Schikanöse Polizei oder renitente Seniorin?

Landrat Thomas Gemke (rechts),Peter Beine, Polizei-Direktionsleiter Gefahrenabwehr/Einsatz(Mitte), und Polizei-Pressesprecher Dietmar Boronowski  stellten erste Ergebnisse der Ermittlungen gegen Polizistinnen vor.
Landrat Thomas Gemke (rechts),Peter Beine, Polizei-Direktionsleiter Gefahrenabwehr/Einsatz(Mitte), und Polizei-Pressesprecher Dietmar Boronowski stellten erste Ergebnisse der Ermittlungen gegen Polizistinnen vor.
Foto: IKZ
Was wir bereits wissen
Erste hausinterne Ermittlungen der Kreispolizeibehörde zu Vorwürfen der unterlassenen Hilfeleistung und der Freiheitsberaubung einer 77-jährigen Sümmeranerin kommen zu anderen Ergebnissen.

Iserlohn..  Übergriffige, unsensible Polizei oder eine renitent-aggressive alte Dame, die einen Polizei- und Feuerwehreinsatz massiv behinderte? Die Heimatzeitung hatte in der letzten Woche über einen Vorfall in Sümmern berichtet, der nach Willen der Tochter der Beteiligten für die beteiligten Polizeibeamten ein juristisches und disziplinarisches Nachspiel haben soll.

Die Beamtinnen sollen eine 77-jährige Altenheim-Anwohnerin im Rahmen eines Feuerwehreinsatzes zur Durchsetzung polizeilicher Ordnungs- und Ermittlungsarbeiten rücksichtslos und gesundheitsgefährend behandelt haben. In einer ersten Stellungnahme nach Eingang der Anzeigen hatte ein Behördensprecher noch auf gerade erst angelaufene interne Untersuchungen verwiesen.

Feuerwehr- und Polizeieinsatz gestört und behindert

Am Dienstag nun nahmen Landrat Thomas Gemke und Peter Beine, Polizei-Direktionsleiter Gefahrenabwehr/Einsatz, zu ersten hausinternen Recherche-Ergebnissen Stellung. Nach Ihren Erkenntnissen erscheinen, so die Kernaussage, die Umstände des Polizeieinsatzes am 1. Juni, die der Seniorin erst einen „Besuch“ auf der Polizeiwache und anschließend im Krankenhaus eingebracht hatten, in anderem Licht.

„Die Geschehnisse waren ganz anders“, erläuterte Peter Beine die Auseinandersetzungen. Grundsätzlich unbestritten: Die ältere Dame war am 1. Juni nach Streit mit zwei jungen Polizistinnen zur Feststellung der Personalien mit auf die Polizeiwache genommen worden. Noch am Abend hatte der Notarzt sie ins Krankenhaus eingeliefert. Dort war die frühere Schlaganfallpatientin zwei Tage lang aufgrund des erhöhten Blutdrucks und erhöhter Zuckerwerte behandelt worden.

Doch statt der von der Frau und ihrer Tochter, einer Rechtsanwältin aus Essen, beschriebener polizeilicher Übergriffe gegen die Frau hätten es die beiden Beamtinnen mit einer aggressionsgeladenen Seniorin zu tun gehabt, die den gemeinsamen Feuerwehr- und Polizeieinsatz gestört und behindert habe, schilderte der Chef der beschuldigten Polizistinnen deren konträre Darstellung. Dieses werde auch durch Einsatzkräfte der Feuerwehr, die an dem Tag vor Ort waren, belegt: „Unabhängige Zeugen sind nach der Berichterstattung an uns herangetreten und haben gefordert, das müsse richtig gestellt werden.“

Am besagten Tag seien die beschuldigten Polizistinnen mit der Frau aneinandergeraten, weil sie sich am Einsatzort, wo es ein kleines Feuer gegeben hat, eingemischt und die Absprachen zwischen Polizei und Feuerwehr gestört habe. „Treten Sie bitte zurück, gehen Sie auf den Gehweg!“ Dieser mehrfachen Aufforderung der Polizistinnen habe sich die Seniorin widersetzt, schilderte Peter Beine nach Befragung der Beschuldigten deren Darstellung des Einsatzes. „Die Frau wurde nicht beiseite geschubst, sondern mit sehr viel Sensibilität beiseite geschoben und auf den Gehweg geführt. Das bestätigt auch ein Feuerwehrmann“, berichtete Beine. „Danach hat sie sich wiederholt eingemischt und gefragt, warum bei solch einem Einsatz so viele Feuerwehr- und Polizeikräfte vor Ort waren.“

