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SPD-Diskussion

Sylvia Löhrmann: Kinder wie ein Feuer entfachen

30.03.2011 | 17:30 Uhr
Sylvia Löhrmann: Kinder wie ein Feuer entfachen
Sylvia Löhrmann, Ministerin für Schule und Weiterbildung und stellvertretende Ministerpräsidentin zu Gast bei SPD Südwestfalen.

Iserlohn.Ob Sylvia Löhrmann angesichts der überwältigenden Wahlerfolge der Grünen am Wochenende besonders gut aufgelegt war, lässt sich schwer sagen. Schließlich machte sie schon im April 2010 einen sehr lockeren Eindruck, als sie unter der Anspannung des NRW-Wahlkampfes zum Interview im Wichelhovenhaus war.

Am Montag kehrte sie nun auf Einladung der SPD MK als Landesbildungsministerin und stellvertretende Ministerpräsidentin nach Iserlohn zurück und brachte den gut gefüllten Silbersaal mit ihrem spontanen Humor einige Male komplett zum Lachen.

Vor allem punktete die Grünen-Politikerin aber durch ihre offene, bürgernahe und kompetente Art, das Gespräch zu suchen. Mehrmals wurde sie aus den Reihen der vielen Lehrer sowie Kommunalpolitikern dafür gelobt, dass so eine Veranstaltung, bei der man die aktuellen Überlegungen in der Bildungspolitik aus erster Hand erfahren könne, überhaupt möglich sei. Unter ihrer Vorgängerin Barbara Sommer (CDU) sei so etwas wohl nicht möglich gewesen. Etwa eine halbe Stunde lang legte sie nach der Begrüßung durch den Iserlohner SPD-Landtagsabgeordneten Michael Scheffler die Grundzüge der Bildungspolitik als Schwerpunkt der neuen Landesregierung dar. Danach beantwortete sie noch rund zwei Stunden lang die Fragen der interessierten Zuhörer.

„Kinder sind keine Fässer, die man füllt, sondern Feuer, die man entfachen muss“, erklärte Sylvia Löhrmnann zu ihrer grundsätzlichen Idee von Bildung. Bildung müsse ganzheitlich sein, vom Kind aus gedacht und den kompletten Menschen fördern - und sich eben nicht nach den Interessen der Wirtschaft richten. Es gehe um den Erwerb von grundlegenden Schlüsselqualifikationen wie Kreativität, Selbstständigkeit und die Fähigkeit, ein Leben lang zu lernen. Das sei gerade vor dem Hintergrund einer immer schnelllebiger werdenden Welt, in der die Technik von heute morgen schon Schrott ist, ungemein wichtig.

Eine wichtige Leitlinie sei dabei, dass die soziale Herkunft zukünftig in der Bildung keine Rolle mehr spielen dürfe. Deutschland sei in diesem Punkt nach wie vor Schlusslicht im internationalen Vergleich, doch auch für Deutschland gelte, dass man es sich nicht mehr erlauben könne, auch nur ein Kind zu verlieren.

Eine andere Leitlinie sei die Steigerung der Leistungsfähigkeit sowohl in der Breite als auch in der Spitze. Jedes fünfte Kind sei in Deutschland am Ende seiner Schullaufbahn nicht ausbildungsfähig. „Das ist eine ungeheure Verschwendung von Potenzial, die sich keine Gesellschaft erlauben kann.“ Ebenso brauche es in der Spitze deutlich mehr Abiturienten, die in der Lage sind, ein Studium aufzunehmen.

Grundsätzlich sei es in der Bildungspolitik wichtig, nicht nur punktuell zu handeln, sondern den Menschen in seiner gesamten Bildungsbiografie zu begleiten vom Kindergarten bis zum Studium und zur Weiterbildung. Daher habe die Landesregierung auch die Studiengebühren als eine der ersten Sofort-Maßnahmen zurückgezogen und nehme gegenwärtig auch das Kinderbildungsgesetz der schwarz-gelben Vorgängerregierung unter die Lupe - wobei sich der Eindruck verfestige, dass es sich hierbei um einen echten Totalschaden handele, so Ministerin Löhrmann.

