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Gesamtschule

Nicht gewählt worden, um abzuwarten

27.09.2011 | 16:33 Uhr
Nicht gewählt worden, um abzuwarten
Eine ungewöhnliche politische Konstellation, die „Schule machen“ will.

Iserlohn.Die politischen Fronten sind seit Montagabend geklärt: Die für entsprechende Beschlüsse zur Errichtung einer zweiten Gesamtschule benötigte Mehrheit im Rat steht, nachdem SPD, Bündnisgrüne, FDP und Linke den in dieser Konstellation ungewöhnlichen Schulterschluss geübt haben (wir berichteten).

Weniger überraschend hingegen ist die Beantwortung der Standortfrage: Um den aufstrebenden Iserlohner Norden mit seinen etwa 17000 Einwohnern mit einem bis zum Abitur führenden Schulangebot zu versorgen, wollen die vier Fraktionen die zweite, vierzügige Gesamtschule am Standort der Hauptschule Hennen aufbauen. Deren Inbetriebnahme wäre nach Einschätzung der Verwaltung zum Schuljahr 2015/2016 möglich. Eine Absage erteilt das „Bildungsbündnis“ hingegen den anderen von der Verwaltung vorgestellten Alternativen. Das Schulressort im Rathaus hatte nach den Sommerferien neben dem Standort Hennen (geschätzte Gesamtbaukosten 17 bis 20 Millionen Euro) auch grobe Kalkulationen für die Umnutzung der Schulgebäude am Bömberg (mindestens sieben Millionen Euro), im Wiesengrund (mindestens 12 Millionen Euro), des Schulzentrums Letmathe (nur geringfügige Umbau- und Sanierungskosten) sowie einen Neubau auf der grünen Wiese (mindestens 23 Millionen Euro) vorgelegt. Auch wenn die Entscheidung für Hennen die neben einem Neubau wohl teuerste Lösung darstellt, glauben die Befürworter, gute inhaltliche Argumente auf ihrer Seite zu haben. „Wir möchten für Iserlohn ein dezentrales Angebot vorhalten“, erklärt etwa SPD-Fraktionschef Mike Janke, während Harald Eufinger (Bündnisgrüne) in dem Vorhaben auch die Chance erkennt, im Norden der Stadt eine Schule zu errichten, die dem Gedanken der Inklusion Rechnung trägt. Zweifel haben die Mitglieder des Bildungsbündnisses überdies an der Treffsicherheit der Kostenkalkulation aus der Verwaltung. „Solche Aussagen könnte man auch so interpretieren, dass sie dazu dienen sollen, ein Thema kaputt zu reden“, glaubt Mike Janke nicht unbedingt an eine neutrale Darstellung der Verantwortlichen im Rathaus. Vor diesem Hintergrund möchten die vier Fraktionen externe Fachleute mit der Planung der zweiten Gesamtschule beauftragen.

Dass die Neustrukturierung der Schullandschaft nicht zum Nulltarif zu haben sein wird, sondern enorme Aufwendungen nach sich ziehen wird, ist den Fraktionen derweil deutlich bewusst. „Aber was wäre sinnvoller, als in Bildung zu investieren“, erklärt auch FDP-Ratsfrau Alexandra Schroven die Bereitschaft der Liberalen, im Sinne einer zukunftsorientierten Schullandschaft beim selbst auferlegten Spardiktat eine Ausnahme zu machen.

Mehr als 2000 Schülerinnen und Schüler musste die Gesamtschule Nußberg seit ihrer Gründung vor 23 Jahren aus Kapazitätsgründen abweisen. Die Hoffnungen hingegen, dass der Druck durch die Errichtung einer Gesamtschule in Hemer nachlässt, erfüllte sich nicht. 84 Kindern konnten zum neuen Schuljahr erneut nicht aufgenommen werden. „Der Bedarf an zusätzlichen Plätzen ist ungebrochen“, betont dementsprechend Elke Olbrich-Tripp (Bündnisgrüne). Auf Zeit zu spielen, dass sich die Probleme aufgrund rückläufiger Schülerzahlen möglicherweise von selbst lösen, ist in diesem Kontext keine verantwortbare politische Reaktion, meinen die im Bildungsbündnis vereinten Fraktionen. Alexandra Schroven: „Wir sind nicht gewählt worden, um abzuwarten. Der demografische Wandel ist überall ein Thema, was andere Städte aber nicht davon abhält, über die Verbesserung ihrer Schulstruktur nachzudenken.“ Ein Erhalt des Status quo, so auch Oliver Ruhnert (Linke), sei keine Lösung im Sinne der Kinder und Jugendlichen, zumal Iserlohn im Landesvergleich alles andere als gut dastehe bei der Abiturientenquote und der Schulabbrecherquote. Eine Existenzgefährdung anderer Schulformen herbeizureden durch die Errichtung der zweiten Gesamtschule, hält derweil Manfred Minzberg stellvertretend für alle Mitglieder des Bildungsbündnisses für unredlich. Da am Ende nur zwei zusätzliche Züge entstünden, gehe es - auf das gesamte Stadtgebiet verteilt - um „nur“ 50 Kinder. „Das“, so Minzberg, „macht keine gut funktionierende Schule kaputt.“

In einem nächsten Schritt sind nun die Betroffenen selbst gefragt: Bereits am morgigen Donnerstag sollen im Schulausschuss die Weichen gestellt werden zur Einleitung der gesetzlich vorgeschriebenen Elternbefragung.

Thomas Pütter

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