„Man darf eben niemals aufgeben“
10.02.2012 | 16:11 Uhr 2012-02-10T16:11:00+0100
Iserlohn.Christoph Meyer ist das beste Beispiel dafür, dass Menschen mit einer Schwerbehinderung sich nicht nur auf dem ersten Arbeitsmarkt behaupten, sondern sogar selber Arbeitgeber sein können. „Allein hätte ich das aber nicht geschafft, das war nur möglich dank der ganzen Unterstützung durch den Landschaftsverband, die Stadt, meine Kollegen und Mitarbeiter und vor allem meine Familie“, sagt der 38-jährige Orthopädie-Schuhmachermeister, dessen berufliche Karriere kaum zwei Jahre, nachdem er das Geschäft seines Vaters an der Friedrichstraße übernommen und ausgebaut hatte, beinahe jäh beendet worden wäre.
Es war am 21. Juli 2002, ein Sonntag mit „bestem Biker-Wetter“, den der begeisterte Motorradfahrer natürlich für eine Ausfahrt nutzte. In Wickede-Wimbern, in der letzten Kurve vor dem Marienkrankenhaus, passierte es gegen Mittag: Christoph Meyer kollidierte auf seiner Fahrbahnseite frontal mit dem Auto einer jungen Bielefelderin. „An den Tag fehlt mir bis heute jegliche Erinnerung, die hört am Vorabend auf.“ Und setzt erst wieder ein, als er nach fünf Tagen auf der Intensivstation das erste Mal aus dem künstlichen Koma geholt wird. Bis dahin haben die Ärzte ihr ganzes Können vor allem erst einmal auf sein linkes Bein konzentriert, das regelrecht zerfetzt wurde, als Christoph Meyer mit dem Auto zusammenstieß, darüber geschleudert wurde und im Graben landete. Kurzzeitig wird sogar überlegt, ob das Bein amputiert werden muss, letztlich können es die Ärzte aber doch noch retten.
Noch viel schlimmer für den jungen Handwerksmeister ist indes die Verletzung im Bereich der linken Schulter, dessen ganzes Ausmaß erst deutlich wird, als er wieder bei Bewusstsein ist. Der Plexus brachialis, das Nervengeflecht, das die Muskeln und Sehnen in Arm und Hand steuert, ist an der Wirbelsäule abgerissen. Am Anfang haben die Ärzte noch die Hoffnung, dass möglicherweise einzelne Fasern wieder zusammenwachsen, doch schon bald wird klar: Den Arm kann Christoph Meyer nicht mehr bewegen, er hängt nur noch schlaff am Körper herunter. „Gerade als Handwerker bekommt man da schon Panik und Zukunftsängste.“
Doch der Iserlohner wird aufgefangen – von seiner Familie, seinen Mitarbeitern und von den Kollegen, mit denen er zusammen die Meisterschule in Hannover besucht hat. „Die haben uns damals vor allem in den ersten Monaten ganz großartig unterstützt“, ist Christoph Meyer bis heute dankbar. Aus Münster und Bielefeld reisen sie regelmäßig an, damit zweimal in der Woche ein Meister im Geschäft ist. Ein Kollege aus Norddeutschland nimmt sich eine Woche frei, um Christophs Vater Heinrich, der mit 69 Jahren wieder verstärkt einsteigt, und nachdem mit einem zusätzlichen Orthopädie-Schuhmachergesellen eine Vollzeitstelle besetzt wurde, zu helfen.
Und auch für Christoph Meyer ganz persönlich gibt es eine andere Perspektive als die Berufsunfähigkeitsrente oder eine Umschulung – dank Helmut Lindenberg, dem Integrationsbeauftragten für Schwerbehinderte der Handwerkskammer Arnsberg. Sein Anteil daran, dass der Schuhmachermeister heute noch seinen Beruf ausüben kann, sei immens gewesen. Denn die Pläne, den Arbeitsplatz von Christoph Meyer behindertengerecht, also seinen Möglichkeiten entsprechend, zu gestalten, stoßen beim Landschaftsverband Westfalen-Lippe, der die Finanzierung übernehmen soll, erst einmal auf wenig Gegenliebe. Zu groß scheint ihnen der kurzzeitige finanzielle Aufwand, wenngleich der natürlich langfristig viel Geld einsparen könnte.
Erst nach zwei Widersprüchen gibt der Landschaftsverband seine ablehnende Haltung auf und stellt knapp zwei Drittel der Investitionssumme zur Verfügung. Allein 24 500 Euro kostet eine CNC-Fräse zur Einlagenherstellung. Eine Bearbeitungshilfe, mit der er auch mit nur einem Arm seine Schleifmaschine bedienen kann, schlägt beispielsweise mit 13 250 Euro zu Buche. Insgesamt werden 150 000 Euro benötigt, um das Geschäft fortzuführen. Neben dem Geld des Landschaftsverbandes und eigenen Mitteln der Familie gibt es von der Stadt ein zinsloses Darlehen über 30 000 Euro. Dass das alles gut investiertes Geld war, zeigt sich heute: Christoph Meyer kann selbst als zu 100 Prozent Schwerbehinderter für seine Familie sorgen. Mittlerweile sind vier Mitarbeiter in der Werkstatt und im Verkauf beschäftigt. Und dass es sich lohnt, immer daran zu glauben, dass es weitergeht und sogar wieder besser werden kann, zeigt sich für Christoph Meyer einmal mehr in diesen Tagen, in denen er eine Reha-Maßnahme macht und dabei die Bewegungsfähigkeit seiner linken Hand trainiert. „Man darf eben niemals aufgeben“, möchte Christoph Meyer anderen Mut machen.
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