"Ohne Karstadt fehlt ein Stück Iserlohn"
29.05.2009 | 17:53 Uhr 2009-05-29T17:53:00+0200
Iserlohn. „Wir kämpfen für unser Karstadt-Haus. Kämpfen Sie mit!” Dazu forderte Filialgeschäftsführer Peter Skuthan im Namen aller Iserlohner Karstädter die Kunden auf. Er betonte: „Ohne Karstadt fehlt ein Stück Iserlohn.”
In einem Informationsschreiben an die Kundschaft informierte er über die Hintergründe: „Unser Mutterkonzern Arcandor hat ein Problem: In den kommenden Monaten müssen rund 900 Millionen Euro an Krediten verlängert werden. In Zeiten der Bankenkrise sind Kredite aber schwer zu bekommen. Und damit wurde die Finanzkrise auch zu einer Karstadt-Krise.” Die Unternehmensgruppe benötige eine Bürgschaft des Staates, damit die Banken diese Kredite einräumen oder verlängern. Ansonsten drohe Karstadt die Insolvenz.
Gemeinsam mit seiner Betriebsratsvorsitzenden Doris Schulte betont der Iserlohner Karstadt-Chef: „Wir wollen nichts geschenkt. Denn bei einer Bürgerschaft des Staates fließt kein Cent an Steuergeldern. Und die Kredite von unseren Banken zahlen wir natürlich Cent für Cent zurück.”
Skuthan leitet die Iserlohner Karstadt-Filiale seit 2001. Seit dieser Zeit ist Doris Schulte auch Betriebsratsvorsitzende. Seite an Seite haben sie bereits einen Sanierungstarifvertrag und einen Sanierungspakt abgeschlossen, nachdem die Beschäftigten auf allen Ebenen seit drei Jahren bereits Einkommenseinbußen von zehn Prozent hinnahmen. „Wir Mitarbeiter haben immer hinter Karstadt gestanden”, erklärt Doris Schulte, die dem Unternehmen seit 1980 angehört. Sie hat in dieser Woche sowohl in der Bundeshauptstadt, als auch in der Landeshauptstadt für den Erhalt der Karstadt-Häuser demonstriert und ist guten Mutes, dass die Staatsbürgschaft kommt. Gerade angesichts der 55 000 Arbeitsplätze, die davon abhängen.
Seit 42 Jahren ist Karstadt in Iserlohn am Schillerplatz ansässig, weiß Bürgermeister Klaus Müller, der sich an den Widerstand des Einzelhandels gegen die Ansiedlung des Warenhauses erinnert. „Heute haben sich die Zeiten gewandelt, der Einzelhandel ist froh, den Magneten Karstadt in der Stadt zu haben.”
Auf 10 500 Quadratmetern Einkaufsfläche sei das Haus für über zwei Millionen Besucher im Jahr die Anlaufstelle in der Innenstadt. „Wir sind überzeugt davon, dass zu einer funktionierenden Stadt die kleineren und mittelständischen Geschäfte genauso wie die großen Warenhäuser gehören”, ist Skuthan überzeugt. „Und Karstadt ist ein Magnet in der Innenstadt, von unserer hohen Kundenfrequenz profitieren auch viele kleinere Geschäfte.” Peter Skuthan verweist auf 200 Arbeitsplätze und 10 Ausbildungsplätze in seinem Haus.
„Man kann sich nicht vorstellen, dass Karstadt Iserlohn geschlossen wird, und das Haus direkt gegenüber dem Rathaus und der Sparkasse leer steht”, erklärte Bürgermeister Klaus Müller. Die Karstadt-Zentrale habe gerade noch erhebliche Finanzmittel in Höhe von 300 000 Euro für einen internen Umbau zur Verfügung gestellt. Das sei ein Signal, dass Karstadt Iserlohn eine Zukunft habe. Das sei ein Zeichen, dass es sich lohne hier zu investieren, erklärte CDU-Fraktionsvorsitzender Hartmut Bogatzki. Bürgermeister Müller, SDP-Fraktionsvorsitzender Peter Leye, CDU-Landtagsabgeordneter Thorsten Schick und die Bürgermeisterkandidaten Hartmut Bogatzki, Harald Eufinger und Lutz Tim Tölle zeigten ihre Verbundenheit mit Karstadt, indem sie sich, ebenso wie zahlreiche Kunden, auf Unterschriftenlisten für den Erhalt eintrugen. Harald Eufinger verriet der Betriebsratsvorsitzenden seine besondere Beziehung zu diesem Karstadt-Haus. Er hat dort Ende der 80er Jahre seine Lehre als Bürokaufmann gemacht. „Die Belegschaft hat viel geopfert, sie hat es verdient, dass es weitergeht und die Staatsbürgschaft kommt”, sagte er. „Die Leute können ihre Solidarität bekunden, indem sie hier weiter einkaufen”, erklärte Bürgermeister Müller.
