Neuregelung mit absurden Folgen

Im Müllbunker muss das getrennt gesammelte Styropor wieder untergemischt werden.
Im Müllbunker muss das getrennt gesammelte Styropor wieder untergemischt werden.
Foto: Michael May
Was wir bereits wissen
Die Müllverbrennungsanlage an der Giesestraße darf Styropor verbrennen, begrenzt aber die Menge, da sie den getrennt gesammelten Abfall erst wieder mischen muss.

Iserlohn..  Bis zum 29. September durften alle knapp 80 Müllverbrennungsanlagen in Deutschland Styropor, das mit dem Flammschutzmittel HBCD behandelt wurde, entsorgen. Seit dem 30. September gelten diese Platten, die bei der Dämmung von Dächern und Fassaden verwendet wurden, als „gefährlicher Abfall“ und dürfen nur noch in Anlagen verbrannt werden, die über die entsprechende Genehmigung verfügen – so wie die an der Giesestraße.

„Das ist ein historischer Zufall“, macht Dr. Kristian Kassebohm, Geschäftsführer der AMK-Abfall­entsorgungsgesellschaft des Märkisches Kreises, deutlich. Die Genehmigung gebe es schon seit langer Zeit, auch vor der letzten Ergänzung des Stoffkatalogs vor rund zehn Jahren habe sie schon bestanden. Ingesamt dürfe die AMK übrigens über 120 der mehr als 840 verschiedenen Abfallarten, die das Abfallrecht kategorisiert, verbrennen. Laut Kassebohm verfügen alle 16 Anlagen in Nordrhein-Westfalen über die technische Ausstattung, das Styropor „problemlos zu verbrennen“, also ohne dass es zu einer Gefährdung der Umwelt käme bzw. dass etwas in die Umwelt gelange. Die Genehmigung zur Verbrennung hätte aber nur die Hälfte der Anlagen in NRW, deutschlandweit sogar noch weniger als die Hälfte.

Bis zu 7000 Euro werden pro Tonnen verlangt

Da sich an der anfallenden Menge jedoch nichts geändert habe, haben die geringeren Kapazitäten dazu geführt, dass der Preis für die Entsorgung einer Tonne sich teilweise auf dem Markt bis zu verhundertfacht habe. „Anfang des Jahres lag er bei 60 bis 80 Euro, jetzt sind es teilweise bis zu 7000 Euro“, weiß Dr. Kassebohm. Mit wie viel Euro die AMK aktuell ihren Kunden diese Dienstleistung in Rechnung stellt, wollte der Geschäftsführer nicht sagen, bestätigte aber eine vierstellige Summe. Nach Informationen unserer Zeitung sollen es 2500 Euro pro Tonne sein.

Also ein gutes Geschäft für die AMK und damit vor allem dank der entsprechenden Verträge für ihre privaten Anteilseigner, die Firmen EDG und Lobbe? „Wir haben an der Vervielfachung des Preises gar kein Interesse“, macht Dr. Kassebohm deutlich, der bekanntermaßen vom 51-prozentigen Anteilseigner, dem Märkischen Kreis, in die dreiköpfige AMK-Geschäftsführung entsandt worden ist. Als öffentlicher Träger habe man kein Interesse daran, dass Maßnahmen zum Schutz der Umwelt wie die von der Bundesregierung forcierte energetische Fassaden-Sanierung nicht mehr durchgeführt werden können, weil eben wie in dem Fall die Entsorgungskapazitäten für alte Dämmstoffe fehlen.

Die neue Klassifizierung als „gefährlicher Abfall“ führt nämlich auch dazu, dass die Styroporplatten getrennt gesammelt werden müssen und eigentlich auch getrennt entsorgt werden müssten. Letzteres ist in der Praxis in herkömmlichen Müllverbrennungsanlagen wie der Iserlohner aber gar nicht möglich. Denn würde man das Styropor dort allein verbrennen, bedeute das „eine erhebliche Gefahr für den Heizkessel“, sagt Dr. Kassebohm und verweist auf eine mögliche Explosionsreaktion, wie wenn eine Gasflasche oder ein gefülltes Ölfass in einem der drei Kessel der Anlage landet. „Je mehr Styropor auf einen Schlag hineinkommt, desto schneller und höher steigt die Temperatur. Das kann auf bis über 1000 Grad Celsius gehen.“ Betrieben werden die Kessel mit einer Verbrennungstemperatur zwischen 800 und 850 Grad, was auch von 40 000 Sensoren in der Anlage ständig überwacht werde. Und abgesehen vom Verschleiß oder gar Schaden bei höheren Temperaturen habe die Anlage auch gar keine immissionsrechtliche Genehmigung für Temperaturen jenseits der 850 Grad Celsius.

