Vinyl als Ausdruck eines Lebensgefühls

Sammler Hagel: Mehr als 5000 Schallplatten nennt der Sänger sein Eigen.
Sammler Hagel: Mehr als 5000 Schallplatten nennt der Sänger sein Eigen.
Foto: Michael May IKZ
Was wir bereits wissen
Während selbst die Fachwelt über das Comeback der Langspielplatte staunt, hat Richard Hagel, selbst Eigentümer einer gewaltigen LP-Sammlung, eine verhältnismäßig einfache Erklärung dafür, weshalb Vinyl auch bei der jüngeren Zielgruppe der Musikindustrie wieder schwer angesagt ist: „Man nimmt sich wieder mehr Zeit, um Musik zu erleben.“

Iserlohn..  Totgesagte leben länger. Waren sich die allermeisten Experten aus der Musikindustrie noch vor wenigen Jahren einig, dass die klassische Langspielplatte vor ihrem endgültigen Ende steht, erlebt Vinyl dieser Tage ein nahezu unglaubliches Comeback. Seit 2009 hat sich der LP-Umsatz in Deutschland mehr als verdreifacht, allein 2013 lag die Wachstumsrate bei knapp 50 Prozent. „Ich freue mich sehr, dass gerade auch jüngere Menschen offenbar wieder bereit dazu sind, sich Zeit für Musik zu nehmen und deshalb zum Original greifen“, sagt Richard Hagel. Denn die schwarzen Scheiben, davon ist der 69-jährige Frontmann der Peewee Bluesgang fest überzeugt, sind weit mehr als auf Kunststoff gepresste musikalische Unterhaltungsware. Schallplatten sind für ihn Ausdruck eines Lebensstils und Lebensgefühls.

Seit 1963 mit dem Sammel-Virus infiziert

„Aftermath“ von den Rolling Stones? Richard Hagel dreht sich um und fischt die 1966 bei Decca erschienene Scheibe binnen Sekunden aus einem gut drei Meter hohen Regal und legt die schwarze Scheibe fast schon andächtig auf den Teller seines Grundig-Plattenspielers. Ein weiterer geübter Griff - und die Nadel landet exakt am Beginn des vierten Stücks von Seite 2. Und wenige Augenblicke später singt Mick Jagger - verstärkt von 1970 hergestellten Technics-Boxen - darüber, dass es nicht leicht sei, alleine zu leben. Das war wohl etwas zu leicht! „Stroll on“ von den „Yardbirds“, erschienen ausschließlich auf dem Soundtrack aus dem Jahr 1966 zu dem Kultfilm „Blow up“? Hagel zögert wieder keine Sekunde, zieht die gewünschte LP aus einem anderen Regalfach und lässt die Gitarren von Jimmy Page und Jeff Beck sprechen. „Ich habe mir mal eingeredet, dass ich ein fotografisches Gedächtnis besitze“, sagt der gebürtige Donauschwabe, der 1960 nach Iserlohn kam und wenige Jahre später mit dem Sammel-Virus infiziert wurde, nachdem er 1963 die „High-waymen“ in der Parkhalle gehört und deren Single „Michael“ tags drauf im schon legendären Musikhaus Muck gekauft hatte. „Das war so eine Folknummer. Ganz ehrlich, das kann man heute nicht mehr hören“, erinnert sich Hagel an seine Platten-Premiere, die ihm aber dennoch einst das Tor zur Musik weit öffnete.

Weit mehr als 5000 Langspielplatten und dazu noch rund 300 Singles stehen in besagtem Holzregal im Musikzimmer der Hagelschen Altbauwohnung - eine umfangreiche und mit Raritäten nur so gespickte Dokumentation der Entwicklung der modernen Musik von den naiven Anfängen in den 60er Jahren über Blues, Rock, Heavy Metal, Reggae, Punk, Psychedelic-Rock und Pop bis in die Gegenwart, die gleichsam auch den Lebensweg ihres Eigentümers nachzeichnet.

Natürlich ging auch Richard Hagel im Rahmen des Siegeszuges digitaler Tonträger irgendwann dazu über, vermehrt CD’s zu kaufen, doch noch heute spricht der PeeWee-Sänger von „Dosenmusik“, wenn er den warmen und voluminösen Klang eines Vinyl-Tonträgers mit dem einer steril-perfekten Compact Disc vergleicht. „Eine Platte muss auch ein bisschen Geräusche machen“, findet der 69-Jährige dann auch, dass allzu perfekter und glatt gebügelter Klang der Musik zuweilen ihre Seele raubt.

Schätze, die nur Experten entdecken können

Und mag das ein oder andere Knacken und Rauschen auch der Authentizität dienen, sorgt Richard Hagel jedoch dafür, dass seine gesammelten Werke aus nunmehr sechs Jahrzehnten klingen und aussehen, als kämen sie gerade aus der Presse. „Nass abspielen? Niemals!“, bekennt er sich, ein Tuch-Traditionalist zu sein. Weniger traditionell war und ist hingegen die Art und Weise, wie er auf Platten gestoßen ist. „Oft war ich begeistert von einem Cover und habe mir deswegen die Platte gekauft. Und oft war das ganz fürchterliche Musik“, erzählt er, dass sich neben Klassikern wie der kompletten Pink-Floyd-Discographie, dem Gesamtwerk von den Beatles und wertvollen Aufnahmen der Kinks und von Led Zeppelin auch der ein oder andere Exot findet, der wohl zu Recht niemals größere Bekanntheit erlangte. Dafür aber in Sammlerkreisen umso größere Bedeutung hat, wie der Experte weiß und zum Beweis die LP einer Band namens „Ben“ präsentiert, deren musikalischer Wert gen Null tendiert, der materielle hingegen aktuell bei rund 2000 Euro liegt. „Klar gibt es hier einige Schätze dieser Art. Die zu erkennen, ist aber nicht ganz so leicht“, verrät er, dass ungeachtet des musikalischen Gehalts wohl nur Platten-Weise in der Lage sein dürften, die sammlerische Spreu vom Weizen tu trennen.

Seine eigene Stimme hat Richard Hagel nicht nur mit der Bluesgang auf zahlreichen Vinyl-Scheiben verewigt. Doch ausgerechnet sein Plattendebut ist zugleich der größte schwarze Fleck auf seiner sonst weißen Sammlerweste. Der 20. November 1968 war es, als der Sänger mit den „Outlaws“ gemeinsam mit weiteren Bands beim deutsch-englischen Amateur-Beat-Festival in einer Kaserne in Wambel auftrat, in dessen Folge im Ton-Studio Dortmund eine Live-LP produziert wurde. „Diese Platte suche ich seit Jahren, aber selbst in Zeiten des Internets habe ich bisher keinen Erfolg gehabt“, verrät Richard Hagel, dass die Suche nach seinem persönlichen Gral bis heute erfolglos blieb.