14:47
Ich persönlich mag ja das Konzept des Warenhauses: Hier finde ich alles „wirklich“ unter einem Dach und (fast) nebeneinander und muss nicht, wie bei Shopping-Mals üblich, ständig das Geschäft wechseln. Sollte Karstadt verschwinden, fehlte wirklich etwas in Iserlohn.
ABER:
- Der Investitionsbedarf ist schon dramatisch. Das Gebäude ist absolut unzeitgemäß und, freundlich ausgedrückt, ein Schandfleck. Wer soll das aber wann renovieren und restaurieren oder neu bauen?
- Die Stadt muss dringend den Schillerplatz sanieren, sonst versinkt noch das ganze Areal im Wasser. Wer soll das in der jetzigen finanziellen Situation aber bezahlen?
- Karstadt muss sich entscheiden: Will es ausgesuchte Waren guter Qualität mit gutem Service oder Billigheimer mit Verkäfer(innen)mangel sein. Das, was wir jetzt dort vorfinden, gleicht nämlich eher einer Chimäre, die keiner wirklich will aber alle irgendwie wollen. Die Wandlung zum Billigheimer würde Karstadt jedoch kaum verkraften. Wo sind aber die Kundenströme, die bereit wären, für gute Waren und viel Service auch mehr zu bezahlen? Der Trend geht doch wohl eher zum Online- und auch weiterhin zum Billig-Schoppen.
Insofern frage ich mich, ob es denn wirklich so schlimm wäre, auf Karstadt zu verzichten und stattdessen neues sich entwickeln zu lassen. Ich glaube nämlich nicht, dass man mit allen Mitteln versuchen sollte, einen Strukturwandel aufzuhalten. Und auch wenn sich dort nichts entwickelt, ist dies eine (bedenkliche) Entwicklung. Ein Marktteilnehmer, der den Strukturwandel nicht mitmacht und ihn mit gestaltet, wird von selbigem eingeholt und verschwindet schließlich selbst vom Markt. Dem Kunden sei Dank.
PS:
Die Kunden sind schließlich wir alle!
10:13
Diesem letzten Beitrag (# 15) schließe ich mich voll an - mit einer Ausnahme: Die Lebensmittelabteilung ist in meinen Augen ok. Der absolute Tiefpunkt allerdings ist die Damenoberbekleidung - sowas wähnte ich eigentlich als schon seit den Sechzigern nicht mehr existent. Da bietet selbst C&A Besseres und Modischeres.
20:03
Dass Geiz geil ist und nur Schnäppchen gejagt werden ist nur die halbe Wahrheit, es gibt eine Klientel, die gerne etwas tiefer in die Tasche greift, mich eingeschlossen. Was ich dann aber erwarte ist eine entsprechende Ausrichtung- stilvolle Marken statt No-Name-Pröttel a´la Barisal und Yorn, zuvorkommende Beratung wie Berkenhoff und nicht wie Kodi- und möglichst selten ein Nein. Nichts davon erfüllt das Karstadt Iserlohn heute. die wollen ein bisschen Spezialist für alles sein, ein bisschen exklusiv, ein bisschen discount; aber letztendlich wird keine Zielgruppe befriedigt.
13:01
Als Karstadt 1967 in Iserlohn eröffnete, da hatte das damals noch etwas kleinere Haus ca. 700 Mitarbeiter beschäftigt. Karstadt hatte bis in die 80er Jahre ein Aussenlager an der Lillienthalstrasse, selbst in den Fahrstühlen gab es damals, solch heute unbekannte Gestalten wie Fahrstuhlführer und ein Kundenkindergarten durfte ebenfalls nicht fehlen, sondern er war selbstverständlich. Service und Dienst am Kunden wurden damals noch groß geschrieben! Karstadt lieferte selbst Lebensmittel ins Haus, es gab einen Autoreifenservice, sowie einen Kundenservice mit Namen Rat und Tat! Jede Abteilung hatte ihre eigene Kasse und Verkäufer waren überall zu finden und mussten nicht erst stundenlang gesucht werden.
