So viel Raum für Freiheit und Fantasie ...

Für die AWo-Werkstatt im Hinterhof werden gegenwärtig von der Stadt neue Räume im Untergeschoss der alten Fabrik hergerichtet.
Für die AWo-Werkstatt im Hinterhof werden gegenwärtig von der Stadt neue Räume im Untergeschoss der alten Fabrik hergerichtet.
Foto: Michael May IKZ
Was wir bereits wissen
Wenn die „Werkstatt im Hinterhof“ in Kürze innerhalb von Kising & Möllmann umgezogen ist, möchte der Hauseigentümer Jörg Rodegra einiges in dem alten Fabrikgebäude verändern.

Iserlohn..  So viele Türen und Tore und dahinter jede Menge Räume für Ideen. Und an denen mangelt es Jörg Rodegra nun wirklich nicht. Seit vier Jahren ist der Mendener Eigentümer der alten Fabrik Kissing & Möllmann an der Oberen Mühle, die zugleich eine der Hauptsäulen ist, auf denen das Projekt „Soziale Stadt“ fußt. Nach dem Erwerb der Industriebrache wird es das Jahr 2015 sein, in dem Rodegra durch den in Kürze bevorstehenden Umzug der „Werkstatt im Hinterhof“ in ihr neues Domizil im zur Straße gelegenen Untergeschoss nun die Möglichkeit hat, einige seiner kreativen Ansätze zur Revitalisierung der denkmalgeschützten Anlage umzusetzen.

Verliebt nach einem ersten Rundgang durchs Gebäude

Jörg Rodegra sitzt auf einer abgewetzten Ledercouch im Aufenthaltsraum der Werkstatt und nippt an seinem Kaffee. „Eigentlich ist mir das Gebäude mehr oder weniger in den Schoß gefallen“, erzählt der 49-Jährige, dass er selbst nicht ahnte, auf welches Abenteuer er sich seinerzeit einließ, als er bei der Zwangsversteigerung vor dem Iserlohner Amtsgericht ein Gebot für K&M abgab und dann tatsächlich auch den Zuschlag erhielt. „Als ich dann aber zum ersten Mal einen Rundgang durch die Fabrik gemacht habe, habe ich mich sofort verliebt“, erzählt der Familienvater, dass der Funke der Begeisterung für die alte Bausubstanz sofort übergesprungen war und ein Feuer in dem neuen Eigentümer entzündet hatte, das bis heute brennt.

Und so ist es wenig verwunderlich, dass Jörg Rodegra ein Gebot über alle wirtschaftlichen Aspekte der künftigen Fabrik-Nutzung stellt: „Ich will auf jeden Fall die natürliche Ausstrahlung der Immobilie erhalten.“ Ansätze, nicht unter Denkmalschutz stehende Gebäudeteile abzureißen, um Einfamilienhäuser auf einem Baufeld auf dem 10 000 Quadratmeter großen Grundstück zu errichten, stoßen bei ihm daher auch nicht auf fruchtbaren Boden. „Damit würde ich vielleicht gutes Geld verdienen. Gleichzeitig aber würde ich die Nutzungsmöglichkeiten für den Gesamtkomplex einschränken. Und das möchte ich nicht.“ Denn Dreh- und Angelpunkt von Rodegras Philosophie ist es, dass die Mieter, Nutzer und Besucher seines Hauses an der Oberen Mühle ein Höchstmaß an Individualität ausleben können sollen, allein schon, um ihre eigenen Ideen bei der Sanierung und Wiederbelebung des Gebäudes verwirklichen zu können. So wie etwa Michael, der eine der Hallen auf dem Gelände angemietet hat und nun zu Wohnzwecken umbaut. „Das ist Freiheit pur“, sagt der stämmige Mann, der weiß, dass er wohl an keinem anderen Ort im Stadtgebiet vergleichbare Möglichkeiten zur Verwirklichung seines Traums vorgefunden hätte.

