Patientennähe contra Zeit und Ökonomie

Ein letzter Gang auf den Praxis-Balkon des Dr. Michael Kemmerling (59). 13 Jahre lang hat der Mediziner seine Hilfe suchenden Patienten an der Hugo-Fuchs-Allee mit großem – vor allem zeitlichen – Aufwand betreut.
Ein letzter Gang auf den Praxis-Balkon des Dr. Michael Kemmerling (59). 13 Jahre lang hat der Mediziner seine Hilfe suchenden Patienten an der Hugo-Fuchs-Allee mit großem – vor allem zeitlichen – Aufwand betreut.
Foto: IKZ
Was wir bereits wissen
Dr. Michael Kemmerling schließt nach 13 Jahren seine Praxis. Die Gründe sind vielschichtig.

Iserlohn..  Für einen Moment ringt Dr. Michael Kemmerling gerade um Fassung. Es ist kurz vor 16 Uhr an diesem 30. Juni 2015, im ersten Wartezimmer gleich am Eingang der Praxis an der Hugo-Fuchs-Allee wartet noch ein Patient. Wahrscheinlich der letzte für diesen Tag. Wahrscheinlich aber auch der letzte im niedergelassenen Praxisleben des Dr. Kemmerling. In wenigen Minuten oder Stunden wird er wohl durch die gläserne Praxis-Tür gehen und unter sein berufliches Iserlohn-Kapitel als Psychiater, Neurologe und Schmerztherapeut einen Schlussstrich ziehen. „Ich habe das wirklich gern und von Herzen gemacht. Das aufzugeben tut schon weh nach all den Jahren, schreiben Sie wenigstens was Schönes“, sagt er noch und dreht sich lieber weg. Am nächsten Tag wird der gebürtige Hagener mit Wohndomizil Schwerte bereits sein neues Dienstverhältnis in einer privaten Klinik für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik bei Borken antreten.

Auch der Wechsel ins MVZ konnte Problem nicht lösen

Eine Stunde zuvor. Dr. Kemmerling steht im Ausräummodus in seinem „Privatraum“ am Ende eines langen Ganges. In dem kleinen Büro sieht es noch aus, als hätte er gerade aus Versehen eine Sprenggranate gezündet. Trotzdem bei all dem „Kurmel“ aber sogar noch irgendwie gemütlich. „Ich nehme ja nur das Nötigste, das Persönlichste mit“, sagt er, der Rest bleibe in der Praxis. Begeisterung darüber sieht zwar anders aus, ein bisschen positive Aufbruchstimmung ist aber auch durchaus rauszuhören. Dr. Kemmerling erklärt kurz die „Firmen“-Vorgeschichte. Vor 13 Jahren hat sich der Mediziner, der in den drei beschriebenen Fachrichtungen unterwegs ist und Ausbildungen und Führungspositionen in Krankenhäusern, unter anderem in Castrop-Rauxel, Herten und Dortmund durchlaufen hatte, in Iserlohn unterhalb des Bethanien-Krankenhauses selbstständig gemacht. Als unter Krankenhaus- beziehungsweise Diakonieregie schließlich in dem Haus das Medizinische Versorgungszentrum (MVZ) entstand, verkaufte der Mediziner vor sechs Jahren seine Praxis und seinen Kassensitz an eben dieses MVZ, arbeitete von diesem Moment als angestellter Arzt.

Und jetzt wird es in der Tat etwas komplizierter. Aber irgendwie wieder auch nicht. Dr. Kemmerling musste im Laufe der Jahre erkennen, dass er unwirtschaftlich arbeitet. Zwar mit wohl großem und auch nachvollziehbarem therapeutischen Erfolg, aber eben nicht im Sinne des Kontostandes. Man muss dazu eine schlichte Zahl kennen: Neurologen und Psychiater erhalten von den Kassen pro behandeltem Patient und pro Quartal eine Pauschale von 50 Euro. „Also bräuchte ich im Quartal natürlich möglichst viele Patienten, um überhaupt der ganzen Kosten einer solchen Praxis Herr zu werden.“ Und damit gar nicht erst ein falscher Eindruck aufkommt, setzt er nach: „Ich fahre einen 93-er Saab, habe kein Häuschen, keine Yacht und leiste mir keinen Luxus. Ich will nicht reich werden, ich will leben. Das ist ja wohl nicht verwerflich.“

