Unverblümt zu seinem Glauben stehen
29.12.2011 | 18:06 Uhr 2011-12-29T18:06:00+0100Iserlohn.„Eigentlich wollte ich es gar nicht machen“, sagt Kilian Hennes. Der 46-jährige Familienvater weiß, dass das Amt eines Presbyters sehr anspruchsvoll ist. Nicht unbedingt, weil es einen in der täglichen Arbeit so einspannt, sondern vielmehr, weil es einen gedanklich fesselt, weil man eine hohe Verantwortung als Presbyter übernimmt und man die Probleme der Kirche und der Gemeinde, die mit dem Amt zu den eigenen Problemen werden, auch mal mit ins Bett nimmt.
Kilian Hennes hat als Professor der Biotechnologie an der Fachhochschule Südwestfalen und als Vater von drei Kindern gewiss genug um die Ohren. Dennoch wird er Anfang Februar, wenn in der Evangelischen Kirche von Westfalen die Presbyterwahlen anstehen, dieses Amt in der Versöhnungs-Kirchengemeinde antreten. „Es ist an der Zeit, dass ich etwas von dem zurückgebe, was ich von der Kirche bekommen habe“, führt er als Begründung an.
Dazu muss man wissen, dass er mit seiner Familie erst vor eineinhalb Jahren nach Iserlohn gekommen ist. „Iserlohn ist eine Stadt mit Schatten, aber auch mit sehr viel Licht“, sagt er. Als Zugezogener hat er die Iserlohner Innenstadt als ein Großstadtquartier empfunden, in dem es viele soziale Probleme gibt. Das Licht, das er meint, strahlt vor allem von der sehr aktiven und sozial engagierten Kirche aus. Und von diesem Licht hat auch er mit seiner Familie eine Menge abbekommen. Sie haben in der Gemeinde mit ihren vielen jungen Familien eine neue Heimat und gute Freunde gefunden, was ihnen den Start in der neuen Stadt sehr erleichtert habe. Der Weg ins Presbyterium war für den engagierten Christen, der schon in Konstanz für kurze Zeit in diesem Gremium saß, daher irgendwann vorgezeichnet.
Genau dieser Weg ist aber für immer weniger Menschen eine Option, sich ehrenamtlich zu engagieren. In vielen Gemeinden der Evangelischen Kirche von Westfalen wird es inzwischen schwierig, die Mindestzahl an Presbytern zu erreichen. Auch im Kirchenkreis Iserlohn kann man am 5. Februar nicht wirklich von Wahlen sprechen. Nur in ezwei der 25 Gemeinden kommt es zu einer richtigen Wahl, bei der es mehr Kandidaten als zu vergebende Plätze gibt. In allen anderen Gemeinden wird nicht gewählt, da es genau so viele Anwärter wie Plätze gibt, in einigen Gemeinden sogar weniger. Einen Einbruch gebe es im Kirchenkreis aber nicht, wie Superintendentin Martina Espelöer erklärt. Denn die Gemeinden hätten in der Regel mehr Presbyterstellen eingerichtet, als sie müssen, so dass nun ein Wegfall einer Stelle im Grunde kein Problem darstelle.
Auch in der Iserlohner Innenstadtgemeinde gibt es derzeit nur 15 Kandidaten für 16 zu besetzende Stellen. Eine die hier aufhört ist Susanne Otto. Die 52-Jährige hat das Leben der Gemeinde 16 Jahre lang mitgestaltet und sich dazu über die Kantorei, den Stiftungsrat der Kantorei und im Sekretariat der Europäischen Konferenz der ev. Kirchenmusik noch zusätzlich für die Kirche engagiert. Da sie nun aber ihre berufliche Arbeit im Institut für Ausbildung und Weiterbildung des Kirchenkreises im Haus Villigst von 50 auf 100 Prozent aufstockt, bleibt zu wenig Zeit, um alles weiterzuführen. „Man könnte sich natürlich auch zurücknehmen und die monatlichen Presbyteriumssitzung und die Treffen der Ausschüsse einfach absitzen“, sagt sie, aber das sei nicht ihr Fall. „Wenn ich etwas mache, dann auch richtig.“ Und das ist gerade bei diesem Amt in diesen Zeiten des Umbruchs wohl auch angebracht. Schließlich haben die letzten 16 Jahre keine Geschichte des Aufblühens und des Wachstums in der Kirche geschrieben. Abnehmende Mitgliederzahlen und Kirchensteuereinnahmen haben dazu geführt, dass zahlreiche Gebäude abgegeben wurden, dass Stellen gestrichen und Aufgabenbereiche aufgegeben wurden – Entwicklungen, die Entscheidungen erfordert haben, die nicht immer leicht gefallen seien, wie Susanne Otto sagt. Es habe aber auch viele schöne Momente gegeben. So hat sie vor zehn Jahren im Bewerbungsausschuss für die neu zubesetzende Kirchenmusikerstelle gesessen und dazu beigetragen, dass das Ehepaar Springer eingestellt wurde – ein wegweisender Glücksfall für die Gemeinde. Und sie hat sich immer viel Freude eingebracht, wenn es um die Gestaltung neuer Gottesdienste ging. Die Einführung der Thomas-Messen mit Pfarrer Andres Michael Kuhn sei hier ein großer Erfolg gewesen.
