Setzen, sechs in Sachen Talentsuche

Vertane Chancen allenthalben: Die Wirtschaftsjuristen Friedrich Schade und Eva Feldmann kritisieren, dass Praktika von Unternehmen
Vertane Chancen allenthalben: Die Wirtschaftsjuristen Friedrich Schade und Eva Feldmann kritisieren, dass Praktika von Unternehmen
Foto: IKZ
Was wir bereits wissen
Praktika nutzen, um Fachkräfte früh zu binden? Zwei BiTS-Professoren stellen Unternehmen kein gutes Zeugnis aus. Auch der Mindestlohn ist ein Problemfeld

Iserlohn..  Am schwarzen Brett der BiTS lässt sich ablesen, dass die Unternehmen der Region den Ernst der Lage noch nicht begriffen haben, glaubt Friedrich Schade. Der Professor im Bereich Arbeits- und Wirtschaftsrecht steht im Foyer „seiner“ Iserlohner Hochschule, neben ihm Prof. Dr. Eva Feldmann, wie berichtet seit rund einem Jahr die Leiterin des Studiengangs „business law“. Der Blick fällt auf die ausgehangenen Angebote für Praktika.

Auffällig bei den Ausdrucken: Fast ausschließlich wird hier gefordert. Das sind die Aufgaben, dies ist das Stellenprofil, das müssen sie mitbringen – die bei Jobangeboten übliche Rubrik, die beschreibt, was der Arbeitgeber bietet, warum das Unternehmen attraktiv ist, fehlt bei etwa acht von zehn Aushängen. „Absurd“, sagt Schade. „Kaum jemand begreift Praktika als das was sie sind, nämlich eine Chance, spätere Fachkräfte früh mit Unternehmen und Region vertraut zu machen“, ergänzt Feldmann.

Doch es ist nicht der einzige Aspekt in Sachen Talentsuche, bei dem Unternehmen offenbar falsche Prioritäten setzen. Auch der Mindestlohn hat die Begebenheiten der „Generation Praktikum“ durcheinander gewirbelt. Wenn etwa Praktika im Studium keine Pflicht sind, müssen Unternehmen den Mindestlohn zahlen. So sieht es das entsprechende Gesetz vor. Seither häufen sich die Anfragen von Unternehmen und auch Studenten bei den BiTS-Wirtschaftsjuristen. Hauptsächlich, weil Firmen die 8,50 Euro pro Stunde nicht zahlen wollen“, so Schade.

„Ein Bachelorstudent verbringt bei uns bis zum Abschluss 20 Wochen im Praktikum – in den meisten Fällen unbezahlt“, sagt Feldmann. Nur einige wenige Unternehmen zahlten freiwillig.

Eine gute halbe Stunde zuvor in einem Besprechungsraum im ersten Stock, Schade schiebt ein paar Ausdrucke und ein rotes Büchlein, 127 Seiten stark, dessen Autor er ist, über den Tisch. „Praktikumsrecht“ – so lautet der Titel, das Thema ein offenbar weites Feld voll grauer Schattierungen. Ganze elf wissenschaftliche Aufsätze habe er bei der Recherche zwischen 1959 und 2009 zu dem Thema gefunden.

Ungleichbehandlung in Firmen ist offensichtlich

Die aktuelle Gesetzeslage finden beide Experten wegen der offenkundigen Ungleichbehandlung ärgerlich. „Es gibt Fälle, wo zwei Praktikanten die gleiche Aufgabe haben, der eine wird bezahlt, der andere nicht“, klagt Schade. „Wir wollen das Gesetz gar nicht bewerten, aber wenn gezahlt wird, sollte Gleichheit für alle herrschen“, findet Feldmann.

Laut einer Studie des Deutschen Gewerkschaftsbundes von 2009 absolvieren 40 Prozent der Studenten auch nach erfolgreichem Abschluss weitere Praktika – in 50 Prozent der Fälle unbezahlt. Schade und Feldmann finden auch daher die von Seiten der Wirtschaft oft kritisierte Dokumentationspflicht der Arbeitsstunden wichtig, die die Ausbeutung von Praktikanten zwar nicht beseitigen, aber ein Stückweit eindämmen könne.

Positiv immerhin aus Sicht der beiden Professoren: Trotz gestiegener Kosten durch den Mindestlohn werden von den Unternehmen weiter Praktika angeboten. Folgerichtig, findet Feldmann: „Die Unternehmen bekommen ja keine ungelernten Arbeitskräfte, die Studenten haben schließlich auch einiges zu bieten.“