Planlos unterwegs Richtung Zukunft?

Reformen gerne, aber dann nur mit einer durchdachten politischen Steuerung: Thomas Wülle, unter anderem Geschäftsführer des St.-Elisabeth-Krankenhauses Iserlohn, kritisiert
Reformen gerne, aber dann nur mit einer durchdachten politischen Steuerung: Thomas Wülle, unter anderem Geschäftsführer des St.-Elisabeth-Krankenhauses Iserlohn, kritisiert
Foto: IKZ
Was wir bereits wissen
10 000 Betten sollen in Kliniken NRWs wegfallen. Eine Scheindiskussion, die vom Wesentlichen ablenkt, glaubt Thomas Wülle vom Zweckverband Südwestfalen

Iserlohn..  10 000 Betten sollen in den kommenden Jahren in den 380 Krankenhäusern NRWs abgebaut werden, so hat es Gesundheitsministerin Barbara Steffens (Grüne) vor wenigen Tagen verkündet. „Die Bettenzahl ist irrelevant, dafür plakativ und öffentlichkeitswirksam“, sagt dazu Thomas Wülle, Vorsitzender des Zweckverbandes der Krankenhäuser in Südwestfalen. Denn: „Für die Bereitstellung von Betten gibt es kein Geld von den Krankenkassen, gekürzt werden soll dafür an anderen Stellen.“

Wie berichtet, plant die Bundesregierung 2016 massive Einschnitte bei der Krankenhausfinanzierung. Ziel ist es unter anderem, vermeintlich unnötige Operationen zu reduzieren und Kliniken zur Spezialisierung und Vernetzung untereinander zu bewegen – ein Problem vor allem für jene kleinen Häuser auf dem Lande, die teure Infrastruktur in Bereitschaft vorhalten müssen. Vielen dieser Häuser droht das Aus. Aus Sicht der Betreiber ignoriert das Gesetz zudem schlicht die Folgen der demografischen Entwicklung – „die Bevölkerung auf dem Land schrumpft zwar, wird aber immer älter, der Bedarf an Krankenhausleistungen somit nicht weniger“, sagt Wülle.

Iserlohner Klinik-Standorte sind wohl nicht gefährdet

Immerhin: die beiden Iserlohner Häuser Bethanien und St. Elisabeth, dessen Geschäftsführer er auch ist, sieht Wülle gut aufgestellt. Grund: Bereits vor 20 Jahren wurden Fachgebiete auf die Standorte aufgeteilt, Chirurgie und Pädiatrie an das St. Elisabeth, die Geburtenabteilung liegt beim Bethanien. Die Begebenheiten entsprechen so in weiten Teilen bereits den Anforderungen in Sachen Spezialisierung.

Zum Standort Marien-Hospital in Letmathe könne er keine Prognose abgeben, sagt Wülle. „Ich glaube aber, dass es für einige kleine Krankenhäuser in der Region Südwestfalen eng wird“, sagt Wülle. „Die bestehenden Strukturen werden die nächsten zehn Jahre sicher nicht überleben.“

5200 Betten allein im Bereich Chirurgie sollen laut den Plänen der Landesregierung reduziert werden. Zumindest in diesem Punkt herrscht laut Wülle weitestgehend Einigkeit zwischen Land und den Krankenhäusern. „Vieles kann heute ambulant behandelt werden, auch ist die Verweildauer der Patienten im Krankenhaus nach Operationen gesunken“, so Wülle. Die 94 Chirurgie-Betten im St. Elisabeth sieht er nicht in Gefahr.

Hauptkritikpunkt des Zwecksverbands-Vorsitzenden ist darum auch nicht der grundsätzliche Abbau von Betten, sondern vielmehr die aus seiner Sicht unzureichende politische Steuerung. „Das Ganze ist nur sinnvoll, wenn es strukturiert abläuft.“ Wenn alle Kliniken die Bettenzahl um zwei Prozent senkten, erreiche man vielleicht den Planwert – „die Krankenhauslandschaft verändert das grundsätzlich aber nicht“.

20 Kilometer Anfahrt nur in Ballungsgebieten realistisch

Dazu nämlich bedürfe es der Festlegung eindeutiger Eckpunkte. Wülle: „Es muss klar sein, welche Leistungen langfristig ortsnah angeboten werden sollen. Dieser Rahmen ist politisch noch gar nicht definiert. Das Land sagt: ,Die Träger machen das schon.’“

Die Ankündigung von Ministerin Steffens, kein Patient in NRW werde auch künftig länger als 20 Kilometer zu einer Klinik fahren müssen, hält Wülle für unglaubwürdig: „Die Frage wird sein: Ist das überhaupt justiziabel?“ Für Ballungsregionen sei dies umsetzbar – nicht aber auf dem Land, wo Vernetzungsmöglichkeiten mit anderen Häusern, eine der politischen Forderungen, begrenzt sind.

Weiteres Problem wenn einzelne Kliniken auf dem Land schließen: die Patienten müssen zu anderen Häusern ausweichen. Die aber sollen laut Gesetzesvorgaben Leistungen wie Operationen reduzieren. Ausgehend von dem Vorjahreswert gibt es bei einem Leistungsanstieg weniger Geld von den Kassen für die Kliniken, 50 Prozent pro Fall laut der Pläne. Wülle: „Für den von der Politik gewünschten Prozess ist das kontraproduktiv.“

In der Heimatzeitung hatten Ende Juni darum mehrere Klinik-Verantwortliche die Gesetzespläne kritisiert. Michael Kaufmann, Geschäftsführer der Plettenberger Klinik, hatte gar von einer „staatlich angeordneten Marktbereinigung“ mit dem Ziel gesprochen, nach der Schließung kleiner Häuser Gelder einfacher an große verteilen zu können. Hintergrund ist die duale Krankenhausfinanzierung – Investitionen in die Infrastruktur der Kliniken hat das Land zu tragen.