Im Mittelpunkt ihrer weiteren Ausführungen und auch der anschließenden Diskussion stand die von der neuen Landesregierung geplante Gemeinschaftsschule. Löhrmann machte deutlich, dass es sich dabei um eine Schulform handelt, die zusätzlich zum bestehenden System angeboten wird, und die den Kommunen und Gemeinden möglichst große Freiheiten bei der konkreten Umsetzung lässt. Grundsätzlich soll die Gemeinschaftsschule trotz der drastisch sinkenden Schülerzahlen den Bestand wenigstens einer weiterführenden Schule in ländlichen Gebieten sichern.

Ein weiterer großer Themenkomplex, der in der Diskussion auch stark nachgefragt wurde, war die Inklusion, die Löhrmann sehr begrüßte, die sie aber als große Generationen-Aufgabe bezeichnete. Daneben ging es in der Fragerunde auch immer wieder um konkrete Probleme der Iserlohner Schullandschaft, etwa die Verbundschule Gerlingsen/Nußberg – ein Thema, zu dem Sylvia Löhrmann nur wenig Konkretes sagen konnte. Grundsätzlich erklärte sie aber dazu das gleiche, was auch die Verwaltung und Politik in Iserlohn sagt: Wenn eine Schule zu klein wird, ist sie organisatorisch nicht mehr steuerbar und eine fachliche Differenzierung wird unmöglich. Daher seien Schulverbünde eine sinnvolle Lösung.

Ralf Tiemann

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Kommentare
31.03.2011
22:01
Sylvia Löhrmann: Kinder wie ein Feuer entfachen
von Eltern.in.nrw | #1

Wer hat, dem soll gegeben werden
Thomas Wasilewski Mönchengladbach Wickrath
Ist die Inklusion zum Nulltarif zu haben?
Das Paradies gibt es sicher nicht für Kleingeld, aber trotz leerer Kassen finden es die Politiker chic sich zur Inklusion und zur UN-Behindertenkonvention zu bekennen. Scheinheilig wird die Fahne der Inklusion gehisst, um gute Schlagzeilen zu haben und in der Realität wird alles getan, um möglichst nichts ändern zu müssen. Spätestens wenn es um die Kosten geht, werden die Kinder zum Störfall. Alles bleibt beim Alten, die besser ausgebildeten Lehrkräfte unterrichten unter optimalen Bedingungen an den Gymnasien, die schwächeren und schwächsten Kinder werden von weniger anspruchsvoll ausgebildeten Lehrkräften unterrichtet, aber schon in der Grundschule genügt heutzutage kein Schmalspurstudium. Bei der Diagnosefähigkeit der Grundschullehrer gibt es ein unverantwortbares Defizit und es fehlt jegliche Transparenz zur Lehrerfortbildung.
Die OECD-Lehrerstudie attestiert, dass Deutschland zu den Ländern mit den geringsten Fortbildungsaktivitäten der Lehrkräfte zählt. Doch ein Bildungssystem kann nicht besser sein, als die Lehrkräfte, die in ihm arbeiten. Von der im Rahmen der IGLU Studie befragten Lehrkräfte gaben 19 % an, Leseförderung und Lesetheorien studiert zu haben, dass internationale Mittel liegt bei 71 %. Auch für das Unterrichten mehrsprachig aufwachsender Schülerinnen und Schüler ist ein Großteil der Lehrkräfte an Grundschulen weder aus- noch fortgebildet. Ebenso wenig gehört die Prävention von und der Umgang mit Lernschwierigkeiten und Lernstörungen zur Lehrerausbildung in der Grundschule. Eine verpflichtende Fortbildung für Lehrer, wobei durch das Ministerium festzulegen ist, in welchen Bereich sie stattfinden muss, wäre eine logischen Konsequenz. Die Aus- und Fortbildung aller Lehrkräfte muss qualitativ verbessert werden, speziell, um Kompetenzen zur individuellen Förderung und im Umgang mit heterogenen Lerngruppen zu stärken. Entsprechende Finanzierungsprogramme für lebenslanges Lernen der Lehrkräfte sind dringend notwendig. Doch nicht einmal die Pisa Studie brachte den Staat dazu, mehr Geld in die Fortbildung der Lehrkräfte zu stecken. Wissen spielt in dieser sogenannten „Wissensgesellschaft“ eine schäbige Rolle, die leeren Kassen entscheiden, was als wissenswertes Wissen gilt.
Das geht zu Lasten der Kleinsten und so wird der Schulstart zum Fehlstart! Das Resultat 25 % der Regelschüler können mit 15 Jahren einfachste Texte nicht lesen und verstehen und nur auf Grundschulniveau rechnen. Eine negativen Bildungskarriere, die Selektion zur Förderschule und ein exzessiver Sozialstaat sind die Folge. Bis zum Supergau in der Wissensgesellschaft wird alles gebetsmühlenartig schöngeredet. Im internationalen Vergleich der OECD geben nur 4 Länder weniger Geld für Bildung aus als Deutschland.
In Anbetracht der Zustände im Bildungssysteme sind die politischen Bekenntnisse zur Inklusion rhetorische Blähungen und im Schulalltag stinkt es deshalb zum Himmel.

