. Im Herbst komme sie dann zu weiteren Lesungen im Märkischen Kreis. Für Informationen und Kontaktaufnahme für Lesetermine verweist sie auf ihre Homepage mit entsprechendem Kontaktformular: www.franziska-wilhelm.de