Mit dem Zwei-Meter-Hasen durch die Bars

Das Ensemble von „Mein Freund Harvey“ in Aktion auf der Bühne des Parktheaters.
Das Ensemble von „Mein Freund Harvey“ in Aktion auf der Bühne des Parktheaters.
Foto: Michael May IKZ
Was wir bereits wissen
Erst erfolgreich mit dem Ensemble auf der Bühne des Parktheaters, dann zu Gast beim Künstler-Talk „Nah-dran“ mit Moderator Thomas Reunert: Es war ein langer und unterhaltsamer Abend für Schauspieler Volker Lechtenbrink- und für seine Fans!

Iserlohn..  Ein besonders gutes Licht auf Psychiatrie wirft dieses Stück ja nicht. Friedfertige und freundliche Menschen, die ein Auge für das Schöne und einen Sinn für das Gute in der Welt haben, kommen dort an, und nach einer Spritze mit Schockwirkung gehen sie wieder „als ganz normale Menschen“, sprich als „ganz normale Miesepeter“, wie es in dem Stück heißt, die nur motzen und an allem etwas auszusetzen haben. Dasselbe soll auch diesem Mr. Dowd geschehen. Auch der hatte sich dazu entschlossen, konsequent friedfertig und freundlich zu sein.

Und anstatt sich als steinreicher Erbe in einen Aufsichtsrat zu setzen und noch reicher zu werden, hat er sich dazu entschlossen, mit seinem Freund Harvey, einem zwei Meter großen Hasen, durch die Bars zu ziehen und einen zu „lüpfen“, wie er sagt; und auch den anderen Menschen, die von Sorgen geplagt an der Bar sitzen, seinen unsichtbaren Freund vorzustellen. Das scheint zu helfen – zumindest in der Komödie „Mein Freund Harvey“, die am Samstag im nahezu vollbesetzten Parktheater zu sehen war.

Der Name Dowd klingt in dem Stück allerdings genau wie das Wörtchen „Doubt“, was bekanntlich Zweifel bedeutet. Und Zweifel kann man in der Aufführung von Regisseur Andreas Kaufmann, der den Komödien-Klassiker von Mary Chase für die „Komödie im Bayrischen Hof“ inszeniert hat und die nach zwei Monaten in München nun am Samstag Tournee-Premiere in Iserlohn gefeiert hat, auch haben – daran, ob dieser Mr. Dowd wirklich so ein unbeschwertes Leben führt. Musik und Beleuchtung können in den Szenen, in denen er über seinen Freund Harvey spricht, durchaus auch mal eine eher beklemmende Wirkung haben. Ein Hinweis darauf, dass dieses Leben als friedfertiger Narr, auch seine Schattenseiten hat?

Kein Zweifel besteht hingegen daran, dass Harvey selbst auch in dieser modernen Fassung des rund 70 Jahre alten Stückes, die mit reichlich Facebook-, Smartphone- und Selfie-Einsatz ganz zweifellos in unserer merkwürdigen Zeit spielt, letztlich eine wohltuende Wirkung auf die Menschen hat und das beste in ihnen hervorbringt. Und dass Harvey auch hier eine Paraderolle bietet. Mit James Stewart im amerikanischen Original und unter anderem Heinz Rühmann und Harald Juhnke in den zahlreichen deutschen Adaptionen bot die Rolle des Mr. Dowd vielen großen Stars Gelegenheit, sich in der vermeintlichen Narrenrolle auszutoben. Nun stand mit Volker Lechtenbrink ebenfalls ein großer Name an der Spitze des Ensembles, der dem Stück ein Gesicht gab, ihm den besonderen Pfiff verlieh und am Samstag nach geglückter Premiere auch reichlich Beifall erntete.

Bühnenberuf kann körperlich schnell zur Qual werden

Volker Lechtenbrink nahm dann auch beim anschließenden „Nah dran“ – letztmalig wegen der Silvester-Deko im Löbbecke-Saal – den größten Raum ein. Vor allem interessierte Moderator Thomas Reunert, wie Lechtenbrink, der gerade 70 Jahre alt geworden ist, es schafft, eine derartige Jugendlichkeit auszustrahlen. Zum einen, so Lechtenbrink, habe er Glück, dass Frische und Beweglichkeit bisher kaum nachlassen.

