Pflasterklänge in der Fußgängerzone

Der klagende Sound des Ostens: Dejou ist 26 Jahre alt, kommt aus der Slowakei und kann sich kaum verständlich machen – außer durch seine Lieder. Er bringt eine ganz eigene Farbe in die Iserlohner Straßenmusik.
Der klagende Sound des Ostens: Dejou ist 26 Jahre alt, kommt aus der Slowakei und kann sich kaum verständlich machen – außer durch seine Lieder. Er bringt eine ganz eigene Farbe in die Iserlohner Straßenmusik.
Foto: Ralf Tiemann
Was wir bereits wissen
Mit dem Frühling sind auch die Straßenmusiker zurück. Ein Gang über die Wermingser Straße zeigt: Iserlohn lohnt sich und macht der Musik keine Auflagen.

Iserlohn..  Reich wird man davon nicht – so viel steht fest. Wer sich mit den Straßenmusikern unterhält, die mit der Frühlingssonne wieder Einzug in die Iserlohner Fußgängerzone gehalten haben, hört bei der Frage nach dem Stand der Geschäfte das als allererstes: Leben könne man davon ganz und gar nicht. Und doch kommen sie täglich, füllen die Straßen mit Musik und sorgen so auf ihre Art für eine lebendige und urbane Atmos-phäre in Iserlohn. Warum? Die Motivation, sich mit der Gitarre auf die Straße zu stellen, ist wohl eine Mischung aus Spaß an der Sache und der Musik vor Publikum und dem Wunsch, die eigene Kasse ein wenig aufzubessern.

John, der sich nur John nennt, weil er nicht mit seinem richtigen Namen in die Zeitung will, fährt zum Beispiel mit seinem Schwerbehindertenausweis von Stadt zu Stadt und singt Songs von den Beatles oder den Stones zu Gitarre und Mundharmonika. „Meine Musik hat noch niemanden gestört“, sagt er mit der Überzeugung im Rücken, den bestmöglichen Musikgeschmack zu bedienen. Im Gegenteil: Er komme immer ziemlich gut an und könne seine schmalen finanziellen Möglichkeiten durchaus mit der Musik in der Fußgängerzone aufbessern – vor allem bei gutem Wetter und besonders in Iserlohn, wo ja immer viel los sei.

Die Menschen in Iserlohn lobt auch Tom Schäfer. Es sei durchaus lohnenswert, sich hier hin zu stellen und deutlich lohnenswerter als in vielen anderen Städten. „Die Leute sind supernett hier“, sagt der 43-Jährige, weswegen bei ihm auch der Spaßfaktor deutlich im Vordergrund steht. An die 60 Songs, überwiegend Folk-Klassiker, hat der Sänger der Iserlohner Band „Honey and the Priest and the Raffish Brothers“ im Repertoire und nutzt die Fußgängerzone bei gutem Wetter als Open-Air-Proben- und Versuchsraum. „Ich könnte auch zu Hause proben, aber mit Feindkontakt bringt das ja viel mehr“, sagt er lachend.

Nicole Holle, die mit ihrem Hund Samson unterwegs ist und deutsche Heimatlieder auf der Melodica spielt, sagt auch, dass man schon eine gehörige Portion Spaß an der Sache mitbringen sollte. Mit Geld werde man garantiert nicht überhäuft, obwohl Iserlohn auf jeden Fall eines der lohnenswerteren Pflaster sei. Allerdings habe sie schon manchmal das Gefühl, dass das Kunstverständnis hier nicht allzu ausgeprägt ist. „Im süddeutschen Raum“, so die 43-jährige Iserlohnerin, „hat Straßenkunst einen viel höheren Stellenwert“.

