Mit sehenden Händen und offenem Herzen

„Fragen stellen ist das Wichtigste im Leben“: Gudrun Albrecht
„Fragen stellen ist das Wichtigste im Leben“: Gudrun Albrecht
Foto: IKZ
Gudrun Albrecht ist eine der Abonnentinnen der Iserlohner Blindenzeitung. Ihren Alltag bestreitet die 76-jährige gebürtige Ostfriesin trotz einer schweren Augenerkrankung fast völlig selbstständig

Iserlohn/Hohenlimburg..  Im Leben von Gudrun Albrecht gibt es keine Karten, Wegweiser oder Gebrauchsanweisungen, keine Anleitungen und Klingelschilder; das Koordinatensystem ihres Alltags befindet sich allein in ihrem Kopf. Die Hohenlimburgerin leidet seit ihrer Kindheit unter Morbus-Stargardt-Dystrophie, einer sogenannten juvenilen Makuladegeneration, zu deutsch: einer schweren Netzhauterkrankung. „Ich habe den Mittelpunkt meines Sichtfeldes verloren, nur am Rand sehe ich etwas, aber total unscharf“, sagt die 76-Jährige.

Das Besondere an Gudrun Albrecht: Trotz ihrer Beinahe-Blindheit lebt sie allein und weitestgehend selbstständig. Als sich jetzt die Abonnenten der Iserlohner Hörzeitung, die gebürtige Ostfriesin ist eine von ihnen, im Seniorenzentrum Waldstadt trafen, reiste die Seniorin alleine an. „Nur vom Bahnhof habe ich mich abholen lassen“, sagt sie.

Arzt hält sie anfänglich für eine Wichtigtuerin

Gudrun Albrecht ist noch ein Kind, als ihre Augen beginnen, schlechter zu werden. „Aber es war Krieg, der Augenarzt meinte, ich will mich nur wichtig machen“, sagt sie. „Man kannte diese Krankheit damals so nicht.“ Irgendwann stößt sie beim Lesen mit der Nase fast aufs Blatt, um etwas erkennen zu können, doch es vergehen noch Jahre, bis die Krankheit diagnostiziert wird, in einer Münsteraner Augenklinik.

Die damals 18-Jährige erhält Medikamente, „für die Farbe“, dennoch verschwindet ihr Sehvermögen nach und nach, taucht die Welt mehr und mehr in tristem Grau ab, bis nur noch dunkle Schatten am Rande ihres Blickfeldes sichtbar bleiben. Ihr Berufswunsch – Bibliothekarin – bleibt darum unerfüllt, sie arbeitet später als Floristin. „Und ich war glücklich damit, überraschenderweise.“

Gudrun Albrecht ist eine zierliche Frau mit kurzen grauen Haaren, freundlichem Gesicht und wachem Blick. Bei ihrem Besuch in Iserlohn trägt sie dunkle Bluse und beige Stoffhose, Hilfe will sie nur da, wo es eben nötig ist, ihren Taststock hat sie stets in Griffweite. „Mit 18 habe ich meine erste Lupe zum Lesen bekommen, viel mehr Hilfsmittel gab es aber damals nicht“, sagt sie.

„Ich habe eine innere Landkarte in meinem Kopf“

Heute ist das anders. Zu Hause verwendet sie ein spezielles Lesegerät, eine Art „Computer auf Stelzen“. „Ohne könnte ich nicht mal meinen Fingernagel erkennen“, sagt sie. Weitere wichtige Hilfsmittel sind ein Aufnahmegerät für Notizen, ihr Taststock, und aufgeklebte Punkte zur Orientierung, etwa an Herd oder Waschmaschine. „Eigentlich habe ich aber alles im Kopf, wo was ist, zumindest in meiner Wohnung“, sagt sie.

Wenn Gudrun Albrecht aber ihre Wohnung verlässt, etwa zum Einkaufen, betritt sie Fremdland. Aber: „Ich habe da eine innere Landkarte im Kopf.“ Doch wenn sie gänzlich unvertrautes Gebiet betritt, zählt vor allem eines, sagt sie: „Fragen stellen ist das Wichtigste im Leben, mit Freundlichkeit geht das alles.“

Mit Freundlichkeit – und auch über die Jahre geschärften Sinnen. Wenn Gudrun Albrecht mit dem Bus unterwegs ist, wie vor wenigen Tagen auf dem Heimweg nach Hohenlimburg, spürt sie kleinste Abweichungen auf ihrer inneren Landkarte: „Die Autobahnabfahrt war gesperrt, da ist man erstmal sehr irritiert, wenn der Bus einen anderen Weg einschlägt und man weiß nicht, wohin es geht.“

Zehn Jahre lebt Gudrun Albrecht nach dem Tod ihres Mannes, sein Beruf führte das Paar vor 40 Jahren nach Hohenlimburg, nun schon allein. Drei Kinder hatten die beiden, von der erblichen Krankheit ihrer Mutter blieben sie verschont.

Für die Zukunft kann sich die 76-Jährige, die früher in Begleitung Marathon lief und in einer Wandergruppe angehörte, einen Umzug nach Iserlohn vorstellen: „Es ist nicht so hektisch hier. Hagen ist dagegen wirklich eine Katastrophe.“