Zum anderen halte er sich aber auch mit Kieser-Training fit – der Beruf auf der Bühne sei körperlich durchaus anstrengend und werde zur Qual, wenn man nicht fit sei. Im Gespräch wurde aber auch deutlich, dass das Alter eine innere Einstellung der Gelassenheit verlange – dem Alter gegenüber und in Lechtenbrinks Fall auch dem ewig gleichen medialen Muster gegenüber, das die privaten Eskapaden als deutlich interessanter erscheinen lässt als die künstlerisch-schauspielerische Arbeit, die er ja seit der Kindheit auf sehr hohem Niveau fährt. „Das stört mich nicht“, sagt er und macht dabei einen wirklich gelassenen Eindruck, was dann auch wieder doppelt jugendlich wirkt.

Allerdings kann ihm das, was die Regenbogenpresse so schreibt und schrieb, auch in der Tat egal sein, denn es gibt wohl kaum einen Bühnenkünstler, der in seinem Alter noch derartig gefeiert wird. In seiner Hamburger Heimat hat ihn ohnehin jeder fest ins Herz geschlossen, und er wird und wurde mit allen Auszeichnungen überhäuft, die die Stadt zu bieten hat – ein tiefe und auf Gegenseitigkeit beruhende Liebe, die er da in vielen Facetten geschildert hat. Und seine Tochter hat ihm mit dem Stück „Leben, so wie ich es mag“ schon zu Lebzeiten ein Denkmal gesetzt. Hier lässt er sein ausgefülltes Leben, das er ohne Scheu geführt habe, Revue passieren, und hier singt er erstmals nach rund 25 Jahren wieder seine Hits in der Öffentlichkeit, wofür er mit rauschendem Applaus vom Publikum belohnt wird.

Neben ihm nahmen auch Jessica Kosmalla und Markus Stolberg am Plauder-Tisch von Thomas Reunert Platz. Beide sind erfahrenen Serien-Guckern durchaus auch aus dem Fernsehen bekannt. Beide erklärten auf Nachfrage, dass ihnen nach dem schönen Start im verschneiten Iserlohn mit dieser tollen Truppe eine wunderbare Zeit auf Tournee bevorstehe.

Verborgene Talente herausgekitzelt

Und bei beiden kitzelte Thomas Reunert die eher verborgenen Talente heraus, die aber vermutlich gerade den Erfolg als Schauspieler ausmachen. So hat Jessica Kosmalla vor ihrer Schauspieler-Laufbahn eine klassische Ballettausbildung absolviert, die ihr natürlich auch heute bei Tanzszenen noch helfe. Und durch ihre Wurzeln und ihren polnischen Mann ist sie auf dem bestem Wege, auch Rollen auf polnisch zu übernehmen. Von ihrer sprachlichen Wandlungsfähigkeit konnte sich das Iserlohner Publikum auch am Samstag überzeigen, wo sie gleich drei Rollen spielte – unter anderem einen indischen Taxifahrer.

Auch Markus Stolberg hatte schon als Schüler und Klassenclown seine sprachlich-imitatorischen Fähigkeiten erkannt, die ihn dann auch zum Schauspieler machten. Als Sänger und vor allem als Skifahrer verfügt aber auch der gebürtige Österreicher über weitere Talente. Im Stück war er für eine Menge Tempo zuständig und beim „Nah dran“ für eine Menge Lacher. „Ich komme aus einer katholischen Großfamilie, ein Fehltritt durfte da sein“, erwiderte er auf die Frage, was die Eltern zu seinem Berufswunsch als Schauspieler gesagt haben. Und warum ist er Schauspieler geworden? „Wegen des ganz besonderen Genusses des ersten Bierchens nach einer Aufführung.“ Und das genoss er dann auch zusammen mit den vielen „Nah dran“-Fans im proppenvollen Löbbecke-Saal.