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Tausende Pfeifen gegen sechs zarte Saiten

26.07.2011 | 17:21 Uhr
Tausende Pfeifen gegen sechs zarte Saiten

Iserlohn.„Mr. Gitarren-Symposion“ hat wieder zugeschlagen. Was die Solo-Auftritte in den zurückliegenden 20 Jahren angeht, so ist David Russell mit inzwischen sieben Konzerten und sieben unterschiedlichen Programmen der Rekordhalter des Iserlohner Festivals. Der 58-jährige Schotte, der als Lehrer einst auch den Iserlohner Symposion-Initiator Thomas Kirchhoff unter seinen Fittichen hatte, zählt zu den komplettesten, vielseitigsten und technisch vollkommensten Gitarristen überhaupt. Mit seinem bahnbrechenden Stil hat er Heerscharen von Konzertgitarristen späterer Generationen den Weg gewiesen. Russell wird in der weltweiten Gitarren-Szene, die sich im Sommer stets in Iserlohn versammelt, verehrt wie kein anderer Musiker seines Fachs, was in der Vergangenheit zu einer ganzen Reihe legendärer Auftritte in der Obersten Stadtkirche geführt hat. In diese Reihe fügte sich nun auch sein Konzert vom Montag ein.

Dazu muss man wissen, dass das Iserlohner Symposion mittlerweile auch unter den Virtuosen derart beliebt und gefragt ist, dass Thomas Kirchhoff aufgrund der Fülle hochkarätiger Angebote nur noch Doppelkonzerte anbietet, bei denen jeder Künstler nur noch 45 Minuten zur Verfügung hat - mit einer Ausnahme. David Russell wurde auch in diesem Jubiläumsjahr, in der sich die Größen der klassischen Gitarre noch stärker als sonst die Klinke in die Hand geben, die Ehre zuteil, einen ganzen Abend alleine gestalten zu dürfen, was er erneut in atemberaubender Manier tat. Mit Großwerken des Barockmeisters Händel und des spanischen Gitarren-Romantikers Isaac Albèniz, himmlischen Miniaturen von Bach und kurzen Abstechern in die Moderne bot er eine eindrucksvolle Kostprobe seiner stilistischen Bandbreite und natürlich seiner überragenden Technik, seiner feinen Artikulation und seiner glasklaren Klangsprache. Schon bei der rasend schnellen Passacaile als Schlusssatz der Händel-Suite hagelte es vor der Pause Bravo-Rufe. Und am Ende des Konzertes musste Russell ganze vier Zugaben geben, bevor das Publikum, das sich mehrmals komplett aus den Kirchenbänken erhob, endlich Ruhe gab.

Ein ähnliches Bild bot sich auch schon am Sonntagabend, als das diesjährige Symposion mit der „Guitar Gala Night“ eröffnet wurde, in deren zweiten Teil das Duo Bandini & Chiacchiaretta ein Tango-Feuerwerk zündete, das die Wände wackeln ließ und an deren Ende die Künstler ebenfalls mit stehenden Ovationen gefeiert wurden.

Eine aus Iserlohner Sicht ganz besondere Begegnung bot sich aber im ersten Teil des Eröffnungskonzertes, als mit der Gitarristin Dale Kavanagh und dem Kantor der St.-Aloysius-Kirche, Tobias Aehlig, zwei herausragende Musiker der Waldstadt aufeinandertrafen. Die mehrere Tausend Pfeifen starke Orgel hier und die sechs zarten Saiten der Gitarre dort sind natürlich ein sehr ungleiches Paar, was aber gerade den besonderen Reiz dieser Kombination ausmacht. Zusammen haben Kavanagh und Aehlig aber den berühmten ersten Satz aus Joaquin Rodrigos „Concierto de Aranjuez“ zu einem wirklich erhebenden Hörgenuss gemacht. Wobei Dale Kavanagh, die dieses Konzert fest im Repertoire hat und auch in Iserlohn schon mit Orchesterbegleitung gespielt hat, gewohnt ausdrucksstark und brillant über der Orgel schwebte, während Tobias Aehlig fabelhaft den Charakter des Orchesters einfing, die tiefen Pedaltöne wirklich wie Pizzicato-Bässe klingen ließ, die Gitarre mit sanften Streicher- und Flötenklängen trug und mit markanten Soloregistern in den Orgelpassagen die Klangvielfalt des Orchesters wiedergab. Von beiden Solisten war das - gerade auch wegen der großen räumlichen Entfernung zwischen den beiden Instrumenten - eine musikalische Meisterleistung.

Gleiches gilt für das „Concierto Andaluz“, ebenfalls von Rodrigo, bei dem Tobias Aehlig ein Gitarren-Quartett begleitete, das sich aus dem Amadeus Guitar Duo mit Dale Kavanagh und Thomas Kirchhoff und dem Duo Gruber & Makler zusammensetzte. Auch hier entwickelte das Zusammenspiel aus zarten Gitarrenklängen und zum Teil wuchtigem Orgelspiel einen ganz besonderen Reiz, der von den 560 Zuhörern in der restlos ausverkauften Kirche begeistert aufgenommen wurde, und der auch an anderen Orten stark nachgefragt wird. „Wir können das jetzt in ganz Europa auch bei Orgelfestivals spielen“, freut sich Thomas Kirchhoff darüber, dass sich mit dieser Kombination ein ganz neuer Markt auftut.

Ralf Tiemann

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