Die Frau habe massiv mit anwaltlichen Folgen gedroht

Daraufhin hätten die Polizistinnen ihre Personalien erfragt: „Aus Gründen der Gefahrenabwehr“. Die Seniorin hätte dies verweigert mit den Worten: „Meine Personalien bekommen sie nicht.“ Sie habe dann grob die Straße hinauf gezeigt, aber nicht gesagt, wo sie tatsächlich wohne. „Die Kolleginnen hatten keine andere Chance, als sie mit zur Wache zu nehmen. Das ist aber noch nicht gegen den Willen der Frau erfolgt. Sie wollte selber zur Wache und sich beschweren“, schilderte Beine weiter, wie sich die Sache abgespielt haben soll. Vor Ort habe sie schon darauf hingewiesen, dass ihre Tochter Rechtsanwältin sei, „die Beamten sollten aufpassen“. Die Frau habe bereits massiv mit rechtsanwaltlichen Folgen gedroht.

Auf der Polizeiwache gab es ein Glas Wasser für die Frau

Um 16.55 Uhr seien die Kolleginnen mit der Frau schließlich auf der Wache angekommen, wo sie nach 20 Minuten nach Feststellung der Personalien entlassen worden war. Dem Wachdienstführer hatte die Frau vorgebracht, dass sie Beschwerde einlegen wollte. Er habe bereits vor Ort die Polizistinnen befragt, und der Frau dann mitgeteilt, dass er keinen Grund für ihre Beschwerde sehe. Auf seine neuerliche Frage nach ihren Personalien habe der Wachdienstführer diese auch sofort bekommen. Dass man die Frau eine Stunde auf der Wache festgehalten habe und ihr nichts zu trinken gegeben habe, stimme ebenfalls nicht. Sie habe nach etwas zu trinken gefragt und ein Glas Wasser erhalten. „So gehen wir grundsätzlich mit älteren Menschen um“, betonte Beine.

Ihren Beutel mit einer Trinkflasche, den man ihr in Sümmern abgenommen habe, um nach Ausweispapieren zu sehen, habe man ihr „aus Gründen der Eigensicherung“ in der Tat erst bei der Entlassung auf der Polizeiwache wieder ausgehändigt.

Auf die Frage, wie sie nach Hause komme, hätte der Kollege betont: „Wir dürfen Sie zwar aus polizei-rechtlichen Gründen mit zur Wache nehmen, aber nicht wieder zurückbringen.“ Seinen Vorschlag ein Taxi zu nehmen, habe sie mit dem Hinweis, sie habe nicht genügend Geld, abgelehnt, auch als der Polizist ihr angeboten habe, mit dem Fahrer zu sprechen, um gegebenenfalls zu Hause bezahlen zu können.

Auf die Frage, ob sie jemanden habe, der sie abholen könne, habe die Frau nur von ihrer Tochter in Essen berichtet, sie habe aber nicht gewollt, dass diese sie abhole. „Von ihrem Sohn, der sie dann später abholte, hat sie nicht gesprochen“, berichtete Beine weiter. Den Vorwurf der Tochter, ihre Mutter habe vor Aufregung Wortfindungsstörungen gehabt, wies Peter Beine deutlich zurück: „Der Wachhabende berichtete lediglich, dass sie zweimal kurz gestottert habe. Der ganze Zustand ließ, bis auf die Problematik, dass sie aufgeregt war, nicht erkennen, dass sie ärztliche Hilfe benötigte.“

Er unterstrich: „Die Kolleginnen haben sehr sensibel diesen Einsatz geführt und berücksichtigt, dass es sich um eine ältere Dame handelt.“ Umso mehr hätten sie die Vorwürfe betroffen gemacht, verwies er auf die Berichterstattung und die Kommentare in den sozialen Netzwerken.