Zerkleinern und „beinahe wie Puderzucker“ verteilen

Das führt zu der absurden Situation, dass das aufwendig getrennt gesammelte Styropor in der Anlage wieder ebenso aufwendig mit anderen Abfällen gemischt werden muss, bevor es in die Kessel kommt. Das Zehnfache an Zeit als bisher , so der Geschäftsführer, sei notwendig, um in dem 70 mal 30 Meter großen und 5000 Tonnen fassenden Müllbunker die Styropor-Lieferungen auf „Fußball- oder Kaffeekannen-Größe“ zu zerkleinern, „beinahe wie Puderzucker“ zu verteilen und unterzumischen. Weil währenddessen kein neuer Müll angeliefert werden kann („Sonst schüttet man sich das ja zu“), komme es zu Wartezeiten.

Deswegen habe man derzeit die Anlieferung von Styropor auf 20 Kubikmeter pro Woche limitiert, was bis zu drei Lkw-Ladungen entspreche. „Wir beobachten das aber tagesscharf, um es entsprechend anzupassen.“ Denn auch wenn die AMK „an sich nicht zur Annahme“ verpflichtet sei, weil es sich nicht um Hausmüll handele, sei man es „im Prinzip doch wieder, weil es ja kommunaler Müll“ sei, sprich aus dem Märkischen Kreis komme. Die Styropor-Entsorgung sei ein „drängendes Problem“, jeden Tag gebe es deswegen bei der AMK und beim Märkischen Kreis selber Anrufe.

Noch kein Notstand bei Dachdeckern in der Region

Von einem echten Entsorgungs-Notstand in einem der angeschlossenen Betriebe hatte aber zumindest der Obermeister der Dachdecker-Innung Iserlohn-Hemer-Menden, Heinz Schmidt, bis Dienstagnachmittag keine Kenntnis, obwohl die Dachdecker neben den Stuckateuren zu den am meisten von der Regelung Betroffenen zählen. Er selber habe das Glück gehabt, dass er einen Großauftrag mit einem 1500 Quadratmeter großen Dach in Hennen, bei dem mehrere 40-Kubikmeter-Container mit Styropor gefüllt wurden, noch rechtzeitig beenden konnte. Im November stehe aber in Altena das nächste 1400-Quadratmeter-Flachdach an. „Das werde ich wohl erst einmal in meiner Halle zwischenlagern.“

So macht es auch sein Nachbar Frank Lemmer: 20 Tonnen seien bei der Sanierung eines 350 Quadratmeter großen Schuldachs angefallen. 5400 Euro pro Tonne wollte sein Entsorger von ihm haben. „Diese Neuregelung geht komplett an der Praxis vorbei.“ Einige Kunden habe er deswegen auch schon im Vorfeld informiert. Und genau wie Schmidt und vor allem auch wie Dr. Kassebohm hofft Lemmer auf ein Moratorium, damit wieder alle Verbrennungsanlagen Styropor verbrennen dürfen.

Hoffen auf ein zeitweises Aussetzen der Neuregelung

Das Flammschutzmittel Hexabromcyclododecan (HBCD) gehört zu den schwer abbaubaren organischen Schadstoffen, die Verwendung ist nach einer EU-Verordnung inzwischen verboten. Damit jedoch alte Dämmplatten entsorgt werden können, hoffen Handwerker und Anlagenbetreiber auf ein Moratorium, damit in der Zwischenzeit entweder die Regelung geändert wird oder die Genehmigungen für die Verbrennung beantragt werden können.