Etwa ein Drittel der 8000 Quadratmeter zählenden Nutzfläche von Kissing & Möllmann sind aktuell vermietet, berichtet derweil Jörg Rodegra. Nicht annähernd genug, um nach Abzug der Steuern auf Mieterträge noch Geld zu verdienen. „Allein die laufende Instandhaltung verschlingt locker zwischen 10000 und 15000 Euro jährlich, ohne dass davon nur ein Cent in Sanierung investiert worden wäre.“ Und weil die 1865 erbaute Fabrik ein Geldgrab ist, in dem problemlos mehrere Millionen Euro versenkt werden können, beschreitet der Eigentümer unkonventionelle Weg, um neben seinen eigenen Mitteln auch fremdes Kapital in die Renovierung fließen zu lassen. „Ich vermiete Flächen ab 50 Quadratmeter bis zu 300 Quadratmetern für ganz kleines Geld zum Selbstausbau. Wer sich hier für 20, 30 Jahre einmietet, kann sich seine Investitionen im Grundbuch absichern lassen für den Fall eines vorzeitigen Auszugs. Dieses Modell hat auch die Stadt gewählt beim Ausbau der neuen Werkstatt-Räume.“

Ein kleines Zentrum der Subkultur soll entstehen

Stichwort Werkstatt: Wenn sich die Einrichtung der AWo demnächst an ihrem neuen Standort eingerichtet hat, hat Jörg Rodegra bereits konkrete Pläne, wie der einst namensgebende „Hinterhof“ genutzt werden soll. Auf der heutigen Werkstatt-Ebene möchte der Eigentümer eine Veranstaltungsfläche schaffen mit einem Café im Mittelpunkt. „Dort sollen Märkte aller Art und Kleinkunstveranstaltungen stattfinden“, beschreibt der Eigentümer seine Zielsetzung, die alte Fabrik neben Wohn- und Werkstattzwecken zugleich zu einem kleinen Zentrum der Subkultur auszubauen. „Gerade eben erst waren Vertreter des nordischen Marktvolks hier. Die sind begeistert von dem Standort und wollen hier unbedingt zwei Mal jährlich einen mittelalterlichen Markt veranstalten. Wenn alles klappt, gibt es die Premiere im Herbst dieses Jahres.“ Unkonventionell ist auch Rodegras Finanzierungskonzept in diesem Bereich: Markthändler und auftretende Künstler, so seine Idee, sollen die Flächen kostenfrei nutzen können, Besucher der Angebote indes einen Euro Eintritt zahlen. „Für die Veranstalter liegt das Risiko so bei Null – und einen Euro Eintritt kann sich immer noch jeder leisten.“

Zum Publikumsmagneten könnte auch ein Industriemuseum werden, das von einem aus Hamburg stammenden Handwerker in den Räumen der alten Gießerei auf dem Fabrikgelände aufgebaut werden soll. Bereits jetzt hat der Lederschneider mit einer Leidenschaft für alles Mechanische zahlreiche Schätze aus der industriellen Frühzeit in dem Gebäudekomplex eingelagert, der Aufbau des Museums erfolgt gegenwärtig – wie nahezu jedes Projekt innerhalb der alten Fabrik – in kleinen Schritten. Denn alle Ausstellingsstücke, so Jörg Rodegra, sollen wieder in einen funktionstüchtigen und somit auch nutzbaren Zustand versetzt werden. „Das soll kein Museum nur zum Anschauen werden. Die Idee ist es, dass jeder Interessierte mit entsprechender Fachkenntnis auch an diesen Maschinen selbst arbeiten kann.“

„Geduld zu haben, das habe ich hier gelernt“

Der Weg, seine Vision eines subkulturellen Wohn-, Werkstatts- und Kulturzentrums Realität werden zu lassen, ist noch weit, weiß der Fabrik-Besitzer, der sich auf der bisher zurückgelegten Etappe auch der Unterstützung der Kommune und der Denkmalbehörde sicher sein durfte. „Sicherlich würde ich gerne alles sofort machen. Aber das ist unmöglich. Hier benötigt man vor allem Zeit. Geduld zu haben, das habe ich hier gelernt.“ Auf Sicht könnte Jörg Rodegra es sich sogar vorstellen, sein Eigentum an der Immobilie an eine Stiftung oder einen Verein zu übergeben. „Dieses Gebäude braucht einen Manager, einen kreativen Menschen, der sich die Nutzung und den Erhalt dieser historischen Anlage zur Aufgabe macht.“