Welche Aufgaben Kilian Hennes im Presbyterium der Versöhnungs-Kirchengemeinde in Zukunft konkret übernehmen wird, stellt sich erst in den ersten Sitzungen heraus. Viel wichtiger ist ihm aber ohnehin zunächst das Klima in dem Gremium, von dem er ebenso positiv überrascht ist, wie von der Gemeinde selbst. Von Grabenkämpfen keine Spur – „Ich bin mir sicher, dass hier sehr harmonisch und produktiv gearbeitet wird.“
Dass das nicht immer so war, weiß Susanne Otto aus ihrer langjährigen Erfahrung. Die Mutter von vier Söhnen kann sich noch an ihre Anfänge im Presbyterium erinnern, als die damaligen fünf Gemeindebezirke in Konkurrenz zueinander standen und sehr viel gegeneinander gearbeitet wurde. Seit dem habe sich sehr viel getan. Eine regelrechte Aufbruchstimmung habe eingesetzt. Mit ihren vielen verschiedenen Richtungen und Frömmigkeitsstilen sei die Versöhnungs-Kirchengemeinde im Grunde ein Pulverfass. Derzeit zögen aber alle mit größter Wertschätzung für den anderen an einem Strang. Und trotz des finanziellen Drucks, der eigentlich alles andere überschattet, sei es möglich gewesen, sehr stark inhaltlich und konzeptionell zu arbeiten und einen tiefgreifenden Findungsprozess auf den Weg zu bringen.
Daran mitzuwirken, sei eine tolle Aufgaben gewesen. Und auch wenn ihr die persönlichen Differenzen, die in der Anfangsphase ihrer Tätigkeit im Presbyterium mitunter sehr emotional ausgefochten wurden, schon mal Magenschmerzen bereitet haben, hat sie ihre Mitarbeit nie bereut. Es sei ihr immer bewusst gewesen, welch große Gestaltungsmöglichkeiten sie hat und welch hohe Bedeutung ihr Amt hat.
Im Gespräch mit unserer Zeitung unterstreicht Martina Espelör diese hohe Bedeutung ausdrücklich. Für die Evangelische Kirche sei das Ehrenamt konstitutiv. Ebenso wie die konsequente Leitungsstruktur von unten nach oben. Die ehrenamtlichen Mitglieder in den Presbyterien seien es also, die über die Geschicke einer Gemeinde bestimmen, was eine enorm verantwortungsvolle Aufgabe sei.
Hohe Verantwortung, harte Entscheidungen und viel Engagement in der Freizeit sind aber nicht die einzigen Schwellen, die den Weg in ein Presbyterium heute zu einer verhältnismäßig seltenen Ausnahme machen. Man muss auch zu seinem Glauben stehen. Wird man da nicht oft belächelt oder gar angegangen? Man müsse sich zunächst einmal selbst hinterfragen und herausfinden, wofür man eintreten will, sagt Susanne Otto. Allein das sei eine große Herausforderung. Den Glauben dann nach Außen zu tragen, sei in der Tat oft nicht leicht. Das Amt des Presbyters helfe einem aber dabei. Dass sich beim Thema Glauben aber selbst im engsten Umfeld schon mal die Augen des Gesprächspartners verdrehen, ist ihr aber durchaus bewusst. Und Kilian Hennes ist sich sicher, dass einem als Presbyter immer noch mehr Achtung und Wertschätzung entgegenschlägt als Verständnislosigkeit. Dennoch räumt auch er ein, dass dass es „immer noch“ ein ungewöhnlicher Weg sei, in der Gesellschaft und der Öffentlichkeit unverblümt zu seinem christlichen Glauben zu stehen. Das „immer noch“ begründet er dabei mit zahlreichen Beobachtungen, die seiner Ansicht nach dafür sprechen, dass das Christentum wieder auf dem Vormarsch ist: „Die Ära, in der wir belächelt wurden, geht zu Ende.“
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Humbug alles Humbug !!!!!
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