„Müssen unsere Sichtweise hinterfragen“

Armut
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Was wir bereits wissen
Was ist Armut? Wie bekämpft man sie? Warum schauen wir oft lieber weg, anstatt uns mit ihr zu beschäftigen? Ein Gespräch mit dem Experten Dr. Friedrich-Wilhelm Meyer zum Auftakt einer neuen Serie

Iserlohn..  Am vergangenen Donnerstag schlug der Paritätische Wohlfahrtsverband Alarm: 12,5 Millionen Menschen in Deutschland leben in Armut, das sind 15,5 Prozent, ein Anstieg um 0,5 Prozent zum Vorjahr, so zumindest lautet das Ergebnis einer aktuellen Studie. Für die Stadt Iserlohn wurden keine gesonderten Zahlen erhoben, doch gibt es auch in der Ordnungsregion Bochum/Hagen, der die Waldstadt angehört, im selben Zeitraum einen Anstieg der Armutsquote von 16,6 auf 18,7 Prozent. Grund genug für die Heimatzeitung, sich der Problematik in einer neuen Serie ausführlich zu widmen. Den Auftakt bildet ein Gespräch mit Dr. Friedrich-Wilhelm Meyer. Der Experte erstellte 2014 den Armutsbericht für die Stadt Iserlohn.

Herr Dr. Meyer, was ist Armut und wo beginnt sie?

Sie beginnt dort, wo Menschen mit ihren eigenen Mitteln ihren Grundbestand nicht erwirtschaften können, also bei Hartz IV. Allgemein liegt die Armutsgrenze in Deutschland bei einem Nettoeinkommen von etwa 750 Euro. Zudem gibt es eine Erlebensebene, ein Flüchtling etwa kann es bereits oft als eine Form von Wohlstand empfinden, in Sicherheit leben zu können. Ein Student mag für einen begrenzten Zeitraum sicher auch mit weniger Geld zufrieden sein, als ein älterer Mensch, weil seine Perspektive eine andere ist. Es gibt also räumliche, zeitliche und kulturelle Faktoren.

Wie hat sich die Wahrnehmung von Armut in der Gesellschaft verändert – auch durch den gewachsenen allgemeinen Wohlstand?

Im frühen Christentum war Armut ein normaler und sozial akzeptierter Daseinsstatus, anders als heute. Christus war bekanntermaßen ein armer Mann. Im Mittelalter dann waren Bettler zumindest noch akzeptiert, wenn sie aus der eigenen Stadt kamen. Menschen, die arm und nicht sesshaft waren, wurden bei den sogenannten Bettlerschüben an ihre Herkunftsorte zurück gebracht. Wenn man in einem anderen räumlichen Kontext denkt, ist das, was an den Grenzen der EU passiert, nicht viel anders. Mit dem Aufkommen des Protestantismus, dessen Arbeitsethik und dem Glauben an das Prinzip der Selbstverantwortung, änderte sich die Sicht auf das Thema Armut dann stark, sie wurde etwas anrüchiges, moralisch anstößiges, weil sie mit Arbeitsscheue und Faulheit assoziiert wird.

Bis in die 80er Jahre packten Experten für die Berechnung des Sozialhilfesatzes einen imaginären Warenkorb; 6,1 Kilo Kartoffeln, 220 Gramm Süßkirschen, dazu für die Sauberkeit 60 Gramm Kernseife und eine Tube Zahnpasta – was braucht der Mensch wirklich zum Leben?

Das ist heute gar nicht so anders, die Berechnung des Regelsatzes folgt einem ähnlichen Prinzip. Für Sonderbedarfe gibt es weitere Möglichkeiten der Unterstützung, etwa über das Bildungs- und Teilhabe-Paket. Ob das ausreicht, ist die Frage.

Im Grundgesetz ist ein Recht auf menschenwürdige Bedingungen und auch kulturelle Teilhabe definiert. Kommt der Staat dem mit Hartz IV ausreichend nach?

Materiell und existenziell ja, im sozialen Bereich natürlich nicht. Man muss da zwischen objektiven und subjektiven Faktoren unterscheiden. Menschen, die um die 750 Euro oder weniger im Monat zur Verfügung haben, leben gemäß der deutschen Definition an der Armutsgrenze, empfinden dies aber höchst unterschiedlich. Bei älteren Menschen geht Einkommensarmut oft mit sozialer Isolation einher, was sicher ein verstärkender Faktor für gefühlte Armut ist. Bei diesen Personen ist oft auch die Schamgrenze höher, ihnen zustehende finanzielle Hilfen abzurufen.

