Mutiger Kantor Aehlig brachte musikalisches Kleinod zurück
27.12.2011 | 16:22 Uhr 2011-12-27T16:22:00+0100
Iserlohn.Man vermag es kaum zu glauben, dass diese Musik über Jahre, wenn nicht gar Jahrzehnte in Iserlohn kaum oder gar nicht zu hören war. Das „Oratorio de noel“ („Weihnachtsoratorium“) des französischen Romantikers Camille Saint-Saens vereinigt alles in sich, was eine außergewöhnliche Weihnachtsmusik braucht. Jedoch hat der Trompetenglanz des Bachschen Weihnachtsoratoriums dieses musikalische Kleinod zu einem Schattendasein verurteilt, welches ebenso unverdient wie unverständlich erscheint. Umso lobenswerter erschien der Mut von Kantor Tobias Aehlig, am zweiten Weihnachtstag dieses Werk in Iserlohn aufzuführen und eine volle Aloysiuskirche belohnte dieses Experiment mehr als zurecht.
Am Anfang des Programms stand jedoch der schlichte „Quempas“ - das Lob der Hirten auf dem Felde. Konnte man diesen Wechselgesang am 3. Advent in der Obersten Stadtkirche noch von klaren jugendlichen Stimmen vernehmen, so übernahmen hier die Solistinnen den Part und gaben diesem schlichten, aber eindrücklichen Kleinod einen eher konzertanten Anstrich. Der Frauenchor führte den Mittelteil weiter, bis sich dann zum Abschluss „Gottes Sohn ist Mensch geborn“ die Männer dazugesellten. Eröffnet und unterbrochen wurde der „Quempas“ durch eine festliche Orgelintroduktion und ein eingeschobenes, apartes Hirtenstück, souverän dargeboten von Suzanna Aehlig.
Die Harfe, welche bei Saint-Saens eine wichtige, aber leider nur sehr kleine Rolle spielt, wurde gebührend durch das „Harfenkonzert B- Dur“ von G. F. Händel in den Vordergrund gerückt. Die Mendener Harfenistin und Dozentin Martina Busemann bewies ihr großes Können an diesem wunderbaren Instrument und zeigte auch im Zusammenspiel mit dem präzise musizierenden Orchester ihre große Musikalität.
Das Hauptwerk des Abends stammte von jenem französischen Romantiker, den man am ehesten vom „Karneval der Tiere“ oder der berühmten „Orgelsymphonie“ kennt.
Chor, Solisten und Orchester präsentierten eine Komposition, auf welche die Begriffe „Charme“ und „Esprit“ vielleicht am ehesten zutreffen. Nach einer Hirtenmusik zu Beginn, in welcher Saint-Saens dem Altmeister Bach seine Ehre erweist, erzählten die Solisten die Lukasgeschichte von den Hirten auf dem Felde - nach anfänglich psalmodierenden Motiven wurde die Musik alsbald romantisch und endete in dem festliche „Gloria“ des Chores. In der Arie „Expectans“ verstand es die Altistin Michaela Günther mit warmer, runder Stimme eindrücklich in den Dialog mit dem Solocello einzutreten - sicherlich einer der innigsten Momente der Aufführung. In der „Air mit Chor“ glänzte Cud Kegel mit tenoraler Strahlkraft und jenem opernhaftem Schmelz, den diese Musik nun einmal benötigt.
Das Duo „Benedictus“ ließ an Melodienseligkeit nichts zu wünschen übrig und selbst der größte protestantische Purist musste sich hier dem ganzen sinnlichen Reiz dieser Musik hingeben. Das Duo Iris Pakusch, Sopran, und Hanno Kreft, Bass, blieb diesem Stück nichts schuldig und insbesondere Hanno Kreft beeindruckte mit seiner ebenso geschmeidigen wie warm timbrierten Stimme. Das „Quare“ („Warum toben die Heiden“) stach auf Grund seiner nahezu wilden Dramatik aus dem insgesamt lyrischen Charakter des Werkes heraus und der Chor „Collegium vocale“ bewies gerade hier, welch großartige Arbeit Tobias Aehlig in kurzer Zeit vollbracht hat. Präzise und aus einem Guss und sowohl in den dramatischen als auch in den ruhigen Passagen blieb der Chor diesem Stück nichts schuldig - mit bemerkenswertem Erfolg „schraubte“ sich obendrein der Sopran sogar bis zum hohen „B“.
Ein Lob gebührte natürlich auch dem Projektorchester „Sinfonia Aloysii“, welches Tobias Aehlig aus überwiegend heimischen Musikern zusammen gestellt hat. Dieses Ensemble wirkte erstaunlich geschlossen und man kann nur hoffen, dass ein solcher Klangkörper in irgendeiner Form weitergeführt wird.
Es folgten im weiteren Verlauf klangvolle Stücke, in welchen Solisten und Chor teilweise im Wechsel agierten. Sopranistin Dana Beckmann, anscheinend ein „choreigenes Gewächs“, bewies hierbei mit klarer, intonationssicherer Stimme, dass sie zurecht Teil des Solistenensembles sein durfte. Saints-Saens „Oratorio de noel“ endete mit dem großartigen „Tollite hostias“, einer Hymne mit „Hitcharakter“, welche die Zuhörer endgültig zu Standing Ovations hinriss.
Die reiche geistliche Chorlandschaft Iserlohns hat auf jeden Fall mit dem „Collegium vocale Iserlohn“ einen bemerkenswerten Zuwachs bekommen und man kann nur hoffen, dass in Zukunft Kirchenmusik mit „Charme und Esprit“ eine noch größere Rolle im Veranstaltungskalender spielen wird.
10:33
Richtigstellung:
Nicht Zuzanna Aehlig, sie sang unten, sondern der Meister der Orgelimprovisation Tobias Aehlig höchstselbst spielte die Orgelintroduktion im Stil einer französischen barocken Ouvertüre und die Pastorale als Zwischenspiel zum Qempas ...