Komödie "Die...
Mit „großem Herbert Herrmann” Sprung ins kalte Wasser gewagt
29.03.2010 | 22:54 Uhr 2010-03-29T22:54:00+0200
Iserlohn. Die Scheinwerfer in der Galerie des Parktheaters waren noch nicht aus, der Schlussapplaus gerade verklungen, da bekamen die ersten bereits Entzugserscheinungen.
„Was? Erst im September geht es mit Boulevard und Nah dran weiter? Das ist aber wirklich schade”, bedauerte am Sonntag eine Zuschauerin, als ihr bewusst wurde, dass das soeben der Schlusspunkt unter der vom Kulturbüro, der Heimatzeitung und der Privatbrauerei präsentierten Reihe in dieser Spielzeit war. Über den Sommer hilft vielleicht die Erinnerung an einen schönen und vor allem witzigen Abend. Denn für den sorgten Herbert Herrmann, Nora von Collande, Patrick Bach und Johanna Mildner - zunächst auf der Bühne, dann mit IKZ-Redaktionsleiter Thomas Reunert beim Künstlertalk in der Galerie.
Dass Noel Coward, der große Meister des englischen Boulevardtheaters, „Die Hochzeitsreise” vor über 80 Jahren verfasste, merkte man der Komödie überhaupt nicht an, schließlich ist die Geschichte von Mann und Frau, die nicht so richtig mit-, vor allem aber auch nicht ohne einander können, zeitlos. Herbert Herrmann, der zugleich Regie führte, und Nora von Collande suchen sich als glücklich Geschiedene Elliot und Amanda zufällig für die Flitterwochen mit ihren neuen jungen Partnern Sybill (Johanna Mildner) und Victor (Patrick Bach) das gleiche Luxushotel in St. Tropez aus, entdecken ihre alte Liebe und Leidenschaft füreinander wieder und brennen gemeinsam nach Paris durch, um diese dort ausleben - was aber doch wieder in Streit endet, bevor es zum Happy End kommt.
„Wenn der Affe gut war, wird die Szene genommen.”
Das Publikum im ausverkauften Parktheater hatte jedenfalls jede Menge zu lachen, wie auch beim „Nah dran”. Vor allem Patrick Back bewies dabei echte Entertainer- und Erzähler-Qualitäten. So als er von den Dreharbeiten zu „Unser Charly” berichtete, wo man als Schauspieler gar nicht gefragt sei, der Tierdompteur die ganze Zeit hinter der Kamera Kommandos gebe. „Und wenn der Affe gut war, wird die Szene genommen.” Mehr Aufmerksamkeit war ihm da zu Beginn seiner Karriere beschieden. Als „Silas” habe er 2000 Briefe pro Tag bekommen, so dass der Postbote nach einer Woche die Anlieferung verweigert habe. „Mädchen schliefen in unserem Garten und warteten darauf, dass sich jemand am Fenster zeigte.” Das habe sich glücklicherweise bald wieder gelegt.
Vor dem großen Schritt vom Fernsehen zum Theater, den er mit „Der Hochzeitsreise” jetzt wagte, habe er lange „kalte Füße” gehabt. Denn er, der eigentlich „leicht zu amüsieren” sei, habe beim Lesen von 90 Seiten langen Komödien, die ihm schon angeboten wurde, „nicht einmal habe grinsen müssen”. „Da war dann auch ein bisschen Feigheit vor der Bühne dabei.” Gefragt von dem „großen Herbert Herrmann” habe er dann aber den „Sprung ins kalte Wasser” gewagt: „Und ich hoffe, er ist gelungen?”, was das Publikum applaudierend beantwortete.
Als „Glücksfall” empfindet Nora von Collande die berufliche Zusammenarbeit mit ihrem Lebensgefährten Herbert Herrmann, „denn er kennt mich, meine Stärken und Schwächen so gut”. Trotzdem habe sie aber zu Beginn der Proben keinen Vorsprung vor den anderen Darstellern. Und zuhause drehe sich auch nicht alles ums Theater, zum Üben fahre man zum Proberaum. Obwohl Thomas Reunert das Pärchen schon mehrfach beim „Nah dran”-Talk begrüßen durfte, gelang es ihm erneut, bisher weniger Bekanntes von ihnen zu erfahren.
"Keine Mädchen mehr, nach Plan essen, keine Freizeit."
So zum Beispiel dass Nora von Collandes Kater „Turbolenzo” - bestens vom vertraglich dazu verpflichtenden Mieter versorgt - in ihrer Villa im Tessin lebt, wofür Herbert Herrmann seine einst verheißungsvoll begonnene Kunstturner-Karriere auf dem Boden und am Reck geopfert hat („Keine Mädchen mehr, nach Plan essen und keine Freizeit - das wollte ich dann doch nicht.”) und wie es die beiden viel Beschäftigten trotzdem in den Urlaub schaffen: „Wir gucken, wann wir nicht spielen und buchen dann ganz früh alle möglichen Flüge. Denn das ist nicht nur günstig - wenn man die Tickets erst einmal in der Tasche hat, nutzt man sie auch.”
Viel Applaus bekam das Paar für sein ehrenamtliches Engagement als Botschafter des „Weißen Rings”, über das sie auf Nachfrage gerne berichteten. Gerade angesichts der unzähligen, aktuell bekannt gewordenen Missbrauchsfälle, so Herrmann, frage er sich, „wann endlich solchen Schweinereien ein Riegel vorgeschoben” und vor allem mehr an die Opfer gedacht werde: „Ein Kind trägt dieses Trauma ein Leben lang mit sich rum.” Wenn eine Mutter ihre Kinder erschlage, sei immer gleich von ihrer „möglichen schweren Kindheit” die Rede: „Warum sagt man nicht einfach: Die hat ein Verbrechen begangen”, war dem sonst stets gut Gelaunten die Empörung anzumerken. Deswegen würden sie auch auf Tournee auf die rein aus Spenden finanzierte Arbeit des „Weißen Rings” aufmerksam machen.
Werbung ganz anderer Art machte hingegen Johanna Mildner, als sie das „Nah dran”-Publikum zu der von ihr inszenierten „Hair”-Aufführung bei den Alsfelder Kulturtagen 2010 im Juni einlud - um auf Nachfrage zu ergänzen: „Die Eintrittskarten müssen Sie aber selber kaufen.” Denn auch in der nordhessischen Stadt sei der Kämmerer klamm. „Da unterscheidet sich Alsfeld wiederum nicht von Iserlohn”, sagte Thomas Reunert, nachdem Johanna Mildner zuvor fälschlicherweise beide Kommunen auf eine ähnliche Größe geschätzt hatte („Wir haben auch 20 000 Einwohner.”) Das verzieh das Publikum der überaus sympathischen Darstellerin jedoch umgehend, freute sich mit ihr über den großen Erfolg der vor zwei Wochen gestarteten „Hochzeitsreise”-Tournee und schloss sich gerne den Wünschen des Moderators für eine gute Musical-Premiere im Sommer an.
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