Im Laufe der letzten 42 Jahre ist viel passiert, die Wirtschaftswunderjahre und die Vollbeschäftigung sind längst vorbei und am Beispiel Karstadt Iserlohn kann man sehen wie drastisch sich die Zeiten im Einzelhandel verändert haben. War gestern Service, Qualität und kompetente Beratung gefragt so ist es heute geil geizig zu sein. Täglich bläst nun der Kunde zum Hallali auf die kleinen Preise bei der Schnäppchenjagd und Unternehmen wie die Warenhauskonzerne können diese Schnäppchen aufgrund ihrer altertümlichen Organisationsstruktur nicht wirklich kostendeckend anbieten. Man arbeitet defizitär, streicht Stellen und strukturiert dauernd um aufgrund des Kostendrucks, und vergrault damit immer mehr den potenziellen Kunden. Der Kunde fühlt sich verarscht und besorgt sich seine Brocken woanders. Auf Beratung legt er, der Kunde, meist auch keinen Wert mehr, nur günstig muss es sein, der Schnapp muss sich gelohnt haben und Aldi und Co. boomen sich dumm und dämlich mit Dumpinglöhnen und Mitarbeiterbespitzelung, der Kunde freut sich, denn ihm kommt dies ja alles zu Gute, denn heute ist Geiz geil und Service viel zu teuer!
Komischerweise wundern sich diese Kunden dann aber noch darüber, dass solche Konzerne wie Karstadt (immerhin sind Karstadt und Kaufhof zusammen die letzten Mohikaner in Sachen Warenhauskonzern) dem Druck des Marktes mit seinen heutigen Anforderungen nicht gerecht werden können und sie dadurch mittlerweile von der Insolvenz bedroht sind.
Bei Arcandor-Karstadt stellt sich für mich nur noch die Frage, ob ein Ende mit Schrecken nicht besser wäre als ein Schrecken ohne Ende. Diesen Niedergang mit anzusehen stimmt mich aber dennoch traurig, denn es hängen Menschen mit ihren Nöten an diesen schlechten Nachrichten. Menschen die um ihre Existenz kämpfen.
Auch ich hänge emotional an Karstadt, denn ich darf es diesem Kaufhauskonzern verdanken, dass hier in der Waldstadt meine Wiege stand und daher drücke ich der Belegschaft (zu der ich selbst einmal gehörte) alles Gute im Kampf für das Haus in Iserlohn und natürlich auch für alle anderen Häuser in der Republik des geilen Geizes!
18:58
Lassen wir die Politik mal aussen vor, angesichts des Superwahljahres wird reichlich geklappert, würde man das Jahr 2008 oder 2010 schreiben wären diese ganzen Bemühungen nichts weiter als Lippenbekenntnisse.
Ich denke aber zurück an die Zeit, als die Brauerei Iserlohn, damals noch unter der Knute von Brau und Brunnen, kurz vor der Schliessung stand.
Eine für sich rentabele Brauerei sollte, aufgrund vom Management-(Fehl)Entscheidungen geschlossen werden, damals ging es um ca. 80 Arbeitsplätze und Iserlohn kämpfte und war sogar für manchen Artikel in den Wochenmagazinen gut.
Jetzt geht es um 200 Arbeitsplätze und ich glaube auch um einen gewissen Anziehungspunkt in der Iserlohner Innenstadt.
Gewiss, der Iserlohner identifiziert sich mehr mit seinem Heimatbier als mit einer Warenhausfiliale, dennoch wäre auch hier der Verlust schmerzlich.