Ganz so weit daneben liegt sie mit ihrer Einschätzung vermutlich nicht. Diesen Schluss lassen jedenfalls die vielen Straßenmusik- und Straßenkunstfestivals oder auch Internetforen zu, die sich in anderen Städten unter so hübschen Namen wie Asphaltpartitur oder Pflasterklang – vornehmlich im süddeutschen Raum – tummeln. Straßenmusik ist längst als eigene Kunstform anerkannt und auch sehr beliebt. Und wird hier und da auch gezielt gefördert. „Play me, I’m yours“ („Spiel mich, ich gehöre dir“) ist zum Beispiel eine Bewegung, die 2008 in Birmingham ihren Ausgang nahm und in deren Zuge inzwischen zig Städte weltweit öffentliche Klaviere, sogenannte Street-Pianos, aufstellen, um auch Klavierspieler zu ermutigen, öffentlich zu spielen. In München steht eins davon. Dort darf sich auch bei Weitem nicht jeder, der eine Gitarre halten kann, in die Fußgängerzone stellen. Für Straßenmusiker gebe es Qualitätsauflagen und ein Casting, weiß Tom Schäfer.

Solche Dinge funktionieren aber nur in großen Metropolen. Aber auch wenn Iserlohn da nicht zuzählt: Im Vergleich zu anderen Städten im näheren Umkreis schlägt sich Iserlohn, was die Straßenmusik angeht, bestens. Das zumindest sagen die Straßenmusiker selbst. Als lebendige Einkaufsstadt bietet sie den Musikern bei gutem Wetter ein riesiges Publikum, bei dem sich auch ein guter Euro verdienen lässt. Und besonders strenge Auflagen oder Verbote gebe es seitens der Stadt auch nicht.

„Es gibt Städte, da muss man sogar ein Startgeld bezahlen“, weiß Tom Schäfer aus eigener Erfahrung. Nicht so in Iserlohn. Hier muss man lediglich alle 30 Minuten den Standort wechseln, um das Nervenkostüm der Angestellten in den Geschäften nicht über die Maßen zu strapazieren. Eine spezielle Genehmigung ist nicht notwendig, um loslegen zu können. Einzige speziell Iserlohnerische Einschränkung, so ist aus dem Ordnungsamt zu erfahren, sei der Hinweis, im Bereich des Alten Rathaussplatzes wegen anhaltender Anwohnerbeschwerden nicht zu musizieren. Gemäß Paragraf 10 des Landes-Immissionsschutzgesetzes, so teilt Alexandra Carius vom Iserlohner Ordnungsamt mit, sei es so, dass „Tongeräte“ – und dazu gehören auch Musikinstrumente – nur in einer solchen Lautstärke benutzt werden dürfen, dass unbeteiligte Personen nicht erheblich belästigt werden. Wer entgegen dieser Bestimmung handelt, begehe eine Ordnungswidrigkeit und müsse ein entsprechendes Verfahren fürchten. Schließlich kann Musik je nach Qualität und Lautstärke ja auch nerven.

In der Praxis kommt so etwas aber offensichtlich nicht vor. „Ich habe schon viele Freunde im Ordnungsamt. Wir sind per du“, lobt etwa Tom Schäfer die gute Behandlung. Und auch die anderen befragten Straßenmusiker haben bisher noch keine schlechten Erfahrungen gemacht. Anders liege der Fall wohl bei Straßenkunst, bei der das Pflaster mit Straßenkreide bemalt wird. Nicole Holle, die nicht nur auf der Melodica spielt, sondern auch gerne in der Fußgängerzone malt, hat damit schon mal Schwierigkeiten in Iserlohn bekommen.

Verboten ist auch bei der Straßenmusik das aggressive Betteln – also etwa wandernde Musiker, die durch die Tische eines Straßencafés gehen und die Besucher mit Trompete und Akkordeon aktiv anbetteln, was man auch in Iserlohn hier und da beobachten kann. „Manche betteln sogar andere Straßenmusiker an“, beschreibt Tom Schäfer die Dreistigkeit, mit der einige seiner „Kollegen“ vorgehen. Der Normalfall sei das aber nicht. Er kenne eine Menge Straßenmusiker, auch den ein oder anderen, der das hauptberuflich macht und sich jeden Tag für acht Stunden irgendwohin stellt. Die meisten hätten aber eine ähnliche Auffassung wie er und machen das nur so nebenbei – aus Spaß und ohne davon reich werden zu wollen.