Es bedarf keines großen medizinischen Sachverstands, um zu erkennen, dass Dr. Kemmerling wie auch seine Kollegen in einem der beratungs- und gesprächsintensivsten Medizin-Felder unterwegs ist. Auch wenn das von „offizieller Seite“ offenbar gern anders gesehen wird. „Kollegen und ich bekamen eine Beratung von einem Fachmann, wie wir unsere Praxen zukünftig wirtschaftlicher führen und aufstellen könnten.“ Kemmerling war nämlich wie einige andere auch in ein so genanntes Plausibilitätsverfahren gerutscht, weil er nicht nachweisen konnte, warum er jeden Tag so lange Patienten empfing. „Der Gutachter hat gefragt: ‚Was macht Ihr da eigentlich? Das Aufschreiben des Medikaments XY dauert eine Minute, eine Nervenmessung zwei Minuten. Und Ihr braucht für einen Patienten angeblich Stunden?“

Dr. Kemmerling spricht jetzt über seinen psychoanalytischen bzw. psychodynamischen Ansatz, über die „Gegenübertragung“, also das Erkennen von Problemen bei einem Patienten, auch wenn dieser das gar nicht offen anspricht. „Ich muss ja zum Beispiel die Selbsttötungsabsicht erkennen, obwohl der Patient gar nichts davon sagt. Dafür brauche ich aber das persönliche Gespräch. Und Zeit.“ Und daraus ergibt sich natürlich auch, dass Patienten auch nach einer ersten Kontaktaufnahme dauerhafte Betreuung und Begleitung brauchen. Auch auf Abruf und in besonderen Situationen. „Mit dem Ergebnis, dass ich und nicht wenige meiner Kollegen sich immer wieder dem Verdacht ausgesetzt sehen, Betrüger zu sein.“

Man hört an diesem Nachmittag aus seinen Worten Unverständnis und Resignation. Die Konsequenz aus den Überlegungen schrieb er bereits zum Jahreswechsel – als sich in Iserlohn ein Verkauf des Krankenhauses Bethanien durch die Diakonie an das Allgemeine Krankenhaus Hagen andeutete – seinen Patienten in einem Info-Brief: „Mit meiner gesprächsintensiven, eher psychosomatisch und psychodynamisch ausgerichteten Arbeitsweise, die ich weder verändern will noch kann, arbeite ich (trotz einer Arbeitszeit von 60 bis 70 Wochenstunden) unwirtschaftlich, eine eigentlich notwendige Steigerung der Fallzahlen ist mir nicht möglich.“ Und weiter heißt es: „Ich habe die begründete Befürchtung, dass ein neuer Träger meine unwirtschaftliche Arbeitsweise nicht tolerieren wird und mir einen anderen Arbeitsstil anordnen wird. Dieser Gefahr möchte ich mich mit meinen 59 Lebensjahren nur ungern aussetzen.“

Über die Gründe, warum die Politik und die kassenärztliche Vereinigung bei ihren Vergütungsmodellen so vorgehen, kann auch der Mediziner nur spekulieren. „Zum einen haben wir das Problem, dass die von uns behandelten Störungen in Teilen der Gesellschaft nicht wirklich als Erkrankung anerkannt sind. Zum anderen glaubt man zu wissen, dass eine Steigerung des Angebotes auch eine Steigerung der Nachfrage nach sich ziehen würde.“ Was wiederum auch eine verstärkte Abgabe an Kliniken zur Folge hätte, „in denen sie ja heute schon kaum noch Patienten unterkriegen. Es sei denn als absoluten Notfall“.

Der Bedarf steigt, aber das Angebot wird schlechter

Das Fazit, das der Mediziner zunächst einmal grundsätzlich fachlich aus all dem zieht, ist nicht sonderlich optimistisch: „Wir haben es in dieser Gesellschaft immer mehr mit Depressionen, Ängsten, Persönlichkeitsstörungen und psychiatrischen Erkrankungen zu tun. Fakt ist wohl also, dass der Bedarf nach qualifizierter Betreuung extrem hoch ist, das Angebot jedoch immer schlechter wird.“

Und für sich selbst kommt Dr. Michael Kemmerling zu einem wohl eher emotionalen Schlusssatz: „Vielleicht passe ich einfach nicht mehr in diese Zeit.“