14:59
@ parser: natürlich ist das no time..: Zitat provokant, aber der Kern, und offen erkennbare Realität ist doch, dass, in welcher Etage auch immer, versagt wurde. Offizielle Statements wie Wir haben die Staatsbürgschaft verdient... oder „Die Leute können ihre Solidarität bekunden, indem sie hier weiter einkaufen” sind da reine Polemik. Klappern gehört zum Geschäft, der Mann vom Betriebsrat ist also entschuldigt, aber der Bürgermeister sollte schon etwas objektiver urteilen und gerade, weil er nicht mehr kandidiert nicht in Gefühlsduselei und Vorwahlenschmusekurs verfallen. Wenn ich schlecht wirtschafte und mich überschulde, klopft jemand und räumt mir die Bude aus, da wird auch nicht über Solidarität gefaselt. Niemand BRAUCHT Karstadt, und für mich persönlich ist es nichteinmal nice to have, Karstadt hat schon lange den Kurs verloren- es ist weder commodity noch premium, und nichts an dem Laden vermittelt mir das Gefühl, willkommen zu sein. Mir wäre ein Park an der Stelle lieber.
11:03
Meinetwegen soll Karstadt doch geschlossen werden. Mittlerweile finde ich es immer unerträglicher dass sich in Deutschland die Firmen wg. Fehlern im Management auf Kosten der Steuerzahler sanieren. (Geld dass der Staat zur Sicherung von Krediten benötigt kann dieser nicht gleichzeitig für Bildung oder Soziales ausgeben.)
Da kann sich Karstadt bei seinem Kreditsicherungswunsch sicher bald hinten anstellen - hinter Opel, Schaeffler, Märklin, Schiesser usw. Für den Einzelfall in Iserlohn ist das natürlich schade, sowohl für die einkaufenden Menschen als auch natürlich für die Mitarbeiter dort. Aber ohne ein deutliches, politisches Zeichen wird sich kein deutsches Management Gedanken über das bisherige Verhalten machen.
07:26
#7
Abriss als Lösung?
das so qualifizierte Vollzeitpersonal wird wieder unterkommen, gute Leute werden doch immer gerne genommen, oder???
Wo soll das denn dann sein?
Haben wir neuerdings Vollbeschäftigung?
#8 / #9
Der Verbraucher hat es in der Hand, in der Tat. Wer das gleiche Produkt woanders günstiger bekommt, hat sich wenigsten die Mühe gemacht und Preise verglichen.
Dieses darf man ein Unternehmen aber nicht ankreiden, sowas gehört auch zur marktwirtschaftlichen Ordnung. REAL gilt in der Allgemeinheit als Apotheke, nur stellt man dieses auf dem Parkplatz nicht fest. Die Bequemlichkeit der Verbraucher und die Nähe zu McDonalds spielt eine große Rolle!
Daher finde ich die Textpassage aus Were the champions sehr unpassend
Als vor Jahren Bölling die Pforten schliesste, hätte das Porzellanhaus Weber die Chance gehabt, sich zu einer festen Größe zu etablieren. Wo kann man heute hochwertige Haushaltswaren kaufen?
Man kann Karstadt nicht mit Saturn vergleichen, darum geht es doch auch gar nicht. Karstadt ist ein Warenhaus mit einer breit gestreuten Produktpalette.
Richtig, bei Karstadt. Die Chancen auf Bestand hätte das Haus allemal, daher finde ich manche Aussage, gerade auch gegenüber den Mitarbeitern eine Frechheit.
Warum reisst man die Marktpassage nicht ab. Platz für die Pizzabude und einer Bäckerei hätten wir immer noch in Iserlohn.
Man könnte doch alle Biligketten in die Passage verfrachten oder alle Bäckereien, von beiden gibt es ja reichlich.
11:44
Nachtrag: das letzte Erlebnis war bei längerem Nachdenken ein anderes: Sommerurlaub für meine Süße und mich im Reisebüro Karstadt angefragt- 2300€ komplett. das gleiche Paket bei FIRST - 1740€. Iss klar wo wir gebucht haben??
NO TIME FOR LOSERS
11:35
Zumachen! Das Zentrum der Innenstadt wandert (für mich) schon lange in Richtung Stadtquartier um B&U Saturn etc. Dort wird investiert, obwohl viele Preise unter Karstadt-Niveau liegen. Letztes Erlebnis: habe eine Uhr zur Reparatur einschicken lassen, auf das Angebot des Markenherstellers wurden von Karstadt über 50% aufgeschlagen, dieser Laden mit seinen Apothekenpreisen müsste im Geld schwimmen!!! Bei Öffnungszeiten und dem Service muss ich mich ebenfalls meinen Vorrednern anschliessen. Für mich steht fest: No Time For Loosers...