Der gemeinsame Unterricht behinderter und nichtbehinderter Kinder kann nicht ohne zusätzliche personelle und finanzielle Ressourcen umgesetzt werden. Die meisten Lehrer sind gar nicht dafür geschult und vorbereitet, dass in ihren Klassen plötzlich Kinder sitzen, die ganz andere Lernvoraussetzungen mitbringen als die übrigen Schüler. Wenn behinderte Kinder besser gefördert werden und gemeinsam mit Nicht-Behinderten lernen sollen, darf in der Praxis nicht das Know How und das Geld fehlen. Kostenneutral und ohne Weiterbildung der Lehrer geht es bestimmt nicht. Eine Kosten Nutzenanalyse von Investitionen in Bildung hat immer Folgen für die Schwächsten. Die Regelschulen sind auf Leistung getrimmt; sie haben kaum Ressourcen für die Betreuung von Kindern, deren Bedürfnisse über das hinausgehen, was als normal definiert wird. Wer mehr Betreuung braucht, wird so schnell zum Problemfall und damit zum Klienten der Förderschulen.
Doch selbst einfachste Voraussetzungen, für Verbesserungen, die nichts kosten, werden bisher verweigert. Denn das Problem entsteht schon, weil man auf standardisierte Normen für Lerngruppen setzt und Kinder daran misst, anstatt von der Unterschiedlichkeit der Schüler auszugehen - aller Schüler.
Integration und Inklusion lassen sich nicht von oben verordnen, wir brauchen zwar Sonderpädagogen, aber keine Sonderschulen.
Bevor wir von Inklusion reden, müssen wir dafür erst die notwendigen Bedingungen schaffen. Eine inklusive Gesellschaft der „Superstars“ die zur Belustigung angebliche „Vollidioten“ medial vorführt benötigt einen Wandel.
Das aber kostet Zeit, Verständnis und Geld. Billiger als das heutige System wird ein inklusives Schulsystem sicherlich nicht.
Die Argumentation, auf dem Wahlrecht der Eltern zu bestehen, dient auch nur dazu, das System der Förderschulen zu erhalten. Und das ist mit der UN-Konvention überhaupt nicht kompatibel. Inklusion bedeutet Einbeziehen, dabei sein, drin sein. Der Umgang mit behinderten Kindern in Deutschland ist gerade das Gegenteil. Das Motto heißt: Wir müssen draußen bleiben - aus dem allgemeinen Schulsystem. Wenn behinderte Kinder mit allen anderen zusammen die Schule besuchen sollen und das die Regel statt wie heute die Ausnahme sein soll, dann, ja dann, sollten die Politiker ihre Hausaufgaben machen. Sonst bleibt es dabei: „Und raus bis Du“.
Bei der demographischen Entwicklung werden schlecht ausgebildete Kinder in Zukunft große Probleme haben die gesellschaftlichen Aufgaben zu bewältigen. Das liegt dann aber nicht an der Demografie, sondern ist Konsequenz verfehlter aktueller Politik!
Das Schulsysteme hat ungewollte Nebenwirkung für SIE!

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