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Kindesmisshandlung

„Sie wird ihr Leben lang unter der Tat leiden“

13.06.2012 | 17:30 Uhr

Iserlohn. Zunächst läuft die Entwicklung der jungen Familie unauffällig. Obwohl die Eltern ohne Trauschein zusammenleben und die junge Mutter wegen der frühen Schwangerschaft ihre Ausbildung unterbrechen muss. Die Familienhebamme und die Mitarbeiterin des Jugendamtes bescheinigen dem kleinen Säugling im Frühjahr 2011 eine normale Entwicklung und der Mutter einen liebevollen Umgang mit dem Kleinen.

Um so unverständlicher, dass eben diese „liebevolle Mutter“ ihren vier Monate alten Säugling im Mai 2011 schwerst misshandelte und so schwer schüttelte, dass er lebensgefährliche Verletzungen davontrug.

Rückblende: Als der junge Vater im März 2010 seinen Job verliert und nur noch Drogen, Party und Freunde im Kopf hat, wird es der jungen Mutter immer öfter zu viel. Nicht nur, wenn er das Haushaltsgeld für Drogen verbraucht und sie nicht weiß, wie sie den Kleinen versorgen soll. Obendrein fühlt sie sich mit allem alleine gelassen und gegenüber ihrem verantwortungslosen Freund absolut hilflos.

Sie ist sogar erleichtert, als die Nachbarn die Polizei rufen, die dem Freund und seinen lärmenden Kollegen wiederholt Einhalt gebietet. Im Mai 2011 rastet die überforderte junge Frau nach einem Streit mit dem Kindsvater aus. Im Affekt, davon sind Gutachter und Jugendschöffengericht überzeugt, lässt sie den Frust mit ihrem Lebensgefährten, der lieber mit seinen Freunden auf Tour geht, an ihrem kleinen wehrlosen Kind aus. „Mit roher Gewalt“, so Staatsanwalt Bernd Maas. Nach dem Ergebnis der Beweisaufnahme vor dem Jugendschöffengericht spielt sich das Familiendrama so ab: Sie verliert die Nerven, packt den Kleinen und schüttelt ihn. Dabei fällt der brüllende Säugling zu Boden. Das Kind schreit und weint noch mehr. Die dadurch genervte Mutter zieht ihm die Windeln aus und haut ihm mehrere Schläge auf den Popo. Dann fällt der Kleine erneut zu Boden.

Misshandlung durch massive Schläge

Was genau passiert ist, daran könne sie sich angeblich nicht erinnern. Immerhin ruft sie den Notarzt. Nur die Notoperation in einer Dortmunder Klinik rettet das Leben des kleinen Jungen. Rechtsmediziner Dr. Ralf Zweihoff dokumentiert ein schweres Schütteltrauma sowie großflächige Blutergüsse durch massive Schläge. Heute ist das Kind nach den Misshandlungen durch die gestresste Mutter behindert und lebt nach langem Krankenhausaufenthalt und einer Rehabilitation in einer Pflegefamilie. „Er hat einen Entwicklungsrückstand von sechs Monaten und benötigt einen extrem hohen Betreuungsaufwand“ , weiß Sozialarbeiterin Marianne Lang. Die Mutter darf das Kind nur in Absprache mit dem Pflegekinderdienst des Jugendamtes sehen.

Wegen Misshandlung von Schutzbefohlenen und schwerer Körperverletzung musste sich die junge Mutter vor dem Jugendschöffengericht verantworten. Introvertiert und mit leiser Stimme gab die 21-jährige Frau die Misshandlung kleinlaut grundsätzlich zu. „Ich habe den Kurzen gefüttert. Dann ist er runtergefallen. Dann wurde er blass. Und ich wusste nicht mehr, was ich machen sollte“, erklärt sie.

Das Gericht verurteilt die in ihrer Entwicklung zurückgebliebene, mit der Erziehung überforderte Frau zu einer eineinhalbjährigen Jugendstrafe. In der zweijährigen Bewährungszeit muss sie mit der Jugendstraffälligenhilfe „Knackpunkt“ zusammenarbeiten und sich in eine therapeutische Behandlung begeben. „Es ist keine Schande Hilfe anzunehmen. Sie müssen das Tatgeschehen aufarbeiten“, mahnt Kerstin Fiedler-Brenken von der Jugendgerichtshilfe.

Affekt-Tat hat viel Leid gebracht

„Sie wird ihr Leben lang durch die Tat leiden. Sie hat viel Leid gebracht und erfordert viel Kraft von allen Beteiligten“, sagt Staatsanwalt Bernd Maas. Und Verteidiger Ralf Lengelsen: „Für sie ist es die größte Strafe, dass dieses Kind nicht mehr ihrer Obhut unterliegt.“

Von Cornelia Merkel


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