Stößt das Konzept von Hartz IV da nicht schnell an Grenzen, etwa wenn es um unvorhergesehene Ausgaben geht, ein zerrissener Pullover der Tochter, kaputte Sportschuhe beim Sohn, oder wenn ein alter Mensch beispielsweise mehr heizt, als ein junger?

Der Gesetzgeber muss für alle gleiche Parameter anlegen. Viele Fördermöglichkeiten – wie eben das Teilhabepaket – sind sicher auch nicht ausreichend bekannt, zudem ist der bürokratische Aufwand oft ein großes Problem. Auch empfinden es viele Menschen als stigmatisierend, als Bittsteller auftreten zu müssen und verzichten darum. Es gibt aber auch Leute, die sich in diesem System gut eingerichtet haben, es umfänglich ausschöpfen – beides ist die Wirklichkeit.

Laut Statistik findet man Armut vor allem in den Städten, Tendenz steigend. Warum fällt es uns, die wir uns wohl mehrheitlich als mitfühlende Menschen betrachten, offenbar leicht sie zu übersehen – ob nun gewollt oder ungewollt?

Armut stellt eine Lebensform dar, die oft gesellschaftlich und moralisch nicht akzeptiert ist. Wir definieren uns als Menschen der heutigen Zeit stark über unsere Erwerbsbiografie. Das System sieht vor, die Menschen beim Arbeitsplatzverlust zurück in diese sogenannte Normalbiographie zu führen. Wer das Thema reflektiert betrachtet, sich hinterfragt, merkt, dass diese Bilder, der Gedanke an den Unwillen zur Arbeit in der Betrachtung armer Menschen stets mitschwingen. Wir sollten da stets unsere eigene Wahrnehmung und Sicht hinterfragen. Übrigens liegt in der mangelnden Größe ein Vorteil kleinerer Städte wie Iserlohn – die Menschen in Armut sind weniger anonym, weniger isoliert, es ist leichter, ihnen entsprechende Hilfsangebote zu machen.

Bei Bürger-Bewegungen wie Pegida gehen Menschen auf die Straße, auch weil sie sich sozial ausgegrenzt und abgehängt bzw. bedroht fühlen. Warum richten sich diese Proteste unter anderem auch gegen Flüchtlinge, also Menschen, denen es mutmaßlich oft noch schlechter geht? Wären nicht Manager oder Bänker mit Millionengehältern die geeigneteren Adressaten?

Flüchtlinge werden von diesen Menschen als Konkurrenten um vermeintlich knappe Ressourcen wahrgenommen. Die Nähe zum eigenen sozialen Status ist ähnlich, ein Bankdirektor ist da weit weg, der wird da nicht als bedrohlich empfunden. Unterschwellig entstehen diese Aggressionen auch durch den Glauben an das protestantisch geprägte Prinzip der Selbstverantwortung. Die Flüchtlinge sollen sich doch selber helfen, so die Denkweise. Mit dem abendländischen und christlichen Prinzip der Nächstenliebe hat diese Einstellung allerdings wenig zu tun.

Wo kann man bei der Bekämpfung von Armut am sinnvollsten ansetzen?

Ein bleibendes Problem ist, dass in unserer Gesellschaft viele sogenannte „einfache“ Jobs etwa in der Industrie unwiederbringlich wegrationalisiert wurden. Man muss auch darum sicher schauen, in welcher Lebensphase man die besten Chancen hat, einzuwirken, also in Kindheit und Jugend – und zwar durch Bildung. Meist gibt es in Familien in prekären Verhältnissen eine Gleichzeitigkeit erschwerender Faktoren, etwa Sucht. Da ist es wichtig, den Kindern Möglichkeiten zu eröffnen, die sie im privaten Kontext nicht erfahren können, ihnen ein soziales Stützsystem, auch außerhalb von Familie und Schule zu geben. Wichtig ist auch der frühe Erwerb sprachlicher Kompetenzen, denn die eröffnen Chancen zur Teilhabe und zum Aufstieg. Auf diese Weise werden Kinder mit der Möglichkeit versehen, ihren Bildungsweg eigenverantwortlich und